Moon as my Witness II

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von Giulia Strek
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Wie in einem Zeitraffervideo begannen die kleinen Köpfe der Blumen zu tanzen als der kalte Windstoß sie ergriff. Obgleich der Frühling direkt vor der Tür stand, musste Hannah sich den grauen Schal tief in das Gesicht ziehen. Ihr Atem fand seinen Weg durch das grob gestrickte Material und waberte um die zierliche rote Nasenspitze herum. Hannah blinzelte nachdenklich. Ihre Hände waren klamm von der Kälte, doch wollte sie keine Handschuhe anziehen. Da war sie wie ihr Vater, der den Stoff auf den Händen und zwischen den Fingern wie die Pest hasste. Sowieso war ihr Dad ein Sommermensch. Im Winter, da bekam die Familie ihn kaum zu Gesicht, weil er sich auf seiner Arbeit vergrub.
Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen ertasteten sich ihren Weg durch das Geäst einer großen Trauerweide, die in den warmen Monaten ein schattiges Plätzchen mit einer grün lackierten Holzbank bot. Von da aus hatte man die beste Sicht auf die gesamte Fläche des Geländes, da die Weide auf einer Anhöhe stand. Das Zentrum, das schlagende Herz des Ortes der Stille und Erinnerung.
Das glatte dunkle Marmorgestein wirkte wie frisch poliert. An den Rändern wurde der Stein etwas angeraut und der Steinmetz gravierte auf Wunsch von Hannah einen Mond in die harte Fläche. Daneben funkelten silberne Buchstaben, die die junge Frau vorsichtig mit der Fingerkuppe nachfuhr. Ein brennender Schmerz schoss durch ihren Bauch und stieg wie Säure ihren Hals hinauf. Der Atem begann zu stocken, während sie nach ihrer Fassung suchte. Warm verfolgte die Träne einen unbekannten Weg über ihre geröteten Wangen, blieb kurz an dem Schal hängen und perlte über ihre Lippen hinter der grauen Wolle. Verbissen gruben sich ihre Zähne in die Unterlippe hinein. Sie wollte Schlucken, doch ihr Hals erschien ihr wie zugeschnürt. Langsam drapierte sie liebevoll den kleinen Strauß Blumen auf das Grab. Sekundenlang ließ sie ihre Finger auf der Erde ruhen. Den Friedhof zu betreten, war surreal und doch Teil eines Ritual, dass sie Jahr für Jahr immer wieder am Todestag ihres Vaters aufnahm. Wie bestattete man jemanden, dessen Leiche auf dem Gesteinsbrocken ruhte, der Nacht für Nacht sein silbriges Licht auf die Erde schickte? Der Gang zum Friedhof war für Hannah notwendig um auf dem Boden zu bleiben.
Du musst versuchen immer das schöne Detail in der Dunkelheit zu sehen.
Obgleich sie nur zehn Jahre miteinander verbringen durften, war das Band zwischen Vater und Tochter stärker als manch Einer glauben wollte. Tanten und Onkels, selbst ihre Mutter, waren froh, dass die Erinnerung und der Schmerz an den Verlust langsam verblassten, doch Hannah erfüllte das mit Panik. Tag für Tag blieb sie im Bett liegen, vergegenwärtigte sich seine Stimme und Erlebnisse mit ihm. Eines Tages rief Thomas seine Tochter auf die Terrasse. Eigentlich sollte sie schon im Bett liegen. Er wusste, dass sie nicht schlief, sodass es ihn auch nicht wunderte als seine Prinzessin tatsächlich vor ihm stand. Behutsam hob er sie zu sich auf die Bank, legte eine Arm um sein Kind und fuhr ihr sanft durch das Haar. Sie fragte nicht nach, denn Hannah spürte, dass er sie nur einfach bei sich haben wollte. Zufrieden, voller Wärme kuschelte sie sich an die Seite ihres Vaters, zog die Beine an und die Wolldecke über ihre Körper. In Kissen und Decken gebettet ruhten sie auf der Bank und blickten in den Sternenhimmel. Schweigend funkelten die kleinen Punkte hinab, während ein Arm der Milchstraße sich über das dunkle Firmament schlängelte. Dieser Arm war das Band, das Vater und Tochter miteinander verband. Thomas fühlte, wie sein Herz sich erwärmte. Ein strahlendes Licht durchfloss seine Venen. Als er den ruhigen Atem von Hannah vernahm konnte er langsam den Blick vom Sternenhimmel abwenden, betrachtete sein Mädchen und drückte ihr sanften Kuss auf den Kopf.

