Sexualität am 1. April

Bild von Alf Glocker
von Alf Glocker
Mitglied

Was ist eigentlich Sexualität? Ein Gesellschaftsspiel oder ein Kriegszustand? Leitet sie sich aus der Liebe ab, oder gibt es die Liebe überhaupt nur weil die Sexualität existiert?

Für mich unlösbare Fragen, deren Ausmaße mir klar werden wenn ich in den großen Bereich meiner Erinnerung tauche und dort in den Schubladen stöbere, die mein „Buchhalter“, das „Neutrale Denken“ zusammen mit meinem Humor angelegt hat.
Ihre Aufzeichnungen sind amüsant. Ich nehme die erste DVD die mir in die Hände fällt und lege sie in den Player meines Geistes. Die Bilder beginnen zu laufen. Irgendwer spricht einen Text dazu…

Kürzlich zog mich eine langjährige hübsche Freundin ins Vertrauen, denn sie brauchte meinen Rat. Sie habe sich unsterblich verliebt meinte sie.
„Weißt du, das ist ein unglaublich toller Mann. Er hat die ganze Welt bereist und er bereist sie immer noch – geschäftlich, versteht sich. Er ist Multimilliardär und überall zuhause“.
Ich schaute mir das Foto von ihm an und war sofort begeistert. Weniger von ihm als von meiner Freundin… Zugegeben, der Mann war groß gewachsen, er stand auf Skiern (was auf seine Sportlichkeit hinzuweisen schien), aber er hatte ein Froschmaul,
tiefe Falten und nicht grade ebenmäßige Gesichtszüge. Wie selbstlos musste meine hübsche Freundin sein um sich in diesen Menschen verlieben zu können?!

Angesichts der kuriosen Selbstaufgabe bin ich gerührt und in meiner Rührung sprachlos. Aber mein Erinnerungsvermögen ist nun schon einmal angeregt und so fällt mir eine weitere Liebesgeschichte ein. Eine ganz anders geartete…

Ein früheres Model von mir, eine ganz bezaubernde, ja, eine wahrhaftig wunderschöne Frau hatte sich ebenfalls unsterblich verliebt: in einen Araber. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit leuchtenden Augen von ihm erzählte.
„Die schönsten Männer gibt es in der Wüste“ behauptete sie steif und fest. „Und mein Hosni ist der Schönste von allen! Ok, er stinkt wie ein Ziegenbock! Mit einem deutschen Mann, der derartige Gerüche verströmt würde ich niemals ins Bett gehen, aber bei ihm ist alles ganz anders“.

Sie besuchte ihn so oft sie konnte und verbrauchte dabei ihr ganzes Geld. Auch er erschien einige Male bei ihr in unserer Stadt.
Er gestand ihr, feurig aus großen dunklen, morgenländischen Augen blickend, seine Liebe und vor lauter Sehnsucht nach ihr schwängerte er sogar auf der Rückreise eine Italienerin, die nicht ganz so vorsichtig war wie mein schönes Model. Ich glaube diese wunderschöne Frau liebt ihren Hosni auch heute noch, obwohl sie ihn nie wieder gesehen hat.

Angesichts solcher Beispiele lebendiger Sexualität werde ich manchmal richtig neidisch. Ich denke an meine kleine sterile Reserviertheit, an meine überzogenen Ansprüche, was Fantasie und Ästhetik anbetrifft und ich bedauere zutiefst, nicht etwas selbstvergessener leidenschaftlich sein zu können.

Aber können das Männer überhaupt – sich selbst vergessen, in der Liebesleidenschaft für einen anderen Menschen?
Die Berichte aus der Männerwelt die ich zu diesem Thema zu hören bekam sehen für meinen Geschmack, samt und sonders, viel zu profan und kühl aus.
Ich erinnere mich hauptsächlich an Sätze wie „Hauptsache was zu f…“ und „wenn ich jetzt nicht bald was ins Bett kriege kommt's mir zu den Ohren raus“.

Ich finde da kann einfach keine Romantik aufkommen. Nicht des Begriffs „F…“ wegen, der im alten Sprachgebrauch ja nichts weiter als „Reiben“ bedeutet (sich zum Beispiel die Ferse am Schuh aufficken, usw.). Nein einfach von der praktischen Einstellung zum schönsten Gefühl auf Erden her.
Nicht umsonst gab es im Mittelalter Fachleute für die Romantik, die Minnesänger, damit der einfache Mann auf der Straße, dem Feld oder dem Holzweg, eine vage Vorstellung davon bekam, daß mit einer Frau auch noch etwas anderes zu machen ist als sie schlagen oder schwängern.

In diesem Augenblick ergreift ein ständiger unangenehmer Begleiter meines Lebens, der Zweifel, Besitz von meiner Seele.
Mein Kopf neigt sich etwas schräg, meine paar Gehirnzellen werden dadurch ungeheuer angeregt und ich frage mich, ob die Sexualität ein Segen ist.

