"Bücher sagen willkommen" - viele Menschen sagen es nicht

09. September 2015
Porträt eines Flüchtlingskindes in der Türkei
Porträt eines Flüchtlingskindes in der Türkei, 01.04.2015
Procyk Radek / Shutterstock

Die Buchbranche will mit der Initiative "Bücher sagen willkommen" Flüchtlinge in Deutschland willkommen heißen und helfen. Ein Teil der Bevölkerung sieht das nicht so. Wo liegt die Verantwortung der Kunstszene - und was muss getan werden?

Wie in unterschiedlichen Medien bereits berichtet wurde, hat die deutsche Buchbranche eine Initiative für Flüchtlinge ins Leben gerufen. Neben einer Spendenaktion sollen "Lese- und Lernecken" in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften eingerichtet werden. In Bildungszentren oder Sprachschulen sollen neben Deutsch-Lehrbüchern, Wörterbüchern und Lexika auch Romane und Sachbücher in Fremdsprachen angeboten werden. (Quelle:F.A.Z.)
Die Frage bleibt, wo die eigentlichen Gefahren in der anhaltenden Diskussion um die Flüchtlingswelle nach Europa liegen, und wie die Buch- und Kunstszene weiter damit umgehen sollte.

Flüchtlinge, die aus Krisen- und Kriegsgebieten nach Europa strömen sind kein neues Phänomen. Bereits 2012 berichtete der Spiegel, dass im Jahr zuvor mehr als 60.000 Menschen - zumeist aus Syrien und den palästinensischen Gebieten - die Überfahrt  nach Italien riskiert hatten. Nicht wenige von Ihnen verloren bei dem Versuch ihr Leben. Ein deutsches Gericht hatte damals geurteilt, dass es für eine palästinensische Familie nicht zumutbar sei, in ein Land (gemeint war Italien) abgeschoben zu werden, in dem sie von Armut und einem unwürdigen Dasein bedroht ist. Der Umgang mit dem Flüchtlingsproblem und die "Verelendungsstrategie" der italienischen Regierung standen in der Kritik. Für den Großteil der deutschen Bürger waren die Themen "Verfolgung", "ertrinkende Menschen vor den Küsten Italiens" oder "widrige Lebensumstände in Auffanglagern" damals allerdings noch weit entfernt, sie dienten oftmals bestenfalls als eine von unzähligen Nachrichten vor dem Wetterbericht.

Die Zahl "800.000" übersteigt die Vorstellungskraft mancher Menschen

2015 sieht das anders aus. Immer noch sterben Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen. Wie der erst vor einigen Tagen in Österreich entdeckte Fall, in dem 71 Menschen in einem Kühllastwagen erstickt waren, beweist, nicht mehr lediglich auf dem Seeweg nach Europa, sondern auch direkt in Europa, mitten unter uns. Allerdings kommen zahlreiche von denen, die es letztlich schaffen, nun auch bis nach Deutschland. Die Krisen in der Welt sind seit dem Arabischen Frühling, und dem damit verbundenen Beginn der Flüchtlingswelle - auch in die Mitte Europas - nicht weniger geworden. Hinzu gesellen sich wahre Ströme von Flüchtlingen aus dem Osten.

Die Zahl der in Deutschland für 2015 erwarteten Flüchtlinge (die unlängst von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bestätigt wurde "Die Zahl 800.000 ist seriös vorhergesagt, wenn sie sich ändert, werde ich es mitteilen."), hängt nun wie ein Damoklesschwert über der gesamten Diskussion "Was kann Deutschland verkraften, und wo liegen die Grenzen der Aufnahmefähigkeit?". Die Debatte selbst wird dabei nicht mehr lediglich in Gerichtssälen, Ausschüssen oder von Hilfsorganisationen geführt. Auf Arbeit, innerhalb der Familie, im Kleingartenverein und selbst im Einkaufszentrum bewegt das Thema die Menschen, wie ich selbst vor einiger Zeit erleben musste, als ein älterer Herr seine Begleitung darauf aufmerksam machte: "Hauptsache, die Kanaken haben bei ihrer Flucht ein Handy dabei ...", wobei er auf eine Gruppe von drei jungen Immigranten deutete, die bereits auf den ersten Blick rein gar nichts mit den derzeit in den Medien und sozialen Netzwerken so präsenten Flüchtlingen zu tun hatten.

