Senryu ✓ Gedichte, Erklärung und Aufbau

empfohlene Senryu
von Tilly Boesche-Zacharow
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neue Senryu
von Ingeborg Henrichs
von Yvonne Zoll
die schönsten Senryu
von Ingeborg Henrichs
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von Yvonne Zoll
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Mitglied

Gemüt umfließend
Wortgelöst unverkostet
Witter…

von Yvonne Zoll
Mitglied

Abgespiegelte
Wunder ragende Wesen
Zur Frage gekürt…

von Angélique Duvier
Mitglied

Reines Herz

Dein Herz ist so rein
wie eine Lotosblume…

von Yvonne Zoll
Mitglied

ins unwahrscheinlich
gemeißelt weithin diffus
jener…

von Somos Eleen
Mitglied

In der Reflexion
Des Lichtes im Menschen
Offenbarst Du…

von Monika Laakes
Mitglied

Herrschaft der Zahlen
macht aus Menschen Maschinen.

von Tilly Boesche-Zacharow
Bibliothek

Du redest vom Glück,
vereint mit mir auf Erden
und…

von Marie Mehrfeld
Mitglied

Ihrer Flüchtigkeit zum Trotz
beschenkt sie deine Zukunft…

von Wolfgang Luley
Mitglied

der obdachlose –
zugedeckt unter werbung
für…

von Monika Laakes
Mitglied

Dein Lächeln macht schön.
So spiegel ich mich in dir.

von Monika Laakes
Mitglied

Fremder Mensch im Park
lächelt im Vorübergeh'n.
Sein…

von Elmar Vogel
Mitglied

Frühlingsgefühle -
unruhig die Atemzüge
unter der…

Mut
von Monika Laakes
Mitglied

Wer die Seele zeigt,
kann mit Angriffen rechnen.

von Ella Sander
Mitglied

Ist Tod Untergang
oder trostvoll Übergang?

von Ingeborg Henrichs
Mitglied

Meine Farbe Grau
Zwischen Weiß und Schwarz ihr Sein

von Ingeborg Henrichs
Mitglied

Zerbröselter Plan
Das Leben kam dazwischen
Zufällig…

von Monika Laakes
Mitglied

Atem. Tor zum Glück,
machst gedankenfrei mein Hirn.

von Monika Laakes
Mitglied

Neid ist wie ein Gift,
das schleichend Seelen zerfrisst.…

von Ingeborg Henrichs
Mitglied

Tauben auf dem Dach
Hände halten einen Spatz
Gedanken…

von Marie Mehrfeld
Mitglied

Ohne Ethik ist
Meine ganze Rhetorik
Nichts als…

von Marie Mehrfeld
Mitglied

Unter dem Baum dort
sitzt der obdachlose Karl.
Dein…

von Monika Laakes
Mitglied

Wickelt das Grauen
weiter in schöne Worte.
Lullt den…

von Soléa P.
Mitglied

Hoffnungslosigkeit
Kein Anfang kein Ende
In Sicht

von Somos Eleen
Mitglied

Rosen in der Nacht.
Keiner sieht ihre Farbe.

von Thomas Brod
Mitglied

Dans une bouteille grise
Une très vieille lettre jaunie…

von Annelie Kelch
Mitglied

Adam & Eva -
auch sie ...
hätten eine zweite…

von Anouk Ferez
Mitglied

Ein weißer Vogel
auf satten grünen Auen-
die Hoffnung…

von Annelie Kelch
Mitglied

Luftschloss, zentrumsnah -
vorübergehend
vakant ...…

von Monika Laakes
Mitglied

Oh du großer Held,
nimm dich nur nicht so wichtig.

von Brigitte-Hanna-Dorit Lebelt
Mitglied

Blumen duften,
bringen Freude,
zeigen Liebe,

von Marie Mehrfeld
Mitglied

Böse Gerüchte
Können Leben zerstören.
Nur nicht…

von Monika Laakes
Mitglied

Wenn Mond des nachts wacht,
wächst Verlangen nach Sonne.…

von Tilly Boesche-Zacharow
Bibliothek

Silberblauer Faden
zeichnet meine Gedanken
auf das…

von Monika Laakes
Mitglied

Ein Fernsehabend
flimmert in meine Seele.
Albtraum…

von Monika Laakes
Mitglied

Schau dir den Mann an,
sein Gesicht wird ellenlang.

von Annelie Kelch
Mitglied

Montag -
die Wunder des Alltags
entfalten sich

von Monika Laakes
Mitglied

Autoscheinwerfer
sind wie Irrlichter im Wald.

von Angélique Duvier
Mitglied

Schön oder nicht schön,
das ist hier nicht die Frage.

