Von der Last zu schweigen

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von Perdita Klimeck
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Berlin, Oktober 1943-So schnell er konnte verließ er den Gloria-Filmpalast am Kurfürstendamm. Sein Magen flatterte und es kostete ihn unendliche Mühe sich nicht zu übergeben.  Noch immer verfolgten ihn die Blicke der älteren Jüdin, die ihn fassungslos angeblickt hatte, als die Gestapo sie am Ausgang des Kinos in Empfang nahm.  Für einen Moment blieb er stehen und sog die klare Herbstluft ein.Kein Aufsehen, nur kein Aufsehen, dachte er, und zwang sich weiter zu gehen. Viel Zeit hatte er nicht mehr um die Bleibe  im Hinterhof der Uhlandstraße aufzusuchen. Es dämmerte bereits leicht und vor Anbruch der Dunkelheit musste er dort sein. Ohne den gelben Stern fühlte er sich zwar etwas sicherer, aber gerade zu dieser Zeit waren die Kontrollen schärfer. Instinktiv glitt seine rechte Hand zur Innentasche. Die falschen Papiere glühten durch den dünnen Stoff seines abgeschabten Mantels. Wie lange würden sie ihn noch retten?
Das letzte Mal, es war das letzte Mal. Beinahe hätte er es laut gesagt, so eindringlich klang seine innere Stimme. Ich kann das nicht mehr tun. Egal was passiert, ich kann nicht mehr.
Lieber lasse ich mich totschlagen, als noch einmal diesen Verrat zu üben.
Fast meinte er die Schläge wieder zu spüren, hörte das Brechen der Rippen. Seine Zunge glitt über die Lücke in seinem Mund. Zwei Zähne hatten sie ihm ausgeschlagen. Sie würden ihn und seine Familie verschonen, hatten sie gesagt. Immer wieder, zwischen den Schlägen. Wenn er für sie Juden suchen würde. Völlig entkräftet hatte er schließlich eingewilligt. Nur so konnte er alle schützen, denn sie wussten wo sie sich versteckt hielt, seine Familie.
Ana, seine geliebte, süße Ana. Sein Herz zog sich zusammen, als er an sie dachte.
Die Gestapo hatte Wort gehalten. Falsche Papiere und die Tatsache, dass er blond war, bildeten den Schutz vor der Ergreifung. Die erste Zeit hatte er sie hinhalten können. Doch die Aufforderungen wurden drängender und er musste es tun. Eben hatte er zum zweiten Mal jemanden ans Messer geliefert.
Er suchte sein Gesicht in einer Schaufensterscheibe. Was er sah, ließ ihn kurz innehalten. Voller Abscheu wandte er sich ab und hastete weiter, nicht ohne sich noch umzusehen, ob ihm nicht jemand folgen würde.
Mit dem letzten Licht bog er in der Uhlandstraße in eine Gasse ein, kletterte über eine halbverfallene Mauer, um dann im Hof des Hauses Nr. 5 hinter einer provisorisch reparierten Holztür zu verschwinden.
"Wir müssen aufbrechen, sofort!"  Seine Stimme klang belegt, duldete aber keinen Widerspruch.

Berlin, Sammellager Große Hamburger Straße, Büro der Gestapo
eine Woche später

SS-Hauptscharführer W.  hieb mit der Faust auf den vor ihm liegenden Aktenstapel. Sein Gesicht war vor Zorn gerötet. "Wie konnte das passieren!", herrschte er den kleinlaut vor ihm stehenden SS-Scharführer K. an.
"Eine Woche schon, und ich erfahre heute erst davon? Saustall hier!"
Diesmal sauste die Faust auf den Schreibtisch nieder. Der SS-Scharführer zuckte zusammen.
"Los, erzählen sie schon, bevor ich mich vergesse und sie vor das Kriegsgericht stelle", bellte SS-Hauptscharführer W. ihn an. "Ihrem Bericht entnehme ich, dass die letzte geplante Aktion im Gloria-Palast erfolgreich verlaufen ist. Eine Person verhaftet und in die Burgstraße überführt.  Richtig?"
SS-Scharführer K. nickte.
" Weiter also keine Vorkommnisse, der Informant hat sich vorschriftsmäßig vom Ort entfernt?"
" Jawohl, Herr Hauptscharführer!"
"Und seit dem hat ihn niemand mehr gesehen, das Judenschwein hat sich nicht wie vereinbart nach zwei Tagen gemeldet um neue Informationen abzuliefern?"
"Das ist richtig Herr Hauptscharführer. "
"Unterkunft geprüft?"
"Gestern,  Herr  Hauptscharführer, alle ausgeflogen, die ganze Familie. Wir haben das gesamte Viertel abgesucht. Keine Spur."
SS-Hauptscharführer W.  schüttelte den Kopf.
"Wir hätten ihn gleich erschlagen und seine Sippe mit dem nächsten Zug nach Auschwitz verfrachten sollen. Was hat uns das nun gebracht? Zwei Juden  gegen fünf, die nun in irgendwelchen Löchern hocken. aber..wir werden sie finden. Berlin wird judenfrei!!"

