1989

von Denis Waßmann
Mitglied, Moderator, Team

Ich wurde in der DDR geboren. Heute hört man oft davon, dass man ihn hätte merken können, den Aufbruch, den Umbruch. Ich war 12 Jahre alt und habe so viel gemerkt, wie ein Zwölfjähriger von so etwas mitbekommen kann. Es war alles eigentlich so wie immer. Die Bilder der politischen Führer an den Wänden waren Normalität für alle. Es gab bestimmte Regeln, an die man sich zu halten hatte. Man wurde in das Sekretariat der Schule bestellt, wenn man ein T-Shirt anhatte, auf dem der Schriftzug „Florida“ aufgedruckt war. Eine Jacke mit dem „Aufnäher“ der BRD-Fahne durfte ich in der Schule nicht mehr anziehen. Ich war ein verhaltensauffälliges Kind, war vorlaut, besserwisserisch und der Klassenclown. Meine Mitschüler und auch die Lehrer liebten oder hassten mich. Mir war das alles „schnuppe“. Ich musste vor den Schülern der gesamten Schule antreten, weil mir das Pionierhalstuch aberkannt wurde. Ich kann heute nicht mehr sagen warum, aber ich weiß, dass aus den Lautsprechern der Schule „Das Lied der Partei“ ertönte. Mich erreichte das gar nicht, und in den Stunden, die ich „nachsitzen“ musste, beteiligte ich mich mehr an den Diskussionen der anwesenden Lehrer, als dass ich es als Strafe hätte empfinden können.

Ich war entweder überdurchschnittlich gut oder hoffnungslos schlecht in den jeweiligen Schulfächern. Eigentlich begann alles sehr hoffnungsvoll für meine Eltern. Die ersten drei Jahre in der Schule war ich so gut, dass ich in die Russischklasse auf eine andere Schule geschickt wurde. Da hielt ich aber nur ein Jahr durch, weil man wegen einer Vier in „Betragen“ den Schluss zog, dass ich wohl doch nicht der Richtige in so einer privilegierten Klasse von Schülern war. Wenn man aus so einer Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, war man ein „Gezeichneter“. Ich hatte meine große Chance vertan. Schon bald jedoch würde das niemanden mehr interessieren, und die Schüler würden Zettel von ihren Eltern mitbringen, auf denen zu lesen war, dass ihre Kinder am Russischunterricht nicht mehr teilnehmen sollten. Doch das konnte jetzt noch niemand wissen.

Meine Freizeit verbrachte ich, wie die meisten Kinder und Jugendlichen in unserer Stadt, in den vielen Abbruchhäusern, die - unbewohnt - zum Straßenbild aller Städte im Osten gehörten. Man richtete sich ein. Es gab verschiedene „Banden“, die die unterschiedlichen Häuser oder Etagen eines Hauses zu ihrem Revier machten. Im unteren Stockwerk probierten sich die Schüler der zehnten Klassen zu dritt oder viert an einer ihrer Mitschülerinnen aus. Im oberen Stockwerk spielten wir „Miami Vice“ nach, erfanden Kriminalfälle und redeten uns mit „Sonny“, oder „Tubbs“ an. Manchmal schickten uns die Älteren an einen der beiden „Kondomautomaten“ der Stadt, was eher eine lästige Pflicht war, um keinen Ärger mit den „Großen“ zu bekommen. Ich allerdings suchte ihn trotzdem immer. Ich beleidigte sie, machte mich lustig und hatte meinen Spaß auf ihre Kosten. Einmal standen drei von ihnen im Hinterhof unseres Abbruchhauses und rauchten. Ich ging auf sie zu und trat einem die Zigarette aus der Hand. „Hier wird nicht geraucht!“. Danach hieß es: schnell weglaufen! Meine Detektivfreunde waren nicht der Meinung, mir helfen zu müssen und so beschloss ich, auch aus Sicherheitsgründen, nicht mehr zurück in unseren Unterschlupf zu gehen. Ich hatte es übertrieben mit unseren „Untermietern“ und sowieso nie richtig Lust, diese Spiele zu spielen. Sie führten zu nichts. Plastikpistolen, selbstgemalte Ausweise. Ich ließ mich in dieser Beziehung schon als Kind nicht betrügen.

