fremde Orte

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nun, da Dämmerung diesen Tag besiegen will,
hocken rhythmisch zuckende vorvorgestrige
Gedankenfetzen auf dem Fenstersims, und sie

bejammern die wandernde Zeit; jetzt nicht die
Ohren schließen, sich nicht dem Sog der alten
Weisen entziehen, die dich ernährten in deiner

Traurigkeit, als du Kind warst; ja du musst den
Raben die roten Verbände von den Schnäbeln
lösen, dass sie reden von dem, was war, und du

lauschst ihnen angstfrei und fängst mit deinem
weißen Nachtkleid den vollen Mond auf, der die
Blutspuren der Gräber ausleuchten will, die den

Totenacker überschwemmen, auf dass jeder sehe,
was da war vor nicht zu langer Zeit; hier liege ich
schlaflos mit weit geöffneten Augen und lausche

dem winselnd um den Kirchenturm kreiselnden
Sturm, der sich selbst versenkt im Nass des auf
gewühlten Mutterbodens - an einem namenlosen

frostfreien Winterabend; bevor Blicke sich weiten
für neue Wege, die mich tragen werden an Orte,
deren Melodien und Farben mir noch fremd sind

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Interne Verweise

Kommentare

13. Feb 2020

Und öfter muss man auch ergründen –
vielleicht ein neues Haus zu finden?

LG mit Dank zurück zu Dir
Marie

12. Feb 2020

Liebe Marie,
ein Text wie eine Lokomotive, ich hänge wie ein Waggon daran, fahre jede Biegung hinterdrein und weiß nicht mehr, wo ich überhaupt landen werde, doch scheinen es mir nicht fremde, sondern wohlbekannte Orte zu sein.
Egal wo, eines weiß ich sicher: ich bin nicht der Wagen, wo das Bremserhäuschen montiert ist.
Liebe Grüße dir
Uwe

13. Feb 2020

Uwe, das mit der Lokomotive trifft es, ich sitze wie wir alle in diesem fahrenden Zug des Lebens, und mir geht es wie Dir, ich weiß nicht, wo ich landen werde - bei meiner Suche nach einer neuen Lebensform – zum ersten Mal als alleiniger Mensch; es ist gut, dass Du nicht im Bremserhäuschen sitzt, denn mir ist grade nicht danach, anzuhalten …

liebe Grüße zurück zu Dir - Marie

15. Feb 2020

Marie, liebe Marie, selten ist, dass mir Tränen die Augen und das Herz aneinander binden.
Könnt' ich dich doch trösten, du liebe Freundin.
U.

13. Feb 2020

Marie, ich empfinde die Texte, Gedichte mit Deinen sehr eigenen Worten in letzter Zeit oft als traurig, aber dennoch als sehr lebendig. Du hast einen großen Verlust erlitten und brauchst Zeit für Dich und viele gute Freunde. Schreiben hilft auch. Wünsche Dir Mut und Kraft und meine, Du schaffst es, einen neuen eigenen Weg zu finden. Sei geduldig mit Dir, halte durch, auch wenn es oft schwer ist.

LG
D.R.

16. Feb 2020

Hallo Detmar, besonders das Schreiben hilft ganz sicher – und so schöne Zuschriften wie diese auch, danke.

LG Marie

14. Feb 2020

Liebe Marie,
meine Fetzen hocken an allen unerwarteten und offensichtlichen Stellen. Aber ich kann und muss sie zum Glück oft genug einfach wegwischen. Und wenn ich in unverhofften Momenten die Ewigkeit habe, mich wie Du in ihnen zu versenken, bis auf den Grund vorzustoßen, dort zu bleiben oder ihn nur zu streifen, dann ist das zwar eine ungeheure Überwindung und Anstrengung, aber auch ein Geschenk der Lebendigkeit. Möge es uns gelingen, danach wieder neu geboren ins Leben einzusteigen.
Liebe Grüße von Britta

16. Feb 2020

Danke, liebe Britta – ja, dieses Geschenk der „Lebendigkeit nach großer Anstrengung“, das wünschen wir uns beide …

Liebe Grüße zu Dir - Marie