Berlin, Ende  Mai 1945

Ana´s Hand lag in seiner. Zärtlich streifte sein Blick ihr abgehärmtes Gesicht. Er streichelte ihr Haar und zog sie an sich. Es war vorbei und sie lebten...alle.
Wie sie es geschafft hatten die letzten Monate in Berlin, vermochte er nicht zu sagen. Die Verstecke konnte er kaum zählen. Doch an die Gesicher, die voller Angst im Dunkeln harrten, erinnerte er sich genau.
Den Preis für die Kostbarkeit des Lebens kannte nur er. Diese Schuld würde er niemals tilgen können. Sprechen darüber? Nein, wer sollte ihn auch verstehen.
Die, die aus der Hölle kamen? Die, die er gerettet hatte durch seinen unsäglichen Verrat?
Nein, er musste es verschließen, mit sich ausmachen. Das wird meine Strafe sein. Schweigen.
Es wird nur einen Richter geben, dachte er, und vor den werde ich unausweichlich irgendwann treten.  Und es wird eine Erlösung sein. Noch einmal blickte er in Ana´s Augen.
Dann  straffte er seine Schultern und betrat, zusammen mit ihr, das Gebäude vor dem die sowjetische Flagge wehte.

Berlin, Jüdischer Friedhof an der Heerstraße, 1998

War es wirklich erst achtundvierzig Stunden her, seit die letzten Worte des Schma Israel aus seinem Munde verklungen waren? Nur schwach konnte sie sich an seine brüchige Stimme erinnern, die Worte hallten um so mehr in ihrem Kopf.
Schuld, Schuld,  Schuld..... lastete über allem und legte sich wie ein bleischweres Tuch über sie, schnürte ihr die Luft ab und jagte Messerstiche durch ihr Herz.
Den Worten des Rabbiners konnte sie nicht folgen. Sie zitterte, krampfhaft bemüht ,sich nichts, aber auch rein gar nichts anmerken zu lassen. Wem sollte sie noch nützen, diese Wahrheit.
Wahrheit, was ist Wahrheit..alles in ihrem Leben war seit gestern Lüge, eine einzige große Lüge.
War das dort vorne in dem hellen Weichholzsarg, eingewickelt in Leinentücher, ihr heißgeliebter Vater?  Vater..das Wort stolperte wie Galle durch ihre Eingeweide und grub sich ätzend in ihre Magengrube.
Warum hast du mir das angetan, dachte sie, warum, warum, warum?
Dachtest du, dieser Brief spricht dich frei?
Hass quoll in ihr hoch und sie musste würgen. Der Bruder neben ihr drückte mitleidig ihre Hand.
Wie gut hatte er es doch. Der Brief war nur an sie gerichtet gewesen. So konnte er trauern, ja, er konnte lieben.
Ihr war das nun verwehrt. Seine Schuld hatte er auf ihre Schultern geladen. Mit jeder Zeile ein bisschen mehr. Niemals mehr würde sie einem Mitglied der jüdischen Gemeinde in die Augen blicken können.
Gleich würde ihr Bruder nach vorne treten, um das Kaddisch zu sprechen, das traditionelle Totengebet.
Wenn er nur wüsste....sie ließ den Gedanken fallen. Nein, hämmerte sie sich ein, es reicht, wenn einer an der Wahrheit zerbricht.
Sollte man nicht seine Kinder lieben? Wie wenig musst du mich geliebt haben, dass du ausgerechnet mir die Wahrheit ins Gesicht geschleudert hast.
Schwarz auf Weiß in deiner unnachahmlich steilen Schrift, die ich wegen ihrer Gradlinigkeit immer bewundert habe. So wie dich. Du hast das Bild zerstört, weggeworfen wie einen faulen Apfel. Und mich gleich dazu. Abfall zu Abfall...Asche zu Asche...ja, das hättest du verdient. Nicht so...Einäschern, das wäre das Richtige gewesen. Die Zweideutigkeit des letzten Gedankens ließ sie erbeben.
Gut, dass Mutter nicht mehr lebt, ihr Bild kannst du nicht besudeln. Oder hat sie es gewusst? Nein, das lasse ich nicht zu. Das wird dir nicht auch noch gelingen.