Vorwürfe über fehlendes Mitgefühl werden das Problem nicht lösen

Primär geht es bei den Ängsten der davon betroffenen Menschen um Schlagworte, wie "Soziales System", "Vertreibung aus dem eigenen Werteumfeld", "Angst vor Islamisierung", "Ungleichbehandlung gegenüber deutschen Kindern oder Rentnern". Die Instrumentalisierung dieser und anderer Themen durch rechte Strömungen, vor allem in sozialen Netzwerken, trägt nicht dazu bei, die Ängste bei den betroffenen Menschen abzubauen. Der Staat tut ebenfalls wenig, um diesen Konflikt innerhalb seiner Bevölkerung zu lösen, und steht der gesamten Problematik seit Monaten überwiegend hilflos gegenüber. Die Betrachtungsweise unter den Menschen bleibt gespalten und kann selbst im engsten Freundes- oder Familienkreis zur Bildung unterschiedlicher Meinungslager führen, die durch scheinbar unüberwindbare Mauern aus Argumenten und Gegenargumenten voneinander getrennt sind. Der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Meinungslagern ist - zumindest für die Menschen, deren Handeln und Denken von ethischen und moralischen Wertvorstellungen gelenkt werden – bereits entschieden. Dass dem nicht so ist, beweist die anhaltende und zunehmend nicht mehr lediglich fremdenfeindliche Kontroverse innerhalb der Bevölkerung, bei der mittlerweile oftmals lediglich zwischen "Gutmensch" und "Nazi" pauschalisiert wird.

Die größte Gefahr scheint nicht der Umsturz eines demokratischen Systems durch eine plötzliche Radikalisierung Deutschlands und der Machtübernahme durch rechte Gruppierungen (zumindest das kann man realistisch einschätzen und ausschließen, wenn man denn will). Der Schaden, der durch den Konflikt innerhalb einer Gesellschaft - innerhalb von Bekannten- und Familienkreisen - angerichtet wird, stellt die eigentliche Gefahr für die deutsche Bevölkerung, die Freundeskreise und die Familien dar - derer sie sich allerdings nicht bewusst sind. Einen Konflikt - egal wo er ausgetragen wird - kann man innerhalb einer Gesellschaft nur miteinander und untereinander lösen, oder aber diese Gemeinschaft wird inhaltlich auf Dauer der Spaltung anheim gegeben.

Die Verantwortung der Kunst

Die Rolle der Kunst darf in diesem Fall nicht die des Prangers sein. Vielmehr liegt ihre Verantwortung in der Aufklärung und Sensibilisierung. Natürlich ist dieser Weg der schwierigere, jedoch kann nur er zu einer Beruhigung und Versachlichung  führen. Den „harten Kern“ wird man damit wohl nicht erreichen können. Allerdings lebt jede Gesellschaft auch von ihren Gegenströmungen, welche die Wertigkeit des Miteinanders erst akzentuieren und dabei helfen, den ethischen und moralischen Motor jener Gesellschaft am Laufen zu halten.

Kommentare

10. Sep 2015

Ein starker Text, der - klug gewählt -
In wahren Worten viel erzählt...