von Monika Laakes
Mitglied

Lasst uns jetzt lachen.
Du und ich in Harmonie,
bevor…

von Monika Laakes
Mitglied

Freiheit als Atem
einer dürstenden Seele
spendet neue…

von Annelie Kelch
Mitglied

Sonntag -
Der Sopran
im gemischten Chor der Woche…

von Monika Castrovillari Seyer
Mitglied

In Demut ergraut
all die prachtvollen Farben
dem Alter…

von I.J. Melodia
Mitglied

我正在寻觅兰花
鹦鹉的吆声起回声在
使人联想起牡丹
想起盛开的芙蓉
我青春时的那个…

von Annelie Kelch
Mitglied

Heimat -
auf einer Wellenlänge
mit dir ...

von Monika Laakes
Mitglied

Les ich die Zeitung
wird mein Kragen eng und platzt.

von Annelie Kelch
Mitglied

Mit Adam allein -
ohne World Wide Web, sex’n’ crime,

von Monika Laakes
Mitglied

Ein und aus, ewig
sollst du atmen, ein und aus.
Sollst…

von Monika Laakes
Mitglied

Wer sich nicht anpasst,
geht jämmerlich zugrunde.
So…

von Sigrid Hartmann
Mitglied

Tränen in der Nacht
vergessene Melodie
begleitet den…

von Elmar Vogel
Mitglied

Coronakrise -
Das Virus droht zu sterben
ohne den…

von Monika Laakes
Mitglied

Innere Freiheit
ist ein Gipfelerlebnis.
Hilft dir…

von Jürgen Wagner
Mitglied

Trag ich, was m a n trägt?
Oder such' ich, was mir steht?…

von Monika Laakes
Mitglied

Gen-Abhängigkeit?
Befreie dich durch Wissen!
Selbst…

von Annelie Kelch
Mitglied

Ruinen ...
allein der Wind stochert -
im Verwesungstod…

von Monika Laakes
Mitglied

Mein Tanz mit Worten
hebt mich vom Boden ins All.
Ich…

von Thomas Brod
Mitglied

Лишь на трёх струнах
Звучания балалайки
и русской души…

von Marcel Strömer
Mitglied

Nur in der Hölle
kann man den Himmel sehen
Gitterblick…

von Monika Laakes
Mitglied

Nur der Moment zählt,
Vergangenheit und Zukunft

von Monika Laakes
Mitglied

Solidarität
als Religionsersatz.
Wird Gott lebendig?…

von Thomas Brod
Mitglied

Haiku und Senryu geschüttelt

Oft tun Gestalten kund:

von Annelie Kelch
Mitglied

Sonntag -
Verschnaufen ...
nach dem langen Marsch…

von Annelie Kelch
Mitglied

Omran (5) -
geborgen
aus Trümmern

von Monika Castrovillari Seyer
Mitglied

Es gibt noch Hoffnung.
Solange es Träume gibt,
für…

von Somos Eleen
Mitglied

am himmel blutrot
schickst du nachricht zur erde
die…

von Monika Laakes
Mitglied

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nenn es Abenteuer pur.
Nenn es…

von Monika Laakes
Mitglied

Dürre im Gesicht,
hältst die leeren Hände hin.
Frost…

Tao
von Monika Laakes
Mitglied

Tao umfängt mich.
Der Fluss trägt das Blatt. Wohin?

von Monika Laakes
Mitglied

Ich trudel durchs Feld,
find keinen Halt im Zweifel.

von Monika Laakes
Mitglied

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von Monika Laakes
Mitglied

die dort haben’s noch
lachen im halse und bauch
werden…

von Marcel Strömer
Mitglied

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dort wo man Bücher verbrennt

von Monika Laakes
Mitglied

Du Himmelstürmer
greifst nach der Unendlichkeit.
Alles…

von Marcel Strömer
Mitglied

Europas Kultur,
nach Ende der Blütezeit,
praktisch…

von Monika Laakes
Mitglied

Innere Landschaft
nun bist du in Licht getaucht.
Hab…

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Erklärung, Aufbau und Beispiele des traditionellen Senryu (Senryū)

Debon (1984, S. 411) nennt die Senryu „Siebzehnzeiler, die keine ‚haiku‘ sind“. Die Darstellungen über Entstehung und Entwicklung sind widersprüchlich. Ich folge den grundlegenden Ausführungen Blyths.
Formel dem Haiku gleich, dreizeilig mit 17 Silben in der bekannten Aufteilung 5 - 7 - 5, steht seine inhaltliche Prägung in der Tradition des Renga und zwar in der Mindless-Form, dem mushin-renga, ‚herzloses Kettengedicht‘, das den humorvollen, witzigen und an Wortspielen reichen Stil bevorzugte und sich im Volk großer Beliebtheit erfreute (Blyth 9. A. 1984, Vol. I, S. 42). Es wurde in der umgekehrten Silbenfolge 7 - 7 / 5 - 7 - 5 von zwei Autoren geschrieben. Dabei galt es, den dreizeiligen Vers in unerwarteter und überaschender Weise an den vierzehnsilbigen Vordervers anzuschließen. Diese Form des mushin-rengas hieß maekuzuke „Vordervers-Anschluß“ (Debon 1984, S. 410).

