Das Kind im verwesten Kleid

von Giulia Strek
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Die Stadt liegt in Trümmern.
Kenne die Wege und weiß doch nicht wohin. Habe alles vergessen, verdrängt. Durch Ascheregen folge ich dem Mädchen vor mir, bevor der Wind die Spuren verwischt.

Ich blicke dich an, schaue dir in die Augen.
Deine Kleidung, zerrissen, deine Aura von vollkommenster Kälte. Ich weiß, ich höre deine Stimme auch heute noch; ich weiß, du lenkst mich auch heute noch. Ich habe die Landkarte im Kopf, kenne jeden Winkel, jede Gasse. Ich will dich nicht bei mir haben, doch ich erkenne, das du zu mir gehörst. Ich werde dich nie vergessen können.

Wann habe ich dich geboren? Durch welche Hölle bist du zu mir gekommen? Welche Lasten du mit dir schleppst. Deine Narben auf meiner Haut. Deine Ängste in meinem Kopf. Niemals mehr möchte ich dich Wiedersehen und doch habe ich dich geweckt.
Wie verlockend es doch war die Erlösung im Tod zu suchen. Suizid ist die Flucht nach vorn. Lass uns das Finale durchspielen.

Glut verbrennt meine Haut. Es riecht nach Zerstörung.
Ich gebe mir einen Ruck, ergreife deine Hand und zucke zurück. Wohin führst du mich? Ich ahne es, sobald wir vor dem Haus stehen.
Wie oft du schon gesprungen bist, frage ich dich.
"Wie oft bist du gesprungen?", frage ich mich.
Ich erkenne mich in dir, dachte immer, dass was du warst bin ich nicht mehr. Das Leid, die Qual, der Schmerz.

Allein stehe ich am Rand des Daches. Der Sturm tobt über die Häuser. Die Stadt liegt in Trümmern. Jeder Keller ist mit Blut überflutet, Kummer und leid flüstert der Wind.

So kann ich nicht leben. So kann ich nicht leben. So kann ich nicht leben.
Ich lege den Kopf in den Nacken.
So kann ich nicht leben. So kann ich nicht leben. So kann ich nicht leben.
Ich breche in tausend Teile.
So kann ich nicht leben. So kann ich nicht leben. So kann ich nicht leben.
Ich atme tief durch.
So kann ich nicht leben...
Ich werde nie fliehen können.
So kann ich nicht leben.
Ich nehme das Mädchen in der zerrissenen Kleidung mit den schwarzen Augen in die Arme.

So kann ich leben. So kann ich leben. So kann ich weiter leben.

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