Bevor ich zu einem brauchbaren Schluss komme fährt vor dem Fenster ein Leichenwagen vorbei. Ich zucke zusammen! Auf einmal sehe ich meine ganze, erboste Ahnenreihe, bis hin zum ersten Einzeller vor mir und sogar aus dem Wenigeralsnichts erreichen mich die Proteste der Ungeborenen. Meine Philosophie hat anscheinend keinen Anklang gefunden! Aber ich bin doch ein Mensch…!
Folglich denke ich weiter. Worauf kommt es also an? Auf‘s geboren werden und darauf sexuell zu sein, registriere ich die Antwort - wie aus der Kanone geschossen. Doch das gilt auch für Tiere! Was gilt dann für intelligente Wesen?

Es kommt auf die Verehrung an, leuchtet es mir plötzlich ein. Nur diese „Verehrung“ gibt uns schließlich unsere wahre Identität. Durch sie erfahren wir nicht nur unseren „Marktwert“, sondern auch, wer oder was wir sind. Der männliche Part hat dabei die ehrenvolle Aufgabe sich in die Rolle des „aktiven Verehrers“ hineinzudenken – was Fantasie erfordert. Entwickeln Tiere Fantasien?
Denken wir nur einmal an die größten Verehrer aller Zeiten: Don Juan und Giacomo Casanova. Ihre Erfolge sind geradezu legendär.

Ein Mensch im frühen Entwicklungsstadium, „Kind“ genannt, kann solche Gedankengänge natürlicherweise nicht nachvollziehen. Aber solange wir keine Geschlechtsreife besitzen sind wir auch nicht komplett!
Erst durch den Sex erfährt der sogenannte „erwachsene“ Mensch was Leben bedeutet. Er interpretiert jedenfalls, vom Trieb inspiriert, eine Bedeutung hinein.

Mir schwindelt vom vielen Denken und ich hätte gute Lust mir einen Sexfilm anzusehen, der mich der Erde wieder näher bringt. Irgendwie ist mein Kopfkino von selbst angegangen. Ich sehe einen Abenteuerstreifen. Wild brüllend springt eine Horde brünftiger Wikinger an einem mediterranen Strand vom Schiff und stürmt ein Dorf. Ich bin dabei. Die wenigen Männer laufen davon, ein paar schmackhaft aussehende Jungfrauen versammeln sich – eine lebende Mauer bildend – vor den ersten Häusern und werden überrannt. Schlagartig sind sie nackt, sie freuen sich über den exotischen Besuch. Eine wundervoll erotisch Orgie, ein Dionysosfest ersten Ranges entsteht mit und ohne Bondage und bald stöhnen alle in den höchsten Tönen…

„Nein!“ schreit eine Stimme in mir, das kann nicht sein, sowas hat's nie gegeben, aber meine Fantasie meint trocken: lass es doch dabei bewenden, es ist dein Film! Und was du dir zusammendenkst entspringt deiner ganz speziellen Kultur.
Leider hast du dich nie fortgepflanzt und so wird nie wieder jemand denken wie du. Warum hast du es nur hauptsächlich Kreaturen überlassen, denen es schlicht und ergreifend egal ist, ob die Sexualität mehr sein kann als die pure Triebbefriedigung
mit anschließender instinktiver Pflichterfüllung.

Ich bin erschüttert! Aber jetzt weiß ich es…meine Sexualität ist nicht echt und deshalb finde ich mich damit ab auszusterben.
Nur ein kleiner Zweifel bleibt mir noch: Ist eine Sexualität die sich nur, um der Triebbefriedigung willen, in mehr oder weniger ausgelebter Grobheit manifestiert, eine gute Sexualität?

Jetzt höre ich den Teufel lachen, so laut, dass ich nicht mehr weiß, ob ich mich noch am Leben oder schon im Fegefeuer
Vorgehaltener, verpasster Gelegenheiten befinde. Ich gerate in Panik und falle in Ohnmacht…
Dort bin ich endlich frei!

©Alf Glocker

Digitale Malerei
Veröffentlicht / Quelle: 
Auf anderen Webseiten
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Buchempfehlung:

Image of Vrolog 1: Roman-Trilogie
Autor: Alf Glocker
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (2015)
Binding: Taschenbuch, 284 pages

Kommentare

21. Jan 2015

Hast recht!
Ich schlage vor: 1. Geld, 2. Titel (Dr. z.B.), 3. Körpergröße (über einsachtzig liest man häufig), 4. Waschbrettbauch, 5. aber nicht zuletzt: eine Intelligenz, die ausreicht Frauen zu verehren, nicht aber sie zu kritisieren, sonst braucht man 6. die, die...wie sagte der olle Nietzsche doch gleich? Der war vielleicht ein Dödel... Harharr
LG, Alf

Neuen Kommentar schreiben

Kurzgeschichten & Kurzprosa aus der LiteratPro-Bibliothek