Entgleisung

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von Martha lds
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1.
Den Kauf des Koffers plante sie schon Wochen vorher, als die Katastrophe sich bereits andeutete, aber sie noch Funken der Hoffnung zuließ. Sie plante den Kauf als Trockenübung von Zuhause aus, machte sich Überlegungen um Maß, Farbe und Material. Hier schon spaltete sie ihr Wesen, nahm Abschied vom Alten, und begab sich mit langsamen Schritten ins Neue.

Es musste ein leichter Koffer sein, der sich ohne Anstrengung von ihren Fingern führen ließ. Einer, der sich mit ihrem Wesen verschmolz, der zu ihr gehörte, wie ihre Hand, die ihn über den Asphalt zieht. Der Koffer durfte weder auffällig noch bedrohlich wirken. Umfang und Farbe sollten daher gut gewählt werden. Stabil musste er sein, damit sie sich in schwachen Momenten auf ihn stützen konnte. Auch wollte sie ihn nicht aufgrund der Größe im Gang stehen lassen, daher benötigte er unbedingt die Maße eines Handgepäckstückes. 50 Höhe x 25 Breite x 30 Tiefe sei der Standard für Handgepäck erfuhr sie von einer freundlichen Bahnbeamtin am Schalter, deren Knöpfe ihrer Bluse über der vollen Brust jedes Mal beim Luftholen so anspannten, das sie auszureißen drohten. „Diese Größe können Sie auch mit einem Tritt unter den Sitz verstauen, ohne den Vordermann zu bedrängen“, gab sie bereitwillig weiter Auskunft.

Dass sie an jenem Dienstag den Umweg über den Bahnhof nahm, bevor sie vom Büro nach Hause fuhr, dort ausstieg und sich nach der Standardgröße von Handgepäck erkundigte, fiel ihr erst jetzt, drei Wochen später wieder ein, mitten im gehobenen Taschenladen in der Schiller-Passage stehend. „50x25x30“, flüsterte sie in einer monotonen Endlosschleife, als sie eine weibliche Stimme von hinten unterbrach.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie drehte sich um und erblickte eine zierliche Frau mittleren Alters mit hochgesteckten blonden Haaren. Ihr beigefarbener Rollkragenpullover steckte streng in einem knielangen braunen Wickelrock, und sie wirkte unnahbar und bodenständig. „Nein, können Sie nicht.“ Sie war auch hier gut vorbereitet, war ihr doch klar, dass in Taschengeschäften gehobener Preisklasse in erster Linie weibliches Personal mit einem überwiegend konservativen Erscheinungsbild vertreten ist. Die Damen sind kompetent, zweifelsohne, wissen ihren Beruf gut auszuführen, sind routiniert im Umgang mit dem weiblichen Mittelstand, und wissen dass sie gute Qualität anpreisen, wenn sie Picard, Moschino, Miu Miu oder Powerland ins Spiel bringen. Sie beraten stets freundlich, ohne auch nur ansatzweise penetrant zu wirken. Alles stimmt, nahm sie doch oft genug und gerne deren Kompetenz in Anspruch. Aber heute, hier im jetzt waren die eifrigen, wohlwollenden Damen mit Anstand unbrauchbar für ihr Vorhaben. „Nehmen Sie es mir nicht für übel, aber ich möchte gerne von einem männlichen Kollegen bedient werden.“ Ihre Worte sprach sie freundlich bestimmt, ohne in einem weiteren Nebensatz ihren Wunsch zu rechtfertigen, oder sich gar dafür zu entschuldigen. Die Angestellte erwartete dies aber, denn erst um einige Sekunden versetzt kam ihre Reaktion. „ Wir haben leider keinen männlichen Kollegen, aber ich könnte meinen Chef holen“. „Gerne“, entgegnete sie mit einem gewissen Triumph in ihrer Stimme, denn dies war die Antwort, die sie erwartete. Die Wahl des Taschengeschäftes fiel nämlich keinesfalls per Zufall, sondern war vielmehr das Resultat eines für sie glücklichen Umstandes. Vor einiger Zeit füllte der Besitzer dieses und weiterer drei Taschenläden bundesweit das Sommerloch der regionalen Klatschpresse. Wie Hyänen fielen sie damals über ihn her, da er in eine verhängnisvolle Affäre mit Lug, Trug und Erpressung verstrickt war. Zu dieser Zeit, wurde sein berufliches wie auch privates Leben in sämtlichen, ansässigen aber auch teils überregionalen Printmedien zu Schau gestellt. Entscheidend für ihre Ladenwahl war jedoch ein Interview des Unternehmers in der Stadtzeitung, als die Wogen sich bereits glätteten. Dort nämlich philosophierte er neben Kindheitserinnerungen und anderem über das lustvolle und erotische Unterfangen, welches Frauen beim Kauf von Taschen bisweilen begleitet, und wie gerne er deshalb immer wieder auch im profanen Verkauf seines Lieblingsladens aushilft. Nichts aus der Vergangenheit gelernt, hätte sie denken können, aber da war sie schon auf dem Weg ins Neue, und nahm seine Aussage vielmehr als Mittel zum Zweck.

