Eine Wild-Welt-Geschichte

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von Alf Glocker
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Wir schreiben das Jahr 2159, das 100ste Jubiläumsjahr unserer Vorherrschaft auf dem Planeten Kopfbrett, Sternzeit 3,5 auf der, nach hinten offenen, Trichterskala. Alles ist in bester Ordnung! Wir sind glücklich und zufrieden, denn der lange Frieden – der längste den unser Planet je erlebt hat – lässt uns das Leben genießen!
Die Welt ist schon lange, im größten Einvernehmen, in zwei riesige Hemisphären geteilt: in die grellgraue und die mattgraue Hemisphäre. Das dumme Riesenreich der schweinshäutigen Steckdosennasen ist schon lange zusammengebrochen. Sie bereiten uns keine gravierenden Probleme mehr!

Früher haben sie uns versklavt, sie ließen uns für sich arbeiten und sie haben uns gleichzeitig ihren Ramsch verkauft, mit dem wir nichts anfangen konnten, weil sie dachten wir seien ein „Markt“. Dabei haben sie sich stets noch gegenseitig bekriegt, weil jeder seinen Vorteil aus uns schlagen wollte. Auf uns haben sie dabei gar nicht geachtet.
Ihre Begabungen waren so vielfältig wie wir später an Zahl, denn was sie auch konnten – es war alles nichts wert! Immerhin konnten wir eines viel besser als sie: uns fortpflanzen. Sie gaben uns unbewusst alles was wir dazu brauchten. Sie bauten uns unsere Städte, sie kreierten unsere Fortbewegungsmittel, sie pumpten uns mit ihrer Medizin solange voll, bis alles und jeder von uns am Leben blieb, obwohl wir große Not litten.

Wenn wir einmal zu viele Kinder gemacht hatten, dann riefen sie bei sich rührselige Spendenaktionen ins Leben und wer von uns zuhause nicht durchgefüttert werden konnte, den nahmen sie rücksichtslos bei sich auf, wo wir sofort weitermachten, uns, völlig unkontrolliert zu verbreiten. Das war keine schöne Zeit, aber sie war notwendig um den allesentscheidenden Umwälzungsprozess einzuleiten, der schlussendlich bewies worauf es wirklich ankommt: auf die Naturkräfte!

Zunächst sah jedoch alles danach aus, als würden wir untergehen. Doch dann machten wir eine geniale Erfindung! Wir erfanden, daß unsere Religion eine größere Erfindung war als alle anderen Erfindungen zusammengenommen! Nicht umsonst glaubten wir an Magnifizenz, den Urvater aller Urmütter und Magnifizenzi, die Urmutter aller Urväter! Sie geboten uns, die masturbationswütigen, jungen Männer, durch einen kleinen, nichtmedizinischen Eingriff, an der Selbstbefriedigung zu hindern und stattdessen sich in unsere Frauen zu entleeren, denen wir bei Todesstrafe verboten, sich zu wehren. Den ganzen Vorgang nannten wir kurz entschlossen „hygienisch“.

Soweit so gut, was uns, die Grellgrauen betrifft. Die Mattgrauen glauben eigentlich an gar nichts, nur an die Kameradschaft. Dort gibt es männliche und weibliche Kamerdonen und Kameradoninnen, die jedoch beide über keinerlei Rechte verfügen. Nur der, an oberster Stelle stehende Kameradonis, verfügt über alle Rechte zusammen! Ihr Land war einmal so eng geworden, daß der Kameradonis das Gebot der Einkind-Ehe verhängte, an das sich aber keiner so wirklich hielt. Dann machten auch die Mattgrauen eine bahnbrechende Entdeckung, nämlich die, daß es außer ihrem eigenen Lande noch andere gab, die man einfach besiedeln konnte.

Ihr Land selbst war ja kein „Besiedelungsland“, es war voll! Außerdem wäre es keinem von uns und auch keiner damaligen schweinshäutigen Steckdosennase eingefallen, dort einsiedeln zu wollen, denn die Lebensumstände waren einfach fürchterlich. Alles stank, vom Dreck einer missglückten Schein-Industrialisierung, und die Staatsverwaltung gebärdete sich derart willkürlich, daß sogar die Kameradonen und Kameradoninnen am liebsten alle sofort wo anders hin gegangen wären.

Nun ja, seitdem hat sich eben sehr viel verändert. Grau ist jetzt die Einheitsfarbe unseres Planeten mit dem vielsagenden Namen „Kopfbrett“. Unsere Unterdrücker sind bezwungen! Aber die schweinshäutigen Steckdosennasen sind nicht ganz ausgestorben – Magnifizenz und Magnifizenzi seien dafür untertänigst gepriesen! Wir hätten sie doch irgendwie vermisst! Deshalb haben wir sie auch quasi nachgezüchtet. Es gelang uns, aus den letzten, verstreuten Exemplaren, die wir zum Glück noch einfangen konnten, eine respektable Population neu zu erstellen, die uns stets gut zu Diensten ist.

