Sonntagskind - Page 2

Bild von Martha lds
Bibliothek

Seiten

erkennen. Dabei trafen sich gelegentlich ihre Blicke, und für einen Moment hielt dann die Zeit inne und eine berührende Nähe füllte die tatsächliche Entfernung zwischen ihnen. Karla spürte dann eine unausgesprochene Verbundenheit, die gleichermaßen erkennen und verstehen ließ.
Aber heute ist es anders als sonst.

Die junge Frau
Heute ist es anders als sonst. Heute mag sie nicht aufstehen. Die dicke Federdecke bedeckt ihren eingefallenen Körper bis zu den Füßen. Angenehm warm ist es unter ihr. Es ist schon nach Mittag, und ihre schweren Rollläden verdecken immer noch die Fenster. Die alte Dame steht immer spät auf, ihr ist es egal was die Leute sagen. Schon immer war es ihr egal, was die Menschen hinter ihrem Rücken tratschten. Sie weiß nicht, ob es ihr auch egal gewesen wäre, wenn ihr jemand mutig entgegen getreten wäre, dann hätte sie vielleicht angefangen, über sich nachzudenken, und über den Umgang mit ihren Mitmenschen. Aber da dies nie geschah, gab es auch keinen Anlass, irgendwas zu ändern.
Die alte Dame hört von draußen, wie die junge Frau zu ihrem Mann spricht. Oftmals fühlt sie sich von ihr beobachtet. Und jetzt, wo die neue Holzterrasse fertig ist, platziert die junge Frau den modernen Liegestuhl direkt in Richtung ihrer Veranda.
Sie dreht sich zur Seite, um auf den alten Wecker mit Leuchtziffern zu schauen, der auf dem kleinen braunen Spint steht. Dabei verspürt sie zum wiederholten Male einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust. Ein lautes Stöhnen entweicht ihr. Manchmal erschreckt sie selbst über ihre Laute. Nein, heute bleibt sie liegen, vielleicht auch bis hin zum Abend, heute ist es anders als sonst. Sie hat keine Lust, sich den Blicken der jungen Frau zu stellen, keine Lust, so wie jeden Tag, wenn sie aus der Verandatür geht ein freundlich gespieltes: „Guten Morgen“, zu erwidern. Heute muss sie sich allein vergnügen, die junge Frau.
Gestern, als sie den Kehrbesen suchte, kam sie ins straucheln, fast hätte sie das Gleichgewicht verloren, und wäre auf den Steinboden gefallen. In letzter Zeit bekommt sie so etwas immer häufiger, Gleichgewichtsstörungen. Nicht auszumalen, was dann geschehen wäre. Die junge Frau sieht nämlich nicht so aus, als ob sie die Ruhe bewahren könnte. In ihrem Übereifer hätte sie wahrscheinlich den Notarzt alarmiert. Nicht vorstellbar, welch Maschinerie dann in Gang gesetzt worden wäre, Krankenhaus, Betreuer, Pflegedienst und am Ende steht das Pflegeheim. Diese ganze Leier durchlebte sie schon einmal, und es forderte von ihr einem enormen Kraftaufwand, das letzte der Kette, das Pflegeheim, erfolgreich abzuwenden. Nein, im Grunde mag sie es gar nicht, wenn die junge Frau einen ständigen Blick auf sie hat.
Sie rollt sich auf den Rücken und starrt zur Decke. Selbst mit abgedunkeltem Licht sind die Spinnweben, die sich mittlerweile über die gesamte braune Holzlampe verteilen, sichtbar. Das letzte Mal kam die Großnichte kurz vor ihrem dreiundneunzigsten Geburtstag vorbei, um sie zu putzen. Damit sie sich nicht blamiere, falls Gäste kommen. Es würde ja sonst an ihr, der Nichte hängen bleiben, es würde so aussehen, als ob sie sich nicht kümmern würde, wenn hier alles so verdreckt sei, sagte sie mit barschem Ton. Seitdem tauchte die Großnichte nicht wieder auf. Vielleicht könne sie die junge Frau bitten, aber nein, sie verwarf den Gedanken schnell wieder. Die junge Frau sieht nicht so aus, als ob sie Freude an Hausarbeit hätte. Vielmehr sieht sie mehr als verwöhnt aus. Den ganzen Sommer über trug sie kurze Trägerkleidchen in verschiedenen Farben. Des Öfteren schon konnte sie ihre Unterwäsche, die immer schwarz durchschimmerte, wahrnehmen. Einmal, als sie die junge Frau zu