HEIDNISCHER TANZ

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von Juliana Modoi
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Ich weiß, ich werde dich niemals finden. Höchstwahrscheinlich warst du nur ein Trugbild. Doch suchen werde ich dich immer, solange ich lebe und auch nach dem Tod. Wer jemals von deiner Anwesenheit etwas ahnte, der hat ewig Sehnsucht nach dir. Für den verliert alles andere an Wert: für den gibt es nur noch dich. Es sind wohl nur wenige Menschen, die von dir wissen. Außer mir kenne ich sonst keinen. Du bist die Verkörperung heidnischer Liebe; dich bringt mein Blut jeden Augenblick in mein Herz. Dich fühle ich in meinem ganzen Wesen walten, ohne dich je zu fassen. Ich weiß nicht, wie ich in jenen Saal gekommen war und wer sich noch dort befand. Alle feierten, indem sie tanzten. Wann der Tanz begonnen hatte, erinnere ich mich nicht und ob es ihn nicht schon seit Jahrtausenden in mir gab, als Unruhe, als Wunsch, als Ewigkeit. Meinen Partner konnte ich nicht sehen, alles spielte sich im Dunkel ab. Die Melodie kam aus meiner Seele, und kein Instrument hätte sie nachahmen können. Meine Füße berührten selten weichen Sand, glitten darauf; ich war ziemlich erschöpft, und kein absehbares Ende stand dem Tanz bevor.

Die Arme eines Mannes wiegten mich. Ich fühlte jedes Detail dieser Arme, sie waren warm und kräftig. Betäubender Duft schmiegte sich an meine Sinne, so dass ich die Welt vergaß und nur noch an die Hände dachte, die mich beschützten. Ich hatte vergessen, nach dem Namen des Tänzers zu fragen, sein Gesicht zu betrachten, ihm meines zu zeigen. Da hörte ich auf einmal seine Stimme, die keiner anderen glich und nur mir verständlich war: „Liebst du Gott?“ „Ich weiß, du bist Gott!“ antwortete ich leise. „Nur manchmal und nur für je eine Stunde“, erklärte mir die Stimme. Inzwischen hatten sich unsere Arme so ineinander verflochten, dass keine Macht dieser Welt sie hätte trennen können. „Weißt du, wir tanzen nicht“, tönte es wie lauter Atem aus einer mir nahen Brust. „Alles ist Trugbild oder — besser gesagt — unsere ganze Umgebung tanzt um uns. Es ist ihr schon längst schwindelig geworden, sie taumelt nur noch. Das ist das sicherste Zeichen für ihr nahes Ende.“

Dass es sich um einen Traum gehandelt haben könnte, wage ich nicht zu behaupten, denn ich erinnere mich zu genau daran. Doch auch sagen, wo und wieso sich dies mit mir abgespielt hatte, kann ich nicht. Ich erwachte jedoch eines Morgens in einem fremden Zimmer, und neben mir lag ein Mann mit regelmäßigen Zügen, nackter Brust und Armen, die durch etwas Unbeschreibliches an mich erinnerten. Er schlief und war schön wie das wellenlose Meer. Magische Kräfte zogen mich zu ihm. Ich hätte ihn niemals verlassen wollen. „Bist du Gott?“ fragte ich ihn vorsichtig und küßte seine Stirne. Er rührte sich nicht, und hätte ich nicht seinen Atem vernommen, wäre ich nicht überzeugt gewesen, dass er lebte. „Du hast mir versprochen, Gott zu sein“, sprach ich verzweifelt zu ihm. Dann wurde mir unheimlich. Ich wollte fliehen. Erst jetzt merkte ich, daß der Raum, in dem wir uns befanden, weder Türen noch Fenster hatte. Ich blieb neben dem Schlafenden und zitterte. Nach langer Zeit streckte er die eine Hand nach der meinigen aus, und in demselben Augenblick verfingen sich unsere Finger wieder ineinander. Ich vergaß mich selbst. In mir begann die Liebe zu wachsen. Sie reichte weit über die Grenzen unseres Zimmers, sie umfaßte bald die ganze Welt. Uns beide gab es zu jener Stunde nicht mehr. Oder gab es uns als blutrote Flammen, deren Ursprung ein und derselbe war? Doch sehen konnten wir einander nicht.

Spät, als die Zeit wieder in unser Leben eingedrungen war, saßen wir umschlungen nebeneinander. „Lehrst du mich, Mensch sein?“ bat ich ihn. Er willigte ein. „Ich muss Wort halten. Ich lehre dich, Frau sein, denn von nun an bist du eine Frau. Dazu musst du wissen, was Liebe bedeutet. Für Menschen bedeutet Liebe, ewig unbefriedigt sein, sich den anderen wünschen, Sehnsucht empfinden, noch bevor man sich von Ihm getrennt hat. Man sucht seine Seele in allem, was einen umgibt, denkt unentwegt an ihn und opfert sich. Ein großes Opfer ist die Liebe. Nur wenige haben gelernt, es nicht zu scheuen. Das Leid der Heiligen ist nichts dagegen!“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da war alles schon verschwunden. Ich befand mich auf einer wohlbekannten Straße, und ein gewohnter Weg wies mir die Richtung, in der sich mein Zuhause befand. Ich hielt jedoch etwas in meiner Hand. Als ich sie öffnete, entdeckte ich viele Linien in meiner Handfläche, die vorher bestimmt nicht darin gewesen waren.

Eines Tages hörte ich ein Lied, dessen Ursprung in meiner Brust war. Ich erkannte es, und meine Schritte führten mich unbewußt in ein fremdes Haus, das ich sonst nie gefunden hätte. Ich öffnete eine Tür und konnte sie nicht wieder schließen. Erwartungsvoll streckte ich die Arme nach der Öde des Zimmers aus. Zuerst schien es mir leer zu sein, doch bald darauf streckte es seinerseits viele Arme nach mir aus. Sie alle waren aus Metall und endeten in geballten Fäusten. Sie versetzten mir unzählige Hiebe und stießen mich hinaus. Ich konnte dich nicht rufen, denn niemals kannte ich deinen Namen. Aber seit jenem Tag suche ich verbissen nach dir. Ich weiß, ich werde dich niemals finden. Wahrscheinlich warst du nur ein Trugbild. Doch die Sehnsucht nach dir wird mich nicht einmal nach meinem Tod verlassen. Für mich gibt es nichts mehr als dich. Du bist die Verkörperung heidnischer Liebe. Dich trägt mein ganzes Wesen in sich.

Veröffentlicht / Quelle: 
Meinen Schutzengel suchend: Lyrik [Taschenbuch]; M. & N. Boesche 1985
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