Reuenthal u - Timos Verfolger

von Klaus Mattes
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Fast gegen des Mannes Erwartung ging der Junge am Montag wirklich weg und blieb einige Tage abgängig.

Am Freitagabend klingelte es. Ob er die Nacht bleiben könne. Er halte es draußen nicht mehr aus. Wo draußen? Wisse er noch nicht, er wäre in einem Männerwohnheim untergebracht. Das mit der Stütze habe er auch klar bekommen. Welches Heim es sei und welche Sorte Mensch darin lebe, behalte er lieber für sich. Irgendwann könnte der Mann es den Verfolgern offenbaren.

„Was denn für Verfolger?“
So genau wisse er das nicht. Aber ihm sei nicht entgangen, dass er belauert und abgepasst werde, wo er nur hinkomme. Gehe er zum Marktplatz, lungere da ein schwarzer Typ, der nichts zu schaffen hätte, aber so auf und ab gehe und in seine Richtung schaue. Ihn habe er abgeschüttelt, nachgelaufen sei er ihm. Gerade eben sei wieder so einer hinter ihm her gewesen.

Das, was er nie hatte sagen wollen, war dem Jungen schnell aus der Nase gezogen. Litterkrauch, die wenige Kilometer unterhalb Reuenthals an der Litter gelegene Kleinstadt, hatte das Männer-Wohnheim gespendet und selbiges schien sehr nah beim Bauhaus zu liegen, etwas außerhalb, schon im Gewerbegebiet oder an dessen Rand.

„Na und, in Litterkrauch am Markt ist doch die Litterkrauch-Klappe! Das hört man ständig beim Johannes. Also wird’s ein Schwuler gewesen sein, der dich vorher mal einschlägig irgendwo gesehen hat.“
„Klar, war’s ein Schwuler! Den kenn ich nämlich. Der ist manchmal beim Heinz gewesen, in Reiselfingen. Du kennst ihn auch. Ein Fetter mit langen Haaren; er schnauft arg und raucht Zigarren.“

„Zigarren, kenn ich nicht. Älter wohl? Ach, der interessiert mich gar nicht. Der wartet dort stundenlang, dann kommst du daher, ein Junger, den er in der Wohnung beim Onkel Heinz gesehen hat. Wer da nicht geiert ...“
„Merkst du überhaupt nie was? Der ist unter einer Decke mit dem Reiselfinger!“
„Inwiefern?“
„Den hat der Reiselfinger vorgeschickt, damit er mich meldet, wenn ich da bei der Klappe auftauche.“

„Und woher hat der Heinz gewusst, dass du dort hingehst? Du hast ihm vorher ‘ne Karte geschickt.“
„Der Heinz, der hat seine Informationen, viel mehr, wie du glaubst. Du meinst, der hockt fertig in seiner Bude drin und säuft. Aber der weiß, was geht. Dass ich in der Kleiststraße bin, hat er gleich gewusst. Die 3-Glocken-Rechnung.“
„3-Glocken-Rechnung? Was soll das sein?“
„Na, die Rechnung von der Pforzheimer Glocke! Er hat mich zweihundertachtzig Eier blechen lassen!“

„Was, bitte sehr, ist die Pforzheimer Glocke?“
„Kennst du auch. Kennt doch jeder, tu nicht so!“
Timo schaute ihn verstört an.

„Timo, ich kapier nicht, was du sagst. Kleiststraße sagt mir auch nichts. Von irgendwelchen zweihundertachtzig Mark hast du nie was gesagt und die Pforzheimer Glocke kenne ich nicht. Ich will’s am besten nicht mehr hören!“
„Blödes Gewäsch! Die 3 Glocken von Pforzheim! Der Katalog, wo man was bestellt! Wenn du die nicht kennst ...“
„Ich kenn die nicht. Ein Versandhandel anscheinend.“

„Wie ich in der Kleiststraße war, kommt von der Pforzheimer Glocke ‘ne Rechnung und ich hab nie was bestellt.“
„Und?“
„Also hab ich nix gezahlt. Gleich haben sie mit Prozess gedroht und die Bestellung mit meiner Unterschrift geschickt. Das war gefälscht und das kann nur einer gemacht haben, der genau weiß, wie ich unterschreib.“
Der Mann grinste. „Die Reiselfingerin.“

„Du meinst ja, ich bild mir das ein. Aber bei dem ist der 3-Glocken-Katalog gelegen. Da, wo er Praline, Happy Weekend und so Zeug liegen hat.“
„Ich kenn das nicht, scheint mir nicht wirklich verbreitet zu sein. Wenn er bei so was Kunde ist, kann’s natürlich sein. Was hat er sich kommen lassen?“
„Ich hab’s nie bekommen, aber zahlen hab ich dürfen. Tischdecken. Irgenden Scheiß, den keiner braucht.“
„Er hat’s nach Reiselfingen schicken lassen, die Kleiststraße als Rechnungsadresse angegeben, woher hat der gewusst, dass du dort bist?“

„Merkst du langsam was? Der kennt die ganze Welt. Der hat mir nachspioniert, weil ich weg bin von ihm.“
„Oder auch nur Klemens und Reinhard angerufen.“
„Was? Wieso die denn?“
„Und dann?“

„Ich hab geblecht, weil ich mei Ruh wollt. Der kriegt sein Fett noch.“
„Bist du doof? Du bezahlst Ware, die du nie bestellt und nie bekommen hast! Es gibt so was wie Armenrecht. Da kriegst den Anwalt umsonst.“
„Ein Anwalt, ha!“
„Wenn je noch mal was ist, kommst du zu mir.“
Timo lächelte gezwungen.

„Und weißt du, was passiert ist auf dem Weg?“
„A-ah, erzähl’s mir!“
„Da sind genau sieben Elstern über meinen Weg geflogen. Sieben Stück!“
„Na ja.“

„Das war nicht alles. Eine schwarze Katze ist über den Weg und zwar von links. Hinter mir ist sie stehen geblieben und hat mir nachgeschaut.“
„Quark! Schwarze Katzen, Elstern!“
„Elstern sind Todesvögel. Die Seelen böser Menschen wohnen in den dunklen Tieren, das steht so geschrieben.“
„Quatsch! Zwischen Litterkrauch und Reuenthal gibt’s en paar Wiesen, also hat’s Tiere. Wer immer gekommen wäre, hätte sie gesehen.“

„Von wegen! Da war nämlich kein einziger außer mir! Wie sie mich gesehen haben, sind sie vor gekommen. Die eine Elster ist so rumgeflogen und hat sich