In eigens dafür aufgebauten Zuchtanstalten leben heute wieder nahezu eine Million Stück von ihnen. Diese Landwirtschaftlichen Betriebe beliefern regelmäßig unsere Bedarfsstellen, von wo aus die Produkte punktgenau verteilt werden. Die schweinsfarbene Weibchenhaut hat es uns nämlich besonders angetan. Die Stuten der Schweinshäutigen sind einfach unerreicht. Sie haben wunderschöne …(dürfen wir nicht aussprechen) und auch ihre…. (dürfen wir ebenfalls nicht aussprechen) sind einmalig, heutzutage aber durchaus bezahlbar.

Besonders der vereinheitlichte Typ „Garbie“ geht weg wie die warmen Semmeln! Er (die Stute) hat, wie gesagt, diese wundervolle Schweinsfarbe und nunmehr durchgehend silberglänzende Haare. Früher gab es die Schweinsnasenstuten mit allen möglichen Haarfarben (z.B. blau, sumpfgrün und violett), aber nachdem fast ausschließlich Garbie bestellt wurde, haben wir auch nur mehr diese Variante hergestellt. Garbie wird, nach Erreichen des 12. Lebensjahres als Liebesdienerin eingesetzt. Mit ca. 25 Jahren wird sie von einem geeigneten Bock ihrer Gattung besamt, damit die Reproduktion der Steckdosennasen nicht zum Erliegen kommt (damit hatten sie selbst, zu ihrer Zeit, ja schon die größten Schwierigkeiten).

Wenn sie zwei bis dreimal geworfen haben, werden die Garbies, im hohen Alter von ca. 30, an einen der nächstliegenden Sado-Vereine überstellt, wo sie von Fachleuten kunstgerecht auseinander genommen werden. Die Böcke werden schon ab dem 6. Lebensjahr als Lustknaben verwendet – außer sie sind von riesenhafter Statur. Dann füttern wir sie zusätzlich mit hormonreicher Kost und bereiten sie auf die Bocks-Kämpfe in der Arena vor. Das ist besser, und beim Volk beliebter, als jeder Kinofilm! Die Kämpfe dauern gewöhnlich bis zum Tod eines der Sportler! Eine Ausnahmeregelung gibt es nur sehr selten. Wer für Lust und Sport zu alt geworden ist, kommt in die Minen, wo er einen kurzen, aber spannenden Lebensabend verbringen darf. Gnadenbrot inbegriffen.

Von Anfang an müssen sich die Würfe der schweinsfarbenen Steckdosennasenweibchen, mit einem Spezialgerät auf ihre Intelligenz überprüfen lassen. Das, noch von den Schweinsnasen selbst erfundene Gerät, misst die Hirnströme auf ihre Intensität hin, und wenn eine außergewöhnlich hohe Aktivität festgestellt wird, sollte das Junge sofort an die Tierkörperverwertung überstellt werden! Das ist jedoch nichts weiter als eine notwendige Vorsichtsmaßnahme! Von Glück können wir sagen, daß sie den Apparat niemals in ihren eigenen Reihen ausprobiert haben. Vermutlich hätte das die Einsetzung kompetenter Persönlichkeiten in leitende Positionen zur Folge – und wir hätten dadurch das Nachsehen – gehabt.

Was das Gerät zu leisten imstande ist, haben wir beinahe, dramatisch am eigenen Leibe erfahren… Wir benutzten es anfangs dazu, ihre Genies herauszufiltern. Diese haben wir dann, in einer eigens für sie eingerichteten Enklave, zwischen den Hemisphären Grellgrau und Mattgrau, angesiedelt. Dort sollten sie noch einmal ein Zeitalter der Erfindungen ankurbeln. Das gelang ihnen auch sofort! Aber das Erste was sie entwickelten, war ein Gift, das sich allein auf Grautöne verheerend auswirkt. Wäre es zum Einsatz gekommen, hätte es uns alle ausgerottet und nur die schweinsfarbenen Steckdosennasen wären übrig geblieben! Zum Glück hat uns das einer der Ihren verraten. Ein Einsatzkommando aus gemischtem Grau kam gerade noch rechtzeitig um das Schlimmste zu verhindern. Es hat den Verbrechern die dreimal vermaledeite Schweinshaut vom lebendigen Leibe gezogen! Im Sterben haben sie ihre Untat bereut. Der Verräter wurde begnadigt – er durfte noch ein paar steckdosennasige Stuten besteigen, bevor er sanft eingeschläfert wurde.

