Was liest eigentlich: Öff! Öff! – Jürgen Wagner im Interview

25. Oktober 2018
Copyright von Öff! Öff! / Jürgen Wagner

Jürgen Wagner oder auch »Öff! Öff!«, gründete 1991 die „Schenker-“ oder „Schenk-Bewegung“, in welcher er mit anderen Menschen nach eigener Aussage als „globale Konsens-Geschwister“ in radikal offener Argumente-Kultur nur noch für das Wohl des Ganzen planen und schenken möchte. Er wurde in den Medien unter anderem auch als „Waldmensch“ bekannt. Dieses Interview ist ein wirklich interessanter Einblick und beeindruckender Text über Versandhauskataloge, Jesus, Drama und Lyrik und warum Gedichte zu schreiben keine Entschuldigung dafür ist, nichts für die Welt zu tun.

Am Anfang, nach seinem Theologiestudium und Zivildienst, beschloss er 1991, aus der bürgerlichen Gesellschaft auszusteigen, um nur noch für Liebe und Verantwortung zu leben: Er verschenkte seinen Besitz, schickte die staatlichen Papiere an den damaligen Bundespräsidenten und ging mit einem Weggefährten vorerst auf Pilgerwanderschaft. Heute pendelt er zwischen den mittlerweile mehr als zehn Projekten der Schenker-Bewegung, und lebt schwerpunktmäßig in der Region Marburg, auf einer verwilderten Wiese „Real Utopia-Oase“ am Rande von Marburg und in der „Ganzheitlichen Bildungs-Werkstatt lilitopia.de“ in Stadtallendorf, gemeinsam mit seiner Frau Anke Rochelt und dem 7-jährigen Sohn Aljoscha.

Vielen Dank, dass Du zugestimmt hast, uns einen Einblick in Deine literarische Welt zu geben. Ich  denke, dass viele Leser schon einiges aus Deiner – in vielerlei Hinsicht – anderen Welt kennen. Trotzdem werde ich am Ende des Artikels ein paar schöne und interessante Beiträge zu Dir und Deinem Leben verlinken. Aber zuerst – und gleichzeitig die letzte, die Du sicherlich schon oft gefragt wurdest – die eher langweilige Frage: „Öff! Öff!“ – oder „Jürgen“ – was ist Dir lieber?

„Öff! Öff!“ oder Kurzform „Öffi“ denn das ist mein selbstgegebener statt fremd-aufgestempelter Name. Ich sehe das als Teil meiner „ganzheitlichen Freiheits- bzw. Selbstbestimmungs-Revolution“, hier also der formalen Sprach- und Identifikations-Gestaltung. Wenn man es in Vor-Traditionen einordnen mag, kann man es der anarchistischen Richtung des „Dadaismus“ zuordnen.

Welches war Dein erstes Buch – kannst Du Dich daran erinnern, und was bedeutet es Dir heute?

Ich habe als Kind zuerst, wie wohl alle Kinder, verschiedene Bilderbücher bekommen. Aber es gibt da gleich eine gewisse Besonderheit, die vielleicht schon als eine Art Vororientierung für mein späteres, mein ganzes Leben umkrempelndes „Selbst-Bewusstseins- und Orientierungs-Erwachen“ mit 13 Jahren angesehen werden kann: Ich war ein ruhiges Kind, und zog mich oft mit Bilderbüchern zum Anschauen unter irgendeinen Tisch zurück (wir lebten in einer sehr kleinen Wohnung), und relativ schnell waren meine bevorzugtesten Bilderbücher dicke Versandhauskataloge. Ich wollte alles sehen, was es gibt, es kennen und einander im Zusammenhang zuordnen können. Die Welt in ihren Teilen und als Ganzes möglichst gut wahrnehmen und mich orientieren können, was dann mit 13 Jahren, bei einem Sonntagsspaziergang, zu der Auffassung „explodierte“, dass ich mich aus allem blinden Treiben-Lassen, Befehle-von-außen, Hormone-von-innen usw. raussprengen müsste, und als von mir sogenanntes „Organisches Denken“ immer auf die jeweils wichtigste Frage, die ich finden kann, die best-begründbare Antwort suchen müsste, um meinen Lebens-Lauf weder dem Zufall noch unwichtigen oder unbegründeten bzw. verkehrten Faktoren zu überlassen.

Welche Bücher und Autoren haben Dich in Deiner Jugend geprägt und warum?

Meine Eltern waren „bürgerlich-christlich“, wodurch ich Kontakt zur Bibel und zu Jesus-Geschichten hatte. Das habe ich von Anfang an als angenehm und herzerwärmend erlebt, obwohl es in meinem äußerst rationalistischen Erwachen mit 13 Jahren erstmal nicht direkt mit-reflektiert wurde, sondern erst einige Monate später, dann aber Jesus und andere hinzukommende Gestalten wie Buddha, Sokrates, Franziskus, Gandhi usw. zu leuchtenden Vorbildern wurden.

Es gab in meiner frühen Jugend auch Romane, z. B. einen mit dem Titel „Sein großer Freund vom andern Stern“ wo ein Kind mit einem Außerirdischen kooperiert, und viele Romane von Karl May, in denen ja als faszinierender Leitfaden die Vorstellung eines vernünftigen und ethischen Menschen steht, der durch die Welt reist, um Menschen kennen zu lernen und ihnen zu helfen. Aber nach meinem „Erwachens-Erlebnis“ mit 13 Jahren gab es schnell, und immer stärker werdend, eine sehr „ins Nüchterne drehende“ Wendung: Ich bemerkte, dass ich mit fast keinem Menschen wirklich ernsthaft und konzentriert gemäß dem Motto „Immer auf wichtigste Frage best-begründbare Antwort suchen“ reden konnte. Höchstens hier und da „in Häppchen“, soweit es gefällt und man es konsumieren mag, oder als Gewissens-Alibi – weil man ansonsten, als Haupt-Orientierung, betont stur irgendwelchen anderen Lieblings-Motiven folgen will (was dem Einen „Mein Haus, mein Pferd, meine Frau, meine Jacht ...“, ist einem Anderen „billigerer Konsum, Bier usw.“, und einem Dritten ein irgendwie (!) geartetes Lieblingsthema, z. B. wenn ein Professor in seinem freien Forschungs-semester lieber die tausend Varianten der Pünktchen auf dem Rücken der vorderafrikanischen Pünktchenfliege erforscht, statt sich mit der Entwicklung eines zukunfts-rettenden Verantwortungs-bewusstseins der Menschheit zu beschäftigen ...) ((Bitte gern an dieser Stelle jede/r mal in sich prüfen, wozu man selbst wie sehr gehört …)) Wofür ich später auch als wissenschaftliche Erklärung fand, dass es zwar einen klaren wissenschaftlichen Maßstab für Persönlichkeits- und Verantwortungs-Reife gibt, nämlich in der Entwicklungspsychologie das sogenannte „postconventional level“ gemäß Lawrence Kohlberg (mit dem Inhalt, dass man nirgends blind hinterherrennen darf, sondern alles auf Verantwortbarkeit der Folgen (im Ganzen) prüfen müsste … – ein Prinzip, das ich ja schon seit meinem „Erwachens-Erlebnis" kannte …) – verbunden aber mit der zusätzlichen wissenschaftlichen Horror-Erkenntnis, dass sich fast alle Menschen damit entsetzlich wenig beschäftigen mögen, geschweige denn es befolgen wollen …

Angesichts der Oberflächlichkeits- und Kurzsichtigkeits-Verbohrtheit meiner Mitmenschen in ihre fragmentarischen Selbst- und Welt-Konzepte wurden für mich dann – aus der Not geboren –  Konversations-Lexika sozusagen zu „Ersatz-Gesprächspartnern“ (Wikipedia gab es leider noch nicht, wäre natürlich noch günstiger gewesen!) Dort konnte ich mit meinen Fragen einigermaßen weiter-kommen, die immer „systemischer“ wurden, bzgl. der Werte- und Gesellschaftsstrukturen. (Siehe als Ausdruck meines dabei entstandenen Erkenntnis-Standes meinen „Schenker-Grundsatz-Text“, den sogenannten „Öm-Text“, welcher in ersten Entwürfen bereits in meiner Schulzeit entstand, oder – mehr in Begriffen der heutigen politischen Bildung ausgedrückt, die eigentlich bekannt sind, und trotzdem verheerend verdrängt werden – eine Auflistung von „Kernpunkten systemischen Wandels“ …)
Es gibt ja viele Menschen, die auch von sich behaupten, im Sinne des Prinzips „Global denken, lokal handeln!“ eingestellt sein zu wollen … Aber was kommt raus, wenn man mit ihnen im Zusammenhang darüber reden möchte, was das bedeutet, oder es gar zu Ende denken möchte – auch bzgl. des Umgangs mit verschiedenen Literaturformen?
Ich wurde ziemlich radikal in meiner Einstellung zu anderer Literatur außer – sozusagen –  „sokratischen“ Abhandlungen darüber, „wie man den Menschen besser machen könne“. Es gibt die Legende, dass Platon mal zu seinem Lehrer Sokrates kam, und ihn fragte: „Ich habe u.a. auch einige Dramen geschrieben. Was soll ich damit machen?“ Und Sokrates soll geantwortet haben: „Es kommt ganz nüchtern auf die Frage an, wie man am besten die Menschen besser machen kann.“ – Und Platon ging weg und verbrannte seine Dramen … Und schrieb stattdessen konzentriert die Dialoge von Sokrates auf: Dialoge mit sehr direkter und nüchterner Argument-Suche, wie man die Menschen besser werden lassen kann … Ein Riesengegensatz zur heutigen Tendenz, die Menschen immer mehr zu leicht dressierbaren „Konsum-Hamstern“ zu machen ...

Ich will nicht sagen, dass solche Argumentation Drama und Lyrik etc. völlig entwertet (siehe z. B. die Gleichnisse von Jesus, oder Aufklärungs-Stücke wie Lessings „Nathan der Weise“ ...). Aber ich würde sagen, dass in der Tat auch Lyrik, Drama etc. (wie vieles andere im Leben) dann zu unheilvoller Zersplitterung, aus dem Zusammenhang gerissener Verselbständigung von Bruchstücken bzw. „Fragmente-Sucht" werden – wenn die Frage, wie viel Lyrik und Drama denn in sinnvoller Verhältnismäßigkeit zu nüchterner Verantwortungs-Prosa steht, nicht (angemessen) mit-bedacht wird ... Und wenn dabei nicht genug Verantwortungs-Prosa rauskommt, um eine griffige Beschreibung eines global verantwortlichen Entscheidungs- und Verteilungs-Systems hinzubekommen ... und wenn der betreffende Autor bzw. Mensch das nicht prinzipiell auch in Lebenspraxis umsetzt ... „Ich habe doch Gedichte geschrieben, die auch was zur Verbesserung für die Welt beisteuern sollen ...", ist keine Begründung, sich nicht handfest zu überlegen, wie ein „politisches" Entscheidungssystem ohne Bevormundung, Gewalt und Ausbeutung aussehen müsste, und auch den Schritt in praktische Gemeinschaftsexperimente solcher Art zu machen ...

Heißt wie gesagt nicht, dass keine Gedichte vor diesem Maßstab bestehen könnten; ich denke an Gedichte wie „integer vitae" oder das Gedicht über John Maynard, oder von Michael Ende über den „Prinzen aus dem Morgenland" („Und alle Leute kannten ihn, doch niemand hat ihn je erkannt, und nur die Kinder nannten ihn den Prinzen aus dem Morgenland ..."), oder manche lyrischen Weisheits-Sprüche wie von Lao-Tse über einen, wie ich es nennen würde, „Organischen (Kosmos-)Menschen": „Deshalb der heilige Mensch, er weilt beim Geschäft des Ohne-Tun, er lebt die Lehre des Nicht-Redens ... Die 10000 Wesen werden geschaffen von ihm, doch er entzieht sich ihnen nicht … Er zeugt, aber besitzt nicht; er tut, aber baut nicht darauf ... Ist das Werk vollendet, verweilt er nicht dabei ... Wohl, nur dadurch, dass er nicht verweilt, ist nichts, das ihm entginge ..."
Ich war dabei in meiner Schulzeit jedoch nicht allzu dogmatisch, habe aus Freude am Lernen auch Gedichte wie „Die Bürgschaft" auswendig gelernt ... Aber am wichtigsten war mir, sowas wie die „Bergpredigt Jesu", und, am meisten, meinen eigenen Programmtext für meine global verantwortliche Lebensorientierung (den „Öm-Text") auswendig zu lernen – und in ständiger Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis diese Inhalte mein ganzes Leben lang weiter- entwickeln zu wollen, so gut ich kann …

Der Kerngedanke dieser Antwort, von mir nochmal kurz zugespitzt, ausgedrückt: Bei allem anderen, was wir im Leben machen, muss genug Raum sein für die Beantwortung der entscheidenden (globalen) Sachfragen in Wissenschafts-Prosa. Wobei alle, gerade auch die Wissenschaftler, dabei den („Wissenschafts“-)Anspruch des „Sammelns und Ordnens von Wissen“ endlich richtig ernst nehmen müssten, z. B. nach Kriterien wie dem „Organischen Denken“, also nach Wichtigkeit und Richtigkeit zu gehen statt nach Gefallen, oder wozu man gedrückt oder wofür man gekauft wird … Einschließlich der Bereitschaft zu ausreichenden praktischen Gemeinschafts-Experimenten ...Da darf man sich – mit Blick auf die Kinder der Zukunft – nicht einfach was anders aussuchen bzw. als Ersatz ...

Liest Du Deinem Sohn Aljoscha aus Büchern vor und wenn ja, aus welchen?

Ich spreche statt von „Erziehung" lieber von „Begleitung zur Freiheit" … Und ich denke, dass einem jungen Menschen der ganz weit geöffnete Horizont aller Lebensalternativen geboten werden sollte, eine unzensierte, möglichst komplette „Alternativen-Übersicht“ ... Wie soll sonst freies Wählen möglich sein?
Gandhi sagte mal, eigentlich komme es entscheidend nur darauf an, ein Kind lernen zu lassen, was denn wert ist, gelernt zu werden, und wie das dann angegangen werden kann ...
In diesem Sinne lese ich meinem Sohn Aljoscha als Anregung Verschiedenstes vor bzw. lasse es ihn lesen, von Donald Duck bis z. B. zur Bibel ...
Und empfehle ihm besonders Wikipedia – was wir alle IMHO durch Schaffung ausreichender technischer und ideologischer „Barrierefreiheit" zu einem echt geeigneten „Verantwortungs-Navi der Menschheit" machen sollten ... [Vgl. meine diesbezügliche Einladung]

»Bücher, die man gelesen haben muss«– hast Du eine persönliche Liste, die Du jedem nahelegen würdest?

Hierauf kann ich recht kurz antworten: Ich habe ein Buch geschrieben über Mahatma Gandhis Vorstellung von Gerechtigkeit und die Umsetzungs-Versuche dieser Ideale in Gemeinschafts-projekten, und meine Frau Anke Rochelt hat auch ein wissenschaftliches Fachbuch geschrieben, über „Bildung für ganzheitliche Nachhaltigkeit bzw. globale Verantwortung" ...  Diese Bücher und die darin empfohlene weitere Literatur, und eine mittlerweile auch entstandene „Chronik von Schenker-Bewegung" – das kann ich am ehesten als Bücher empfehlen; es ist kostenlos downloadbar hier  ... (Ein Buch mit dem Titel „Handzettel für Schenker-Naturheiler" hab ich auch geschrieben, werde es noch irgendwie hinzufügen ...)
Am wichtigsten, statt Bücherlesen, ist aber, sich selbständig aus dem Leben, von innen verwurzelt, die wesentliche Selbst- und Welt-Bildung zu erarbeiten. Mit Methoden wie dem „Organischen Denken", „Licht-Liebes-Arbeit" usw. ... [Siehe als Empfehlung unsere „Methoden-Übersicht von Schenker-Bewegung“]

Als was betrachtest Du das Lesen, welchen Raum nimmt es in Deinem Leben ein, wie viel Zeit nimmst Du Dir dafür?

Neben der direkt lebendigen Bedeutungs-Erarbeitung durch die zuvor genannten Methoden ist Lesen von sehr zentraler Bedeutung für die Bildung ... Bin viel damit beschäftigt ...

Glaubst Du, Bücher können Veränderungen bewirken? Was hältst Du davon, selbst zu publizieren?

Ja, glaube ich ... Deshalb auch die oben genannten Veröffentlichungen …
(Ich habe mich sogar in den 30 Jahren Aussteigerleben zwischendurch dazu hinreißen lassen, selbst auch ein paar Gedichte zu schreiben und Lieder zu texten und zu komponieren – obwohl ich keine Noten lesen kann – wozu eine Freundin dann die Noten später dazu geschrieben hat …)

Hinsichtlich dem Zugang zu Informationen, den neue Medien möglich machen: Ist das Internet für Dich ein Segen oder Fluch? Bevorzugst Du gedruckte Bücher oder Literatur, die online zugänglich ist?

Internet ist ein wichtiger Fortschritt ... Wie schon gesagt, denke ich, dass wir für global lösungsfähige Bildung sowas brauchen wie ein ausreichend „barrierefreies" Wikipedia als „Verantwortungs-Navi der Menschheit" ... Gedruckte Bücher bleiben trotzdem auch nützlich ...

Woher bekommst Du heute Bücher – gibt es eine alte Buchhandlung, die Du liebst und empfehlen kannst?

Ich bekomme Bücher geliehen oder geschenkt, oder finde mal welche im Altpapier ... Alles ohne Geld, wie es sich für einen „existentiellen Schenker" („lifestyle gift economist") so gehört ...

Vielen Dank, Öff! Öff! für diesen beeindruckenden, komplexen Einblick!

weitere Links:

auch interessant
Bild zeigt Harmen Biró - Gründer der größten Facebook-Gruppe zum Thema Literatur

Literatur auf Facebook. Geht das überhaupt niveauvoll, ohne zu groß…

Denis Waßmann