Schlafes Bruder

von Michael Hozzel
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Spürst Du den Kuss von ihm in jenem Kleide,
des Faltenwurf schon je die Schönheit pries?
Als wär’s ein Vorhang nur von sanft fallender Seide,
der – was er nur zum Schein verschleiern ließ –
nun Fluss ward hinter aller Wasserscheide,
des Windung einzig nur den Weg zum Lichte wies
in diesem wunderlichen täuschenden Gefälle
des alle Liebeslust entlarvenden Gefährten,
der, ob es nun gefällt, nur an der einen Stelle
vollkommener Finsternis, wo wir ihm ganz verfielen,
uns liebte, Strahl des Ursprungs jener einen Quelle
von leibentbundener Offenbarungshelle.

Lausch nur: die Nachtigall im Weidengrund,
drängt nicht aus allem Magma banger Nächte
ein zarter Sang sich auf? Als wär’s der eigene Mund,
der weltverloren eigenen Ohren überbrächte
von aller Mündung Meere, liebeswund,
ein letztes Wort im Seufzen ausgesprochen
wie von Totora- Schilf, ein Lispeln leis,
ein Hauch von Mädchenlippen, kaum gebrochen,
wie frischer Muschelkalk auf Gräbern, hingestreut und weiß.

War’s nicht zu hören längst, eh der Vermummte
mit seltsam fließender Gebärde winkte,
dies eine Lied, das einer innen summte
zum Maskentanz? Als sich das reich geschminkte,
das Leben, noch den Lorbeer wand, verstummte
inmitten aller weltlichen Liebkosung
und aller welken Küsse, hingewendet
vor zärtlichen Altären, je denn Seine Losung,
die hochzeitsbräutliche, die Er verschwendet,
weil Ihm die Lockung niemals ausgegangen,
dem stillen Sänger, jenem maskenmahnenden,
von Klagen mancherlei im süßesten Verlangen
jählings entstellten Mund, dem abschiedsahnenden,
von allen Liebesagonien wund und todumfangen?

Und wär’s Sein Kuss vielleicht, wie einer dächte,
in dieser jungfräulichen lockenden Berührung,
dass, hingegeben, ihm das Leben schwächte
der Liebe Lust und todesselige Verführung,
ließ er, von götterähnlichem Geschlechte,
nicht ab von Ihm, der das erloschene Feuer –
die Fackeln umgestürzt – mit unsichtbarer neuer
nun Todeskraft entzündet, alles, was ihm teuer,
ganz geistentflammt und groß und ungeheuer.

Dem leichten Zug der Hand nur eben anbefohlen,
wo Leiber brennen um des Lebens willen,
dort war’s zu sehen, wo sie unverhohlen,
in Stoffes Glut verzehrt, den reinen Wunsch zu stillen
der einen Liebe, die sie trieb, zu dem Gefährten –
von aller Weigerungen Ängste lang verwehrten –
hinsank ganz leicht auf Himmels Marmorfliesen
im Lilientanz der hellen Seelenblüten,
die Jungfräuliche, leibentrückt, gepriesen
im Todeskuss, dem einen, dem verfrühten….

Veröffentlicht / Quelle: 
Buch: "Shambalas Gärten"
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