Memento Mori

von J.W. Waldeck
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Alles ruft in diesem Leben,
Schöpfer, hilfreich dich hier an,
Noch kein Aug' hat es gesehen,
Wer es ist, der helfen kann.

Eitler Wahn ist hier der Glaube,
Das die Menschen Götter sind,
Wer kann hier dem Menschen rauben
Was ihm die Natur verliehn?

Sag dir Mensch, in deinem Stolze,
wie lange her ist deine Bahn?
Nach einer Stunde lieget im Holze -
verschließt die Erde deinen Wahn.

Er ist's, der die Blüten öffnet,
Der die Sterne hat gesäet,
Er ist's, der die Toten wecket
Eh das Fleisch zu Grabe gehet.

Gleich dem Reichen stirbt der Starke,
Eitel ist die Herrlichkeit,
Und im Sarge fault das Karge
Staub auf Staub, zur Ewigkeit.

Bis das Blut hier umgestaltet
Diese Erd zum Paradies,
Bis ein Geist auf Erden waltet
Der nicht den Mensch ins Tierreich stieß.

Ja, im Traume sieht der Weise,
Fern vom Körper schweift der Geist,
Und wohin geht diese Reise?
Dort, wo man vom Schlaf nichts weiß.

Wer beschreibt uns diese Gabe?
Dunkel ist uns dieser Streit;
Alles wandert zu dem Grabe
Irdischer Gerechtigkeit.

Alles Fleisch muss hier versiegen,
Stürmend steht der Geist nicht still,
Und am Grabstein kannst du lesen,
was eitler Hochmut da noch will.

Aufgetan der Wahrheit Schleier,
Das die goldene Zeit beginnt,
Sterben muss dies Ungeheuer
Bis die Menschen Menschen sind.

© J. Waldeck 1888
Alle Rechte sind dem Autor vorbehalten.

Mein Ur-Urgroßvater schrieb so oft vor sich hin. Leider waren seine zahlreichen Kinder nicht imstande, sein Erbe zu bewahren
und die Winter waren kalt und Papier in jenen Zeiten vor und nach den zwei Weltkriegen knapp.(Vor allem in jenen vernachlässigten Gegenden.)
Also kritzelten sie ihre Zeichnungen und erste Wörter darauf oder es landete als kaum leserlicher Fetzen mit seiner dünnen
Bleistiftschrift im Ofen.
Zudem teilten sich die Verwandten die wenigen Exemplare und irgendwie verschwand alles was sein Geist schuf.
Bis auf dieses eine Werk im traditionellen Versmaß.
Das Gedicht vermittelt womöglich ein falsches Bild von ihm, denn er war ein gewissenhafter Gegner der Kirche und
sprach ihr jedwelchen moralischen Anspruch ab, der wärend ihres Aufstiegs über die dunklen Jahrhunderte eh niemals bestand.
Zwei kleine Verbesserungen waren nötig, da das Gedicht fehlerhaft abgeschrieben wurde.
Ich denke, sein Geist wird erst Ruhe finden, wenn mein Geist genug auch für ihn mit geschrieben hat.

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Kommentare

24. Apr 2019

Ach du J.W., hat das Klasse.
Wie auch, dass du es hier einstellst und dein Merken daran.
Uwe

28. Apr 2019

Und trotzdem wurde es von einem gewissen Manfred Durm aus dem schreiber-netzwerk.eu
gelöscht bzw. zensiert. Deutsche Wirklichkeit 2019

LG. Waldeck

28. Apr 2019

Von unserem Morgenstern aus Bayern ein Lob
das mir stets zu Herzen geht.

LG. Waldeck

28. Apr 2019

Danke Axel, nicht nur für das konstante Lesen.
Ich weiß auch, was ich sonst noch dir verdanke.

LG. Waldeck