LG Axel

10. Sep 2015

Mein "Leserbrief" dazu:
Kürzlich las ich in einer meiner Stamm-Zeitschriften ("PM" Nr. 4/2015) eine Kolumne von Thomas Vasek, Chefredakteur der Philosophie-Zeitschrift "Hohe Luft", mit dem Titel "Was bedeutet Toleranz?"
Darin heißt es u. a.:
... Unter Toleranz (lateinisch tollerare: ertragen, erdulden) verstehen wir gemeinhin eine Haltung der Duldsamkeit, ein Gewährenlassen gegenüber dem anderen. ... "Tolerieren" können wir nur, was wir eigentlich ablehnen oder zumindest nicht gutheißen. Insofern muss jede echte Toleranz schwerfallen, denn es geht darum, etwas zu "ertragen" ...
(Zitatende)
Wenn heute den zu uns kommenden Flüchtlingen gegenüber "Toleranz" eingefordert wird, ist das m. E. bei weitem nicht genug. Es wäre ein Armutszeugnis für "uns", wenn wir uns darauf limitierten.
Denis, du hast recht, wenn du eine Versachlichung zum Zwecke der Beruhigung einforderst. Es nutzt niemandem, Schwarz und Weiß einfach nur gegenüberzustellen. Was dieses aber kann, ist wach machen, aufmerksam machen darauf, wie man vor sich selber dastehen möchte, ob man verantworten kann und will, nur Zuschauer zu bleiben und an dem "Balken im eigenen Auge vorbei, den Splitter im Auge des Bruders" zu entdecken (frei nach der Bibel).
Herzensbildung ist gefragt. Und mit der sich dann um den Bildungshunger der hier Ankommenden, bevorzugt der Kinder, zu kümmern, in denen man ihnen u. a. auch "Lern- und Lese-Ecken" anbietet, trägt sicher nicht nur zur besseren und schnelleren sprachlichen und kulturellen Verständigung bei, sondern ebenso dazu, Brücken zueinander zu bauen und im besten Falle sogar, evtl. innerfamiliär entstandene Gräben zuzuschütten,
Ein wichtiger Artikel, Denis!
noé.
N.B.: Glückwunsch zu deinem jetzt umgesetzten "Magazin" auf LiteratPro und Dank für deine kontinuierliche Arbeit, (uns) ein respektables Portal zu bieten.

10. Sep 2015

Danke,Denis - ein würdiger Auftakt für das Literaturmagazin von LiteratPro!
In Österreich ist die Diskussion der deutschen nicht unähnlich, und die Ängste, Vorurteile etc. sind ebenfalls dieselben. Ich meine, man sollte bei der Flüchtlingsfrage doch endlich die Kirche im Dorf lassen, wie man so schön sagt: 800.000 Flüchtlinge für Deutschland klingt massiv - ist allerdings bei einer Bevölkerung von 81 Millionen lediglich 1 Prozent - von Überfremdung oder Islamisierung kann hier ja wohl nicht die Rede sein.... Ähnlich in Österreich, wo alles um eine Zehnerstelle kleiner ist: 8 Mill. Einwohner, 80,000 Flüchtlinge/Ayslanträge.
Abgesehen vom humanitären Aspekt und der menschenrechtlichen Verpflichtung zur Aufnahme von Kriegsflüchtlingen: Die meisten von ihnen gehören zu den gebildeten Eliten ihres Landes und sind für uns - in Zeiten sinkender Geburtenzahlen - eine wichtige Stütze für den Erhalt unserer Sozialsysteme. D. h., wir sollten sie als Bereicherung und nicht als Bürde verstehen und sogar starkes (Eigen-)Interesse daran haben, daß sie sich in unseren Arbeitsmarkt eingliedern. -
Daß seitens der internationalen Gemeinschaft auch jene Länder in die Pflicht genommen werden müssen, die direkt oder indirekt diese Kriege in Irak, Syrien, Lybien etc. verursacht haben, ist allerdings ebenso eine klare Notwendigkeit, Die Zahlen, die bisher von Ländern wie der USA, Saudi-Arabien, Iran, Russland & cetera genannt werden, sind ja reichlich bescheiden bzw. tendieren gegen Null.

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