Als Beispiel für das maekuzuke ein Gedicht von Sōkan:

Kirtaku mo ari
kiritaku mo nashi

Nusubito wo
toraete mireba
waga ko nari

Erschlagen könnt ich ihn
aber dann doch wieder nicht.

Erwischt wurde der Dieb
und als ich näher hinsah,
war es mein eigener Sohn.

Debon (1984, S. 411)

Der zweite Traditionsstrang, der das Senryu prägte, ist das kyōka, das ‚komische Waka‘, ‚Trollgedicht‘, oder auch kyōku, das ‚Trollvers‘ oder ‚verrückter Vers‘ – ein satirisches Hokku (Blyth 1960, S. 13).

Sōkan wa
doko e to hito no
tōtareba
chito yōji ari
anoyo e to ie

Should Poeple ask
Where Sōkan has gone
Then answer,
"He has gone on some business
To the next world."

Blyth (1960, S. 13)

In den 300 Jahren nach Sōkan sind ständig humoristische Gedichte geschrieben worden, in den letzten 100 Jahren vornehmlich in der Hokku-Form; sie waren jedoch kaum bekannt und auch wenig geachtet. Das änderte sich erst durch Karai Hachiemon (1718-1790).

Karai Hachiemon war offiziell ernannter Sammler und genoss als solcher ein hohes Ansehen. Weniger seinem eigenen dichterischen Talent als vielmehr seiner ausgiebigen Tätigkeit als kritischer Beurteiler und Selektor verdankte er seine Popularität. Diesem Umstand und der Vorliebe Karai Hachiemons für das kyōku ist es zuzuschreiben, dass diese Gedichtart entdeckt wurde und Berühmtheit erlangte.

...
Hachiemon begann seine Sammeltätigkeit 1757; der erste Teil der Anthologie erschien 1765; bis zu seinem Tode 1790 umfasste sie 24 Bände. Der ausführliche Titel lautet: ‚Imosegawa Yanagidaru‘, vom ersten Wort das Ende und vom zweiten der Anfang ergeben die japanische Lesart für Senryu, gawa-yanagi, das übersetzt Flußweide heißt. Diese Wortkombination wählte Hachiemon zum Pseudonym. Erst nach seinem Tod wurde der name auf die gedichtform übertragen.

Sein Lebenswerk und der Umstand, dass das Haiku sich inzwischen zu einer hochgeistigen Gedichtform gewandelt hatte, machten das Senryu ungeheuer populär, denn es bot jedermann die Möglichkeit literarischer Betätigung, der außer der formalen Begrenztheit keine Einschränkungen auferlegt waren.

Das Senryu lebt von „Hyperbolen, Metaphern, Personifizierungen, Kalauern und Verballhornungen; es liebt die respektlose Verspottung, die Travestie und die Parodie“ (Debon 1984, S. 412), versprachlicht Ironie, Satire und Dummheit, menschliche Schwächen, alltägliches Einerlei und banale Nichtigkeit. Der Sprachstil ist umgangssprachlich geprägt, liberal, niemals moralisierend oder anklagend, dafür spöttisch, ja zuweilen zynisch und anzüglich (Blyth 1960, S. 7):

Nusumi yori
kuretaru hana wa
ori-nikushi

It is more difficult
To break off a branch he is given
Than to steal one.

Blyth (1960, S. 166)

Wenn man einen Blütenzweig stiehlt, so nimmt man soviel, wie man haben möchte, aber wenn man ihn geschenkt bekommt, fürchtet man, unbescheiden zu sein und zuviel abzubrechen.

Dorobō no
kaeri ni marui
tsuki wo home
Yasharō

On the way back
From stealing,
He praises the round moon.

Blyth (1960, S. 221)

Dieses ist ein Beispiel dafür, dass das Senryu sich jeder moralisierenden Äußerung enthält. Der satirische Unterton ist sehr zart. Der Dieb hat durch den erfolgreichen Diebstahl alle seine Materiellen Wünsche erfüllt. Nun, auf dem Heimweg, erwacht seine geistige Natur, und er betrachtet den Vollmond mit ruhigem und friedlichen Sinn.

[Auszüge aus "Das deutsche Kurzgedicht - in der Tradition japanischer Gedichtformen" ISBN 3 88996 144 4; Mit freundlicher Genehmigung von Margret Buerschaper]