Feueraugen III

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von Alexander Zeram
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FEUERAUGEN  III
LESEPROBE aus dem 2. Kapitel

Etwas unsicher führen der Signore und Ricci die Mannschaft an. Sie wissen nicht, in welcher Richtung man sich halten sollte und werden schon kurz nach dem Aufbruch immer langsamer.

"Wisst ihr, was mich nicht in Ruhe lässt?"

"Was denn, Michel?" Marlène ist neben ihm stehen geblieben und hat sich bei ihm eingehakt.

"Dass dieser Himmel über uns so glasig wirkt. Sieht aus, als ob man eine Art Glaskuppel über das Gebirge gestülpt hätte."

"Ja, er hat recht!", findet auch Baldwin.

Jetzt bleiben alle stehen und richten ihre Blicke nach oben.

"Weiter ... nicht lange aufhalten! Wenn wir über jede Lappalie zu diskutieren beginnen, kommen wir nicht voran!" Rodolphe behält seine Nerven, und da er sich mit einem Mal wieder an die Spitze der Mannschaft stellt, scheint die Führung Riccis und des Signore abgelöst. Sie marschieren an einer Bergflanke entlang und bemerken dabei, wie sich der glasige Himmel langsam verdüstert. Zugleich steigen Nebelschwaden auf. Wie aus dem Boden kommen sie und verdichten sich erschreckend rasch.

Es dauert nicht lange und sie befinden sich wieder in dichtem Nebel.

"Wie lange soll das noch so weitergehen!", jammert Michel. "Berge, Felsen, Schluchten, Nebel und wieder Nebel! Wohin führt uns das?"

Kaum hat er diese Frage ausgesprochen, setzt unvermittelt von irgendwoher Musik ein. Von weit her kommen die Klänge durch den Nebel, der sie umgibt. Erst ganz leise, schließlich lauter und der Klang wird kompakter, greller ...

... lauter und lauter ...

... lauter und lauter ...!

"Was ist das?", fragen sie alle und bleiben stehen.

Das Crescendo des schweren Akkordes nimmt zu. Umso lauter die Musik wird, desto stärker gibt sie ihre Dissonanzen preis. Es dauert etwa fünf Minuten, dann hat der Klang eine solche Fülle erreicht, wie man ihn von keinem auch noch so stark besetzten Symphonieorchester je gehört hat. Ungeheuerlich laut schwillt der Akkord jetzt in weiten, wuchtigen Wogen weiter an und die Tonskala umfasst so viele Oktaven, wie sie das menschliche Ohr kaum wahrnehmen kann. Orkanböen gleich entfaltet dieses Klangspektrum eine geradezu zerstörerische Gewalt.

"It's horrible!", ruft Dalia aus und hält sich die Ohren zu.

"Horrible? - Es is' grauslig, Miss Lama!", verstärkt Emma.

Die Klangmassen wirken erdrückend. Bis auf Rodolphe, den sein Helm etwas schützt, verlieren sie alle nach und nach die Nerven.

Baldwin beginnt herumzurennen und dabei wütend in sich hinein zu schimpfen. Dr. Glücklich erinnert sich seiner Muttersprache und lässt hebräische Flüche los - eskaliert dann aber in Rezitationen aus der Kabbala. Michel windet sich wie von Bauchkrämpfen geschüttelt am Boden. Ricci ist auf die Knie gesunken, hält sich die Ohren mit beiden Handflächen zu und schreit dabei in unartikuliertem Tonfall. Cassius verschluckt sich an einem Kaugummi und quält sich mit einem heftigen Hustenanfall herum.

Bald liegen sie keuchend und schreiend am Boden, wälzen sich wie Wahnsinnige zwischen den Felsbrocken und versuchen nicht mehr, sich die Ohren zuzuhalten. Sogar Rodolphe sitzt in sich zusammengesunken da und zittert am ganzen Körper.

Von einem Augenblick auf den nächsten bricht das Klanggebäude in sich zusammen. Die nachfolgende totale Stille wirkt nicht weniger bedrohlich als der ohrenbetäubende Lärm davor.

Minutenlang liegen die Baldwinschen dann regungslos auf dem Boden. Was geschehen ist, wissen sie nicht, aber alle fürchten, dass der Akkord wieder einsetzen und ins Unerträgliche anschwellen wird.