2.
„Darf es ein Hartschalenkoffer sein, also ein stabiles, aber sprödes Modell, oder lieber ein weicher und flexibler?" Er eröffnete das Verkaufsgespräch ungewöhnlich schnell, nachdem sie sich obligatorisch begrüßt und begutachtet hatten. Es machte ihn nervös und unsicher, wenn eine Frau seinen Blicken standhielt. Sie war schön, besonders ihre dunklen kräftigen Haare, die ihr ovales feingliedriges Gesicht schmückten waren eine Augenweide. Aber obwohl sie nicht groß war, überragte sie ihn, und ihre Schönheit, für die der Ausdruck hübsch nicht genügen würde, beängstigten ihn vielmehr, als dass er sich daran erfreuen konnte. Die Begrüßungsworte, die er stolz und bestimmend von ihrem großen Mund vernahm, ließen seinen Testosteronspiegel dann gänzlich zurückfahren. Dabei waren es weniger die Worte als vielmehr ihre vollen Lippen, mit denen er haderte. Bevorzugte das männliche Geschlecht im Allgemeinen den sogenannten Schmollmund, so erzeugte dieser bei ihm Fluchtimpulse. Dieses Missfallen resultierte aus Kindheitserinnerungen, denn seine Mutter, die der Inbegriff des Schmollmundes darstellte, pflegte ihn als Ausdruck ihrer Liebe so heftig am gesamten Körper zu beißen, dass er zeitweise Wunden mit sich trug. Auch später in der Pubertät überkam es die Mutter hin und wieder, und obwohl sie sein Geschlechtsteil, sowie die unmittelbare Nähe dessen immer verschonte, entwickelte er doch die Fantasie, sie würde es ihm eines Tages abbeißen. Er steigerte sich zeitweise so hinein, dass er starke Albträume entwickelte und die besorgte, unwissende Mutter ihn deshalb zum Therapeuten schickte. Ihm vertraute er sich nach einigen Sitzungen an, was zur Folge hatte, dass der Psychologe in einem Vieraugengespräch der Mutter empfahl ihre Liebe zum Sohn doch anders zu offenbaren, als ihn zu beißen. Und obwohl sich die Mutter der Belehrung des Arztes unmittelbar beugte, verließ ihn dieses Trauma nicht mehr. Deshalb konzentrierte sich später sein Beuteschema auf das Schmallipprige, lieblich Naive. Solche, von der Gattung, die ihn mit großen Rehaugen folgten, wenn er von der großen weiten Welt, die er zu weiten Teilen selbst nicht kannte, erzählte.
Die Frau, die ihm jedoch gegenüber stand, erfüllte keines dieser Kriterien. Sein schnelles Gespür dafür entnahm er der jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit weiblicher Kundschaft und dem mittlerweile routinierten ersten Blick, der

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