sich rüber rief, damit sie sich Johannisbeeren abpflücke, meine sie auch den Duft von teurem Parfum wahrgenommen zu haben. Beim Beerenpflücken ergab sich die Gelegenheit, die junge Frau eine Zeitlang intensiver zu betrachten. Sie machte einen gepflegten Eindruck und ist zweifelsohne eine schöne Frau. Ihre kräftigen dunkelblonden Haare umrandeten ihr ovales feingliedriges Gesicht. Kleine Fältchen umkreisten bereits ihre blauschimmernden Augen, aber ihre Haut schien jung und frisch. Anfang vierzig wird sie sein, dachte die alte Dame bei sich. Ja, jetzt, als sie die junge Frau nah an ihrer Seite hatte, bestätigte sich ihre schon länger andauernde Vermutung, dass ihr Wesen sie an ihre Geliebte erinnerte.
In sehr jungen Jahren hatte ihr das Schicksal mal zum Glück verholfen, nämlich damals, als der Verlobte nicht aus dem Krieg zurückkehrte und sie kurz darauf die Liebe ihres Lebens kennenlernte.
Ja, die Geliebte, ihre große Liebe, wie lange doch die Skizzen der Zeit andauern. Trotzdem die Vergesslichkeit allmählich auch das Langzeitgedächtnis zersetzt, ist es für sie ein Leichtes, die Geliebte vor ihren Augen tanzen zu lassen. Nein, diese Anmut wird sie nie vergessen. Die schmerzhaften Demütigungen von damals, das Hüten bis hin zum Leugnen ihrer Liebe vor der übrigen Welt, zeigt sich in solchen Momenten jedoch nur noch schemenhaft. Mit der Vorstellung an sie, siegen vielmehr die schönen Augenblicke, beispielsweise, als die Geliebte, die neue Kollegin, das erste Mal die Schwelle des Klassenzimmers betrat und den Raum mit purer Lebenslust füllte. Kurzzeitig wurde sie von diesem Gefühl angesteckt, die glücklichsten Jahre in ihrem Leben. In dieser Zeit entdeckte sie nicht nur die Freude daran, mit Leib und Seele zu lieben, sondern verspürte auch zum ersten Mal das unbändige Gefühl, Liebe zu empfangen.
„Schau nach oben, meine Schöne, es ist so viel kostbarer ins Licht zu blicken, als sich ständig mit dem Staub auf den Schuhen abzumühen“, sagte sie zu ihr, so lange, bis sie es selbst verinnerlichte. In dieser Zeit gab es leidenschaftliche Zusammentreffen, die stürmischer nicht sein konnten. Stets war es jedoch sie, die Geliebte, die verführte, die alte Dame war von Beginn an die Vorsichtigere von Beiden und bis zum Schluss geblieben. Gerne ließ sie sich von ihr in die Leichtigkeit des Seins entführen. Selbst hinter dem Klassenpult, nachmittags, wenn niemand sie erblicken konnte, gaben sie sich ihrer Leidenschaft hin. Nie mehr lachte sie so viel, wie in diesen darauf kommenden Jahren, nie mehr genoss sie das Leben so, wie in den nächsten drei Sommern, nie mehr wieder lebte sie mit solch einer Intensivität.
Nichts von der Großzügigkeit und Liebe zum Leben ist mehr geblieben, nichts, außer das alte, gelbe Cabriolet, das mittlerweile von Spinnweben übersät, immer noch ihre Garage schmückt. Das Auto kauften sie, um ihre erste gemeinsame Reise damit zu bestreiten. Sie, die Geliebte gab den Anstoß dafür, ihr hingegen schien er zu auffällig für ihre Lebenssituation. Die alte Dame versuchte sie für eine dezentere Farbe zu begeistern, doch die Geliebte beharrte auf das grelle Gefährt. Das leuchtende Gelb solle sie immer daran erinnern, den Blick stets zum Licht zu wenden. Den Blick hält bis heute stand, weil sie es ihr versprach, doch mit dem Sonntagskind, wie sie die Geliebte immer nannte, ging auch ihr Lebenselixier.
Als der gehasste Verlobte dem Krieg zum Opfer fiel, musste die alte Dame ihre Freude darüber verbergen, genauso wie das unbändig schöne Gefühl zur Geliebten bis zu ihrem Suizid. Auch dieses Glück, wenn auch ein anderes und bei weitem größeres, musste sie vor der Menschheit leugnen. Dafür hasste sie sie, die Menschen, egal ob jung oder alt, sie sollten keine Freude mehr an ihr haben.