Heute sind wir quietschfidel und glücklich darüber, daß es uns gelang, unseren ehrlich empfundenen Glauben als Mittel der Verschleierung dessen benutzt zu haben, worum es uns letztendlich wirklich ging: um das siegreiche Überleben unserer Art! Und den Mattgrauen geht es nicht viel anders. Ihre „Kameradenherrlichkeit“, will heißen „ihre Bereitschaft zum billigen Arbeitseinsatz“, die längere Zeit bei den schweinsfarbenen Steckdosennasen als vorbildlich galt, hatte den selben Erfolg. Sie verdienen zwar auch heute noch fast nichts und haben kaum was vom Leben, aber die dienstbaren Überbleibsel der einstigen Herrscher von Kopfbrett trösten sie doch über so manchen bleibenden Missstand hinweg.

Nicht ganz unerwähnt bleiben sollte auch, was wir mit dem geistigen Erbe unserer heutigen Schutzbefohlenen angestellt haben: wir haben es samt und sonders vernichtet! Sie waren weder mit unserem Glauben, noch mit der von ihnen ausgehenden Langzeitbedrohung, unserer friedliebenden Bevölkerung gegenüber, vereinbar. Es konnte einfach nicht angehen, daß man unsere einfachen, aufrechten Leute ständig mit perversen Sauereien konfrontiert – mit Anhäufungen von Nackten – welche die Schweinsnasen sogar in ihre Tempel gemalt hatten. In unseren Augen ist das schlichtweg unmoralisch! Das konnten wir nicht dulden! Und deshalb haben wir sämtliche Marmorfiguren, sowie eingerahmte Beispiele niedriger Absichten pulverisiert und Bauwerke, wie beispielsweise das berüchtigte Segenshaus, in der sogenannten Endlosen Stadt, in die Luft gesprengt! Ihre weltweit umfangreichen Bibliotheken gaben überdies prächtige Freudenfeuer ab.

Was die schweinshäutigen Steckdosennasen selber angeht, muss man sagen: es geht ihnen nach wie vor bestens! Das behaupten sie jedenfalls selber. Die Jungen werden von den Muttertieren nach wie vor nicht genau darüber aufgeklärt, was sie im Leben wirklich erwartet. Schönfärberei ist oberstes Gebot, weshalb man auch ihr bestechendstes Talent immer noch überall antrifft: den Vorauseilenden Gehorsam! Wir haben nichts weiter an ihnen zu vollbringen, als sie für Aufgaben vorzubereiten, die wir ihnen wohlwollend zugedacht haben. Lernwillig sind sie ja!

©Alf Glocker

Diese Geschichte ist natürliche Science Fiction - Ähnlichkeiten mit real existierenden Zuständen sind rein zufällig... ;-)

Bearbeitete Fotografie, Titel: Friedensidyll
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Kommentare

24. Dez 2014

Ich empfinde den Inhalt des Textes als absolut traurig, potenziert dadurch, dass Du Dir Weihnachten ausgesucht hast, ihn einzustellen. Die dahinter stehenden Gedanken gefallen mir nicht. Aber rein technisch gesehen, hast Du diese Dich beschäftigenden Überlegungen einfach brilliant umgesetzt. Wenn nicht der bittere Hintergrund wäre, würde ich Axels Meinung teilen, denn erzähltechnisch macht Dir so schnell wirklich keiner was vor. Und auch Deine Phantasie ist glitzernd-bunt. Das Bild zähle ich mit zu Deinen Besten - ich kenne es ja "in größer" und deutlicher sichtbar -, weil es einen wunderschönen, surrealen Effekt hat! Trotz allem ein schönes, entspanntes Weihnachtsfest Dir und den Deinen!

24. Dez 2014

Danke Axel! LG! Danke Noé, Dir gebe ich zu bedenken, da man sich auch zu Tode tolerieren kann. Man schaut solange weg bis es für alles zu spät ist! Darin sind vor allem die Deutschen Weltmeister!
Sie haben immer schon getan was ihnen von oben her vorgeschrieben wurde. Und auch heute noch ist der Staat durchaus in der Lage wahre Massenveranstaltungen auf die Beine zu stellen, um eventuelle Demokratiebewegungen im Keim zu ersticken! Da gleichen sich tatsächlich die Bilder... LG

24. Dez 2014

meine Texte sind übrigens nicht "technisch gut" - sie sind ehrlich empfunden, gewissenhaft geprüft und leidenschaftlich verfasst...
LieGrü

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