An unserer Schule gab es einen weiteren „Problemjungen“. Er hieß Thomas. Außenseiter, wie wir beide es waren, finden wohl oft zueinander. Er war ein ziemlich irrer und frühreifer Bengel, der einen französischen Opa hatte. Also fast ein ganzer halber Viertel-Franzose. Frankreich … ein so fernes Land. Allein diese Tatsache machte ihn mir einfach interessant. Außerdem klaute er genauso viel wie ich. Kein Portemonnaie war vor uns sicher. Man konnte sich immer und zu jeder Gelegenheit unbemerkt irgendwo ein paar Münzen aneignen. Und es gab immer gute Gelegenheiten, diese Münzen irgendwo und irgendwie auszugeben.

Im Sommer gingen wir oft in die Erdbeerfelder am Rande der Stadt. Sie waren eingezäunt und Tabu-Sperrzone. Jeder wusste das. Auch dass sie von einem furchtbar brutalen Mann bewacht wurden, der seinen Schäferhund auf einen hetzte, wenn man es wagte, sie zu betreten. Wir legten uns am Rand des Maschendrahtzaunes auf die Lauer und beobachteten, ob er gerade wieder eine seiner Runden machte. Ich hatte mir überlegt, den Zaun von unten aufzuwickeln, bis eine Lücke geschaffen war, die groß genug sein würde, durchzukriechen. Auf diese Art konnten wir in Deckung bleiben und wurden von weitem nicht so leicht gesehen. Jeder von uns hatte zwei große Körbe dabei, und wir pflückten sie in Eile voll. Dieses Gefühl, diese besondere Art der Angst als Nervenkitzel, spürte ich damals das erste Mal. Das war etwas wirklich Verbotenes, was wir da taten und nichts im Vergleich zu Muttis Portemonnaie und den zwei Mark, die man sich ab und zu mal herausnahm. Diese neue Angst zog mich an.

Nachdem wir unsere Körbe gefüllt hatten, stahlen wir uns unbemerkt - wie wir gekommen waren und mit einem unbeschreiblichen Erfolgs- und Glücksgefühl - vom Feld. Wir aßen die Erdbeeren nicht etwa, sondern gingen damit in die verschiedenen Eisdielen der Stadt, wo man sie uns gerne abkaufte. Für einen vollen Korb gab es zehn bis fünfzehn Mark. Das war eine Menge Geld, und so verabredeten wir uns bald täglich bei den Erdbeerfeldern.

Eines Tages, wir waren wie immer gekommen und mit dem Befüllen unserer Körbe beschäftigt, standen sie plötzlich da - der Mann und sein schwarzer Schäferhund. Wir erstarrten vor Angst, und ich hätte mir wohl fast in die Hosen gemacht. Der Hund beschnüffelte uns interessiert.
„Was macht ihr hier?“. Wir konnten beide nichts sagen, und er zeigte zum Tor: „Nehmt einen Korb voll mit. Ich bringe euch zum Tor, aber lasst Euch hier nicht noch einmal sehen!“ Wir trotteten mit unserem Korb, hängenden Köpfen und voller Angst, der Hund könnte uns jeden Augenblick anfallen, vor ihm her. Er öffnete das Tor und sagte noch einmal: „Es ist verboten, Kinder. Ich möchte euch hier nicht noch einmal sehen!“. Wir sagten: „Ja!“ und: „Danke!“ Dann rannten wir weg, ohne uns umzudrehen. Das also war der furchtbar brutale Mann mit seiner Bestie gewesen. Wir waren aufgeregt. Wir hatten es tatsächlich überlebt, waren davongekommen, und es fühlte sich gut an. Eigentlich fand ich ihn sogar ziemlich nett. Das war wohl der einzige Grund, dass ich später nicht nochmals auf die Felder gegangen bin. Er war wirklich anständig zu uns gewesen!

Wir hatten noch genügend andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Im Zuge des Neu- und Straßenbauprogramms unserer Stadt wurden auch viele Gully-Deckel auf den neu asphaltierten Straßen ausgewechselt. Der Satz „Das Geld liegt auf der Straße!“ wurde hier seinem Inhalt gerecht. So zogen wir mit einem „Bollerwagen“ herum und sammelten nicht nur die ausgewechselten, sondern gleich die neuen Gully-Deckel mit ein. Der Schrotthändler schien sich keine Gedanken darüber zu machen, wo wir ständig mit den Deckeln herkamen, und bald hatten wir so viel Geld zusammen, dass wir unsere kindlichen Bedürfnisse jeden Tag stillen konnten und immer noch so viel übrig hatten, dass wir gar nicht wussten, wo und wie wir es bei den doch recht beschränkten Möglichkeiten einer DDR-Kleinstadt ausgeben konnten.

Alles war wunderbar. Es war ein schöner Sommer. Wir waren auf kein Taschengeld angewiesen, besuchten jeden Tag das Bad, lebten unser Leben und bekamen so gar nichts mit von all den Dingen, die sich um uns herum zu entwickeln begannen. Der eine oder andere Mitschüler verschwand mitsamt seinen Eltern. Wir kannten den Begriff „Abhauen“ nicht, zumindest nicht in diesem Sinne …

Ich denke, mein Horizont war noch nicht weit genug, irgendetwas zu begreifen. Selbst Lehrer verschwanden. Erst als der stellvertretende Direktor der Schule von einem Tag auf den anderen mitsamt seiner Familie nicht mehr da war, merkte ich, dass irgendetwas nicht so wie sonst war. Die Lehrer waren betroffen oder empört. Es sprach aber keiner vom Verrat am Sozialismus oder vom Klassenfeind, nicht so, wie es sonst der Fall gewesen wäre. Ich denke, für viele ist da eine Welt zusammengebrochen. Man konnte eher Sätze zu hören, wie: „Ausgerechnet der Röteste von allen!“, oder: „Der war doch selbst bei der Stasi!“. Natürlich hörten auch wir Kinder diese Sätze. Es begann herauszubrechen, aufzubrechen…Und sicher nicht nur an unserer Schule.

Ich erlebte den Mauerfall in meinem Kinderzimmer. Im Fernsehen wurde es bekannt gemacht. Meine Eltern kamen aufgeregt in mein Zimmer und sagten, ich solle mich anziehen. „Wir fahren in den Westen“. Mein Stiefvater arbeitete bei der Staatlichen Versicherung und hatte einen Arbeitstag hinter sich. Wir sind an diesem Tag dann doch nicht gefahren, da es ihm wohl zu weit und auch zu spät war.

Ich hatte überhaupt keine Vorstellung vom „Westen“. Für mich war es eher immer eine Art Wunder- oder Zauberland gewesen. Etwas Unerreichbares. Etwas, das alle ersehnten, von dem man in der Familie reden hörte. Unter den Kindern mutmaßte man, wie es da wohl aussähe, was es da alles gäbe. Jeder wusste es besser. Ab jetzt war für die Lehrer ein normaler Unterricht fast nicht mehr möglich. Die halbe Klasse fehlte. Auch die meisten Lehrer fehlten. Nach ein paar Tagen fuhren dann auch wir in den lange und nun heiß ersehnten „Westen“.

Wir überquerten bei Hof die Grenze und wurden freundlich im Stau empfangen. Leute gingen auf der Autobahn entlang und verteilten Tee und Brote. Sie verwiesen uns an eine Schule im nächsten Ort nach der Abfahrt. Dort sammelten sich die Leute in der Turnhalle, wo wir auf Matratzen schlafen konnten. Ich erinnere mich gut daran, dass die Menschen wirklich herzlich miteinander umgingen. Am nächsten Morgen begann der Sturm auf die Stadt. Ich war enttäuscht. Mein erster Eindruck vom „Westen“ außerhalb dieser Turnhalle … Enttäuschung! Die Leute sahen genauso aus, wie bei uns in der DDR. Es waren ganz normale Menschen. Sie wohnten in ganz normalen Häusern mit Fenstern und Türen wie wir. Gut, die Kleidung war anders. Hier fuhren andere Autos. Es gab andere Dinge in den Geschäften, aber das war nun wirklich kein ausreichender Grund, der dieses geheimnisvolle „Getue“ all die Jahre hindurch gerechtfertigt hätte. Ich verstand die Erwachsenen nicht. Und eigentlich war das ohnehin alles durch die Kälte und den unangenehmen Schlafplatz keine wirkliche Rechtfertigung für mich, mir solche Strapazen aufzuhalsen. Stundenlang musste ich mit meinen Eltern an der Bank anstehen. Stundenlang von Geschäft zu Geschäft rennen. Es war absolut nicht so toll und aufregend für mich, wie für die Erwachsenen.

Meine Eindrücke über diese Zeit kann ich schnell zusammenfassen. Dieselben Lehrer, die uns immer etwas über Ernst Thälmann oder die Sowjetunion und diesen ganzen Quatsch erzählt hatten, standen plötzlich da und sagten, dass das alles falsch gewesen sei … Der Klassenfeind war jetzt unser bester Freund, ja, wir alle seien ein einziges Volk. Mich hat das alles eh nie interessiert. Die politische Erziehung kam bei mir genauso wenig an wie jede andere. Aber meine Eindrücke von den Menschen haben mein Menschenbild für immer geprägt. Ich kann mich an gerade einen Menschen erinnern, der im Erwachsenenkreis sagte: „Ihr werdet euch noch umgucken!“. Ich hörte nun oft die Worte „Stasi, Verbrecher, rote Schweine“ … Davon hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Alles Bisherige schien vergessen. Jeder war in Aufbruchsstimmung, und ich begriff gar nicht, was diesen Wandel ausgelöst hatte.
Heute begreife ich die Zusammenhänge schon besser, aber eine Rechtfertigung für den Verrat an uns Kindern ist das nicht für mich. Es waren dieselben Menschen, die uns euphorisch zum ersten Mai-Umzug trieben; die mich ins Sekretariat schickten, wenn ich das falsche T-Shirt anhatte oder die Jacke mit dem „Aufnäher“ der BRD-Fahne. Wie sollte ich diese Leute noch ernst nehmen können? Ich war zwölf Jahre alt. Nicht alt genug, alles begreifen zu können, aber auch nicht dumm genug, gar nichts zu begreifen. Die Musik aus dem neuen Kassettenrekorder, den ich zu Weihnachten bekam, klang genauso wie die aus meinem alten RFT-Gerät. Ich verstand die ganze Aufregung um all diese Dinge nicht!

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Kommentare

23. Mai 2016

Danke, hat mir gefallen!
Sowohl der Text als auch die Bereitschaft aus der eigenen Lebenserfahrung zu plaudern.

Viele Grüße
Willi

23. Mai 2016

Einen Dank von Ossi zu Ossi

LG Micha

23. Mai 2016

Sehr gut notiert! Geschichte wird Leben -
Das soll's ja literarisch geben ...

LG Axel

24. Mai 2016

Ja, so ist es: Die Menschen leben überall ein Leben, das einem wohl nur deshalb so interessant erscheint, weil das Gras hinter dem Hügel grüner ist ...
Sehr toll erzählt, du "kleiner" Rebell!

21. Jun 2016

Erfrischend ehrlich ist dieser Bericht über eine Kindheit in der DDR kurz vor der Wende. Eine Kindheit mit allen Faxen und Abenteuern eines 12jährigen Jungen. Erinnert mich an Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Zudem wunderbar unpolitisch. Dann die Öffnung zum Westen, zum 'Gelobten Land'. Es folgte die tiefe Enttäuschung, denn alles erschien ähnlich dem, was vorher war. Keine Götter, kein Paradies, nur 'normale' Menschen.
Bin von dem Text sehr angetan, denn er klärt auf und zeigt mir eine neue Sicht.
LG Monika

16. Jul 2018

Habe längere Zeit über Deinen Text nachgedacht, Denis. Und nun weiß ich endlich, woran er mich erinnert: An den Roman "Als wir träumten ..." von Clemens Meyer, ein Buch das ich vor vielen Jahren sehr gerne gelesen habe. Auch Dein Text hier könnte zu einem ähnlichen Buch, en détail, erweitert werden, das von vielen Lesern gewiss verschlungen würde und ein (seriöser) Bestseller werden könnte.

LG Annelie