Die sonore Stimme ihres Bruders riss sie aus ihren düsteren Gedanken. Sie versuchte aufzunehmen was er sagte, aber es gelang ihr nicht.
Wovon sprach er überhaupt..welcher  liebende Vater? Wer bist du, der dort vorne liegt. Sag es mir, dreh die Zeit zurück, damit ich wieder atmen kann.
"...stets um das Wohl anderer besorgt.." drang als Fetzen an ihr Ohr.
Fast hätte sie laut aufgelacht.
Ihr wisst nichts, nichts, schrie eine Stimme in ihr, sich dabei überschlagend.
Die Schuld drückte ihre Schultern nach unten, machte sie kleiner und kleiner. Seine Schuld, die nun die ihre war. Ihre Hände krampften sich  und sie grub ihre Nägel in das Fleisch, um mit diesem Schmerz den anderen zu überdecken.
Verstehen, wenn ich es doch nur verstehen könnte! Ich will es ja, aber ich kann einfach nicht.
Du wolltest Mutter retten, deine Eltern, deine Geschwister. Immer wieder hat Mutter  uns erzählt, wie es damals war in Berlin. Ja, Mutter. Du, du mein Vater, hast immer geschwiegen und den Raum verlassen.
Wie ihr euch alle verstecken musstet. Die Angst vor Entdeckung, der Hunger, wie oft Vater  sein Leben riskiert hast, um Brot zu beschaffen. Du, Vater, der Held, der es geschafft hat, dass alle dieses Inferno überlebten. Ohne dich wäre ich heute nicht hier. Und nun?
Alles weg, alles Lüge, ich hatte einen heldenhaften Vater und seit gestern nimmt das Wort Verräter diesen Platz ein.
Du hast geschrieben, du hättest es aus Liebe getan. Aus Liebe...aus Liebe mussten Menschen sterben? Menschen , die in der gleichen Lage waren, die genauso litten wie du?
Sie weinte und schämte sich gleichzeitig ihrer Tränen, weil sogleich mitleidige Blicke auf ihr ruhten.
Ihr Bruder legte den Arm um sie und beide reihten sich hinter dem Sarg ein, der aus der Leichenhalle getragen wurde. Ein letzter Gang zum Friedhof. Am liebsten wäre sie stehen geblieben und hätte ihm diese Ehre verweigert, aber das wäre aufgefallen, sie hätte sich erklären müssen.
Als ob es da etwas zu erklären gäbe.
Verzeih mir Sarah, hast du auf den Seitenrand geschrieben. Verzeihen? Was, was soll ich dir verzeihen?
Deine Lügen, deinen Verrat? Dass deine Schuld jetzt an mir klebt? Was verlangst du von mir?
Ist es das, was du willst, soll ich es herausschreien?  Nur zweimal schriebst du, nur zweimal...
Was haben die Nazischergen mit dir gemacht, dass du unser Volk verraten und verkauft hast. Menschenleben gegen Menschenleben. Vater, ach Vater, es tut so weh.
Sie schluchzte, weil die Erinnerungen an ihn wie eine Welle in ihr hochschlugen.
Ich vermisse dich, deine Liebe, deine Güte. Deine Hand  auf meinem Haar zum Trost.
Sie beugte sich über das offene  Grab und riss ihr Trauerband ab.
Nichts weiß ich, nichts weiß ich von dir.  Wie musst du gelitten haben in deiner Dunkelheit, wie einsam musst du gewesen sein. Darf ich überhaupt dein Richter sein?  Nein, das steht mir nicht zu.
Du hast es mir anvertraut, mir, deiner Tochter. Welch Größe hast du damit gezeigt.
Vater, mir musst du verzeihen, dass ich all die Jahre deine Not nicht erkannte.
Deine Worte sind bei mir gut aufgehoben. Warum weiter zerstören, was andere längst zerstört haben.
Noch einmal beugte sie sich über das Grab. "Ich liebe dich", kam es flüsternd von ihren Lippen.

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