Sie wird heute bis spät in den Nachmittag im Bett bleiben, beschließt sie, als sie ein weiterer stechender Schmerz einholt. Die junge Frau muss sich anderweitig beschäftigen, denkt sie und krümmt die Beine. Ihr Mann, der, der meinte, sie gleich einhaken zu müssen, als sie ihn bat, ihr die verklemmte Garagentür zu reparieren, er wird sie sicherlich unterhalten können. Auch jetzt im hohen Alter weiß sie noch immer, wie sie das männliche Geschlecht für sich gewinnt. Nur die Vorgehensweise änderte sich. Waren es früher ihre Schönheit und Unnahbarkeit, die die Männer, Kollegen wie Nachbarn in ihren Bann rissen, so sind es heute vielmehr vorgespielte Hilflosigkeit und Bewunderung. Aber insgesamt konnte sie ihm noch nie viel abgewinnen, dem männlichen Geschlecht, daran würde auch nichts die Hilfsbereitschaft des Mannes der jungen Frau ändern.
Die junge Frau lebt ihr Eigenleben, dass registrierte die alte Dame schon wenige Tage nach ihrem Einzug. Irgendwie mag sie die junge Frau auch, denn neben der lästigen Neugierde, sieht sie in ihrem Wesen neben der Ähnlichkeit mit der Geliebten auch eine lebendige Traurigkeit, die ihre Gestalt umspielt. Wenn sie sich an guten Tagen auf Entfernung gegenüber sitzen, ist es nicht so, dass sie sich beobachtet von ihr fühlt, sondern kann der Aufmerksamkeit der jungen Frau durchaus auch eine positive Seite abgewinnen. Wenn sie sich an guten Tagen gegenüber sitzen vergisst sie, dass ein weiterer Garten sie trennt, und genießt, dass sich Beide im Zauber der Stille begegnen. Jeder hält seinem Blick stand, und es fühlt sich an, als würden sich ihre Seelen kurzzeitig berühren. In solchen Momenten herrscht zwischen ihnen ein wortloses, einvernehmliches Verständnis, als erkenne der eine den anderen. Zweisamkeit in der Einsamkeit.
Sie nimmt die Wasserflasche vom Spint und dreht mühevoll den Deckel ab. Er fällt auf den dunkelrot gemusterten Teppich. Auch die Flasche findet in ihren Händen keinen Halt mehr und fällt mit dumpfem Knall ebenfalls auf den Boden. Wasser durchnässt langsam den Teppich.
Sie schließt die Augen, und lässt sich von dem sehenden Schwarz immer tiefer in die Erinnerung gleiten.

Seiten

Interne Verweise