Als sich nach gut zehn Minuten nichts weiter ereignet hat, raffen sie sich langsam auf.

"Was wird kommen?", fragt Baldwin vor sich hin. Sein Blick wirkt verloren, er zittert noch immer und seine Haut ist aschfahl.

"Ich weiß es nicht, Chef! Ich weiß es wirklich nicht mehr!", erklärt Zeramov. Er hat sich auf einen großen Felsbrocken gesetzt und blättert verzweifelt in seinem Notizblock. Er ist vollgeschrieben - aber nirgends kann er einen Hinweis darauf finden, was sie eben erlebt haben. Mit einer resignierenden Geste wirft er das Büchlein von sich.

('Na endlich - das wurde auch langsam Zeit!')

 

*         *         *

 

Sie warten!

Dieses Erlebnis hat ihnen einen Schock versetzt und mit einem Mal scheint ihr Wille gebrochen. Was zählt jetzt auch Schloss Rachass noch? Die Angst vor dem, was kommen wird, ist viel größer als die Neugier, von der sie bisher getrieben worden sind.

Da … Schritte auf dem Kies!

Schwere Stiefel über knirschenden Knies!

"Jetzt!", raunt Ricci dem Signore zu und greift sofort nach seinem Schwert.

"Ja ... jetzt ist's wohl soweit!" Rodolphe nickt den beiden zu.

Zum Glück sind sie alle noch bewaffnet. Das beruhigt ihn nicht, aber zumindest können sie sich verteidigen - gegen wen auch immer!

"Wir verkaufen unsere Haut teuer, Kinder!" Baldwin steht kampfbereit neben Rodolphe.

Im Nebel wird nach und nach eine hochgewachsene Gestalt immer deutlicher sichtbar. Sie nähert sich ihnen rasch mit gleichbleibend über den Kies stampfendem Schritt.

"Wer ist das?" fragt Dalia.

"Weiß der Teufel ... ein Mann mit Geflügel auf dem Kopf!", brummt Rodolphe.

"Tatsächlich - er muss einen Flügelhelm tragen. Ob er bösartig ist?"

"Das werden wir gleich wissen, Mr. X!", meint Ricci und fasst sein Schwert fester.

"Ja, spätestens dann, wenn er uns anfällt!"

Aber des Signore Befürchtung erweist sich vorerst als ungerechtfertigt.

Der Mann bleibt wenige Schritte vor Baldwin stehen, hebt den rechten Arm bis auf Kopfhöhe und murmelt ein unverständliches Wort. Dann vernehmen sie eine angenehme, dunkle Stimme:

"Entschuldigen Sie, werte Herrschaften, haben Sie zufällig meine Mannen gesehen?"

Baldwins Leute kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dieser Mann ist genau so gekleidet, wie man sich einen Wikinger oder Normannen vorstellt. Er trägt einen Flügelhelm, der dichte Bart kräuselt sich bis auf die Felljacke; Lederrock und Schnürstiefel passen ebenso ins Bild wie die Streitaxt in seiner Linken. Dennoch spricht er akzentfreies Deutsch!

"Ihre Mannen?", wiederholt Baldwin ungläubig.

"Haben Sie niemanden gesehen? Oh, sie müssen hier entlang gekommen sein. Ich bin in einen Abgrund gestürzt und musste über einen großen Umweg den Anschluss finden. Ich bin es leid, immer hinter meinen Mannen herzurennen. Schließlich bin ich ihr Häuptling und sollte sie führen!"

"In dieser Richtung haben wir vorhin Gelächter gehört", sagt Zeramov und deutet den Weg zurück, den sie gekommen sind. "Könnten das ihre Mannen gewesen sein?"

"Ich danke Ihnen, werter Herr! Wenn hier jemand lachend durchs Gebirge zieht, dann meine Mannen! Recht vielen Dank ... die Götter mögen Ihnen und ihren Freunden gewogen sein!" Unter Verbeugungen eilt der Mann in die angewiesene Richtung davon.

"Blödmann!" Rodolphe sieht ihm kopfschüttelnd nach.

"Wahrscheinlich sind wir

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