Seine Worte durchzogen das Leben Hannahs wie einen roten Faden. Unlängst waren die Erinnerungen an die Beerdigung verblasst. Was blieb waren die Kälte und die Regentropfen, deren Aufprall auf dem leeren Sarg klang, als würde Thomas am Klavier sitzen und sein eigenes letztes Lied spielen.
Als die Erkenntnis über seinen Verlust Hannah erwischte, bäumte sich auch der kindliche Trotz wie ein unüberwindbarer Schutzwall auf um sie aufzufangen als sie drohte zu fallen. Hannah achtete auf sich selbst, denn ihre Mutter war nicht in der Lage auf sie zu achten.
Und, als der Priester begann davon zu sprechen, was ihr Vater für ein Mann war, blendete Hannah diese Rede aus. Sie ließ die Hand ihrer Mutter los, vergrub sie in den Taschen und machte einen Schritt zur Seite. Verstohlen blickten die Augen gen Himmel. Sie musste blinzeln, denn der Regen interessierte sich nicht dafür, dass ein kleines Mädchen unter dem Schirm ihrer Mutter hervorgekrochen kam. Sekunde für Sekunde vergingen. Das Herz begann langsamer zu schlagen, als würde es schweigen wollen um dem leisen Singsang der Welt lauschen zu können.
Das kalte Wasser des Himmels prasselte auf ihre Haut nieder. Sie atmete tief ein und ihre Lungen füllten sich mit frischer Luft. Das Gesicht ihres Dads tauchte vor ihrem inneren Augen auf und blieb dort. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. Mit jedem weiteren Gedanken wurde die Beerdigung zu einem Festival der Erinnerungen und aus dem Schweigen in ihrem Kopf wurde eine wunderschöne Melodie.

„Lichter. Selbst die Nacht besteht aus purem Leben. In der Stadt haben wir unsere eigene Galaxie erschaffen. Wenn man die Dinge so betrachtet, formen wir zwar unsere Welt, wie eine Halluzination, aber ich glaube, dass ist nicht der einzige Sinn dahinter. Mein Name ist Hannah McKennedy. Ich bin Astronautin und bei der NASA, verheiratet und Tochter des auf dem Mond verschollenen Astronauten Thomas McKennedy.“
Die Blume stand in der Vase auf dem Tisch. Ihre Farbe war von silber in schwarz gewechselt. Das Licht des Mondes zog wellenartig über die dunklen Blütenblätter. Sie thronte auf dem Tisch wie auf einem Altar. Eine Erinnerung, die verkrampft lebendig gehalten werden wollte. Ein schwarzer Schatten sog den silbrigen Schleier in sich auf.
Tief fiel ihr das blonde Haar ins Gesicht, als Hannah den Kopf auf einen Arm legte und mit der anderen Hand gedankenverloren an den Blättern der Blume spielte. Die Nacht war still um sie herum. So still wie damals, als die Männer im Anzug ihrer Mutter, sagten, dass Dad nie wieder kommen würde. Ohne Zweifel war die Sonde auf der Oberfläche des Erdtrabanten zerschellt...sie hatten es ja mit eigenen Augen gesehen. Das war mittlerweile 20 Jahre her.
Hannah konnte sich erinnern, als sei es gestern gewesen, dass sie diese Blume im Fußabdruck eines Astronautenboots vor dem Garten Oma gefunden hatte. Hannah schloss die Augen. Ihre Finger fuhren auf einem Bild mit schwarzen Rahmen das Antlitz ihres Vaters nach. Damals hatte Thomas versprochen eine Blume vom Mond mitzubringen und dieses Versprechen hielt er.
Zunächst drangen die Geräusche erst sehr diffus in ihr Bewusstsein. Es begann damit, dass die Lichtstrahlen der Sonne sich langsam am Horizont erhoben, geschickt den Häusern auswichen um schlussendlich durch das geöffnete Fenster in das Wohnzimmer zu scheinen. Ein paar Staubflusen tänzelten im warmen Schein der Himmelsscheibe. Hannah spürte die Wärme im Traum. Sie befand sich mit ihrer Familie auf einem weiten Feld. Sie waren dabei einen Sommerstrauss zu pflücken. Aufgeschreckt stoben Insekten in die Luft, während der warme Duft des Sommers in ihre Nase kroch. Die Stimme ihrer Mutter vermischte sich mit der Stimme ihres Vaters. Und während Hannah von der Vergangenheit träumte, war das aufgeregte Flügelschlagen von Tauben auf dem Fensterbrett zu hören. Das Geräusch vermischte sich mit dem Presslufthammer von der Baustelle und das Brummen der Motoren der Autos wirkte wie die tragende Melodie der aufwachenden Stadt. Vom Innenhof schallten die Stimmen von drei Kindern in die Wohnung hinein und der Markt um die Ecke schien just in diesem Augenblick seine Geschäftstüchtigkeit zu Entdecken. Die ersten Händler begannen ihre Waren anzupreisen, während andere sich noch auf allen möglichen Sprachen miteinander unterhielten. Es war der frühe Morgen, der so unschuldig daher kam. Die Nacht war für die Meisten vergessen. Die Luft spannte sich frisch über die hohen Dächer, der Himmel präsentierte sein tägliches Blau noch mit einem verwaschenen Gelb. Die beständig aufsteigende Sonne spiegelte sich in dunkelbraunen Augen. Ihre Lichtstrahlen tasteten sich durch die dunklen Gassen und verscheuchten die letzten Dämonen der Nacht. Als wollten sie Hannahs Gesicht erkennen, glitten sie wie flüssiges Gold des Himmels über ihr weiches Gesicht, liebkosten das Haar und die Wangen wie eine sich sorgende Mutter. Friedlich ruhte die Astronautin in ihrer Vergangenheit bis dunkle Wolken aufzogen.
Der Sommertag in ihrem Traum begann nach Kaffee zu duften. Hannah zog ihre Stirn kraus, ehe sie leicht blinzelte. Das gleißende Licht stach in ihren Augen, sodass sie diese mürrisch brummend wieder zukniff.
Eine starke Hand fuhr ihr erstaunlich zärtlich durch das Haar. Der letzte Versuch den Traum zu erhaschen, scheiterte, sodass der Schmerz im Nackenbereich um so realer wurde. Hannah konnte sich dazu durchringen die Augen vollständig zu öffnen. Das Licht erschien ihr weniger gleißend, sondern begann die Realität in ein sanftes Gold zu verwandeln. Hannah stemmte ihre Handflächen auf den Tisch. Langsam wurde ihr gewahr, dass sie die Nacht hier am Tisch verbracht haben musste. Ein fragender, müder Blick Richtung des Mannes, der bereits lächelnd eine warme Tasse Kaffee in der Hand hielt.
„Ich fühle mich schrecklich.“ Dankbar griff sie nach der Tasse und pustete den warmen Dampf über den Rand der Tasse hinaus.
„Wer zerknittert aufsteht, kann sich im Laufe des Tages entfalten.“ Ismail ließ sich neben seiner Frau auf dem zweiten Stuhl nieder, langte über den Tisch und nahm sich den Bilderrahmen. Sein Blick ruhte auf dem Foto des verstorbenen Vaters von Hannah. Er hatte diesen nie kennen gelernt, aber laut der Erzählungen musste er ein fantastischer Mann und ein wunderbarer Vater gewesen sein. Und er war sich sicher, dass Hannah mehr nach ihm kann, als nach ihrer Mutter. Selbst die Augen glichen sich nicht nur in ihrer intensiven blauen Farben, sondern auch in der Realitätsferne, der wissende und verträumte Blick, den er als Zoologe nur von Wölfen kannte, war ihnen beide eigen. Hannah trank einen Schluck, stellte die Tasse ab und schlang ihre Arme um sich. Wild fielen ihr die Haare über die Schultern. Der Gedanke, dass Schwiegervater und Schwiegersohn sich nie kennen lernen wurden, war schmerzhaft. Paradoxerweise begleitete der Schmerz über den Verlust Hannah bereits so lang durch ihr Leben, dass sie wüsste, es würde ihr etwas fehlen, wenn er eines Tages weg wäre. Hieße das nicht, dass sie auch ihren Vater vergessen hatte?

©Giulia Strek/ 2014
Erster Teil: Moon as my Witness

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Kommentare

13. Jan 2015

Großartige Bilder - Situationsgemälde mit Tiefe, in denen man sich verlieren kann. Wenn die flüchtigkeitsfehler noch ausgemerzt sind, wird das ein bemerkernswerter Roman!

13. Jan 2015

Dem schließe ich mich an ... Noé hat absolut recht
(auch was die Flüchtigkeitsfehler angeht).
Toll geschrieben!
Viele Grüße
Corinna

13. Jan 2015

Liebe *noé* und liebe Corinna,

lieben Dank für eure Worte!

Ja, die Sache mit den Flüchtigkeitsfehlern...mein Kryptonit, wenn ich das so sagen darf.

Viele Grüße

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