Die Verscheuchte

von Else Lasker-Schüler
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Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild ...
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich ...

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.

Veröffentlicht / Quelle: 
Mein blaues Klavier / 1943

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Kommentare

04. Apr 2017

Oh Else, " ...bald haben Tränen alle Himmel weggespült...",
wieviel Tränen musstest Du vergießen ?
Ein sehr anrühriger und trauriger Text, der
erahnen läßt, was Qualen sind !
Komm zu mir, wenn der Nordsturm brüllt.
In Erinnerung an Else Lasker-Schüler,
Herzlichst
Volker

16. Mär 2018

Ein eingehülteter in Nebel Tag begegnet seine wahre Liebe...
verliert sie plötzlich und sucht nach ihr.... lange... sehr lange... alle seine Tränen sind zur Salz geworden... und sein Lächeln kann keine Sonne mehr küssen.
Ich wünsche ihm, dass er wieder lachen kann.
LG Olga