Deno Licina / Der Poet: alles nur geklaut?

29. März 2018
Bild einer alten Schreibmaschine mit der Aufschrift Plagiat
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Er nennt sich »Der Poet« und wurde mit einfühlsamen und tiefgründigen Posts auf verschiedenen Social-Media-Kanälen berühmt. Zwei Bestseller schrieb er bereits. Ob der nun hereinbrechende Shitstorm seiner zarten Künstlerseele schadet, bleibt fraglich. Denn am Ende war alles nur geklaut, behaupten immer mehr Stimmen.

Der Poet und seine Fans

Deno Licina nennt sich der Poet. Auf Facebook und Instagram warten hunderttausende von Fans auf seine nächsten gefühlvollen Zeilen. In den kurzen Texten geht es um Schmerz, Verlust und die Sehnsüchte eines Mannes, der nicht den Eindruck eines Poeten erweckt. Die wenigen Bilder von ihm zeigen Deno Licina mit dunklem Bart und kräftiger Statur. So ganz unpassend zu den sentimentalen Textschnipseln, sollte man meinen. Doch erklärt es die zumeist weibliche Fangemeinde: Man nehme das Aussehen eines Machos und gebe ihm das feinfühlige Seelenleben eines Künstlers. Und schon hat man ein schmachtendes Frauenpublikum. Steckt hinter dem Widerspruch aus harter Schale und weichem Kern Kalkül, dann löst sich der Widerspruch auf.

Erste Plagiatsvorwürfe

Mittlerweile wird vermutet, dass hinter Deno Licina ein ganzes Team steckt. Und dieses macht nichts anderes, als das Internet nach verwertbaren poetischen Tweets und Texten zu durchstöbern und dreist unter seinem Namen zu veröffentlichen. Schwere Anschuldigungen, jedoch begann alles ganz einfach. Eine Twitter-Nutzerin meldete sich auf dem Kanal des Poeten und beklagte, dass sein neuester Spruch eigentlich aus ihrer Feder stamme. Bei dieser Nutzerin blieb es nicht, weitere Beschwerden folgten und ganze Scharen von Nutzern machten sich auf, nach geklauten Texten zu suchen. Netzwerke bildeten sich, darunter Tiefseelentaucher2018, der auf Instagram Beweise gegen Deno Licina sammelt. Anfragen der Nutzer und Fans auf den sozialen Kanälen wurden indessen geblockt und gesperrt. Der sonst so wortreiche Dichter wollte auf die Anschuldigen nicht antworten.

Selbstbedienungsladen Internet

Dabei ist es ganz normal geworden, sich im Internet mit dem Content anderer Menschen zu schmücken. Man könnte argumentieren, dass jeder ständig die Gedanken, Worte, die Videos, Bilder und Musik anderer für sich nutzt, in den eigenen Feed speist und gemeinhin »teilt«. Doch in diesem Falle setzte Deno Licina seinen eigenen Namen unter die Zeilen, bewarb sie als sein Werk und verdiente schließlich auch viel Geld mit den Gedanken anderer. Denn er schrieb Bestseller, »Der Poet: Das Nachschlagewerk«. Davon gibt es mittlerweile zwei Bände, voll mit geklauten Tweets, laut dem Tagesspiegel. Der Tagesspiegel hat den Anwalt von Deno Licina ausfindig gemacht und ihn zu den Vorgängen befragt. Dieser stellte fest, dass seinem Mandanten tatsächlich auch ein Fehler unterlaufen sein könnte. Jedoch bemerkt er auch, dass die Gedanken hinter den Tweets »nicht originell« sind und »keine eigene kulturelle Leistung« darstellen.

Und damit sind die Tweets nicht urheberrechtlich geschützt. Sie fallen nicht unter den Begriff »Werk« und verfügen nicht über das nötige Maß an Individualität und Originalität. Gleichzeitig solle sein Mandant auch nur das Opfer einer Hetzkampagne sein, die sich nicht nur über die sozialen Kanäle ergießt. Denn auch die Kundenbewertungen seiner Bücher sind von dem kleinen Shitstorm betroffen. Noch vor dem Februar gab es nur 5 von 5 Sterne, sein aktuelles Werk rangierte lange Zeit auf Platz eins in der Rubrik »Philosophie Allgemein«. Mittlerweile musste Amazon die Notbremse ziehen und erlaubte nur noch Nutzern, die das Werk auch wirklich gekauft hatten, Bewertungen abzugeben. Denn auch bei seinen beiden Bestsellern wurde geklaut, nur in noch größerem Stil.

Für seine Bücher bediente sich Deno Licina laut dem Tagesspiegel vor allem aus dem englischsprachigen Raum und änderte die Texte lediglich ab. Der Poet übersetzte Texte von thoughtcatalog.com, einem Portal, auf dem Frauen persönliche Essays veröffentlichen. Bisweilen glich er sie deutschen Gepflogenheiten an oder änderte sie so ab, dass sie besser zu der Figur »Deno Licina« passen. Ein weiteres Opfer ist die ägyptisch-stämmige Autorin Rania Naim. Auch von ihr wurden ganze Passagen übernommen.

Eine Blüte des Self-Publishings?

»Das Buch ist eine Schmach für die Internetwelt« schrieb die Nutzerin »Steffi« unter eines der Werke des Poeten auf Amazon und vergab 1 Stern. Und da mag sie recht haben. Auf LovelyBooks wird als Verlag »Books on Demand« angegeben. Damit ist wahrscheinlich der Selbstkostenverlag »Book-on-Demand« gemeint. Dabei handelt es sich nicht wirklich um einen Verlag, sondern um eine Druckerei, die es jedem ermöglicht, eigene Bücher zu drucken. Nur die Kosten muss man selber tragen. Zur Verteidigung von Book-on-Demand sei gesagt, dass dieser wirklich nur die Bücher druckt und mit dem Inhalt und der Vermarktung nichts zu tun hat.

Im Bereich des Self-Publishings machen viele schwarzen Schafe die Runde. Sie befüllen billig zusammengeschusterte Ebooks mit dem Content anderer und werfen sie für wenig Geld auf den Markt. Natürlich haben auch schon anerkannte Autoren geklaut. Doch im Zeitalter von Amazon und Ebooks ist es noch einfacher geworden, mit fremdem geistigen Eigentum Geld zu verdienen. Und das wirft ein schlechtes Licht auf alle echten Poeten, die sich um die Gunst der Leserschaft bemühen müssen.

Kommentare

30. Mär 2018

Was habe ich schon Gags von mir entdeckt -
Die dreist manch "Sammler" eingesteckt ...

LG Axel

06. Apr 2018

Zum Glück bin ich nur ehrlich
das macht es meist beschwerlich ...

LG Micha

15. Apr 2018

Danke für diesen lesenwerten Artikel. So viel kriminelle Energie hätt ich auch im Self-Publishing nicht vermutet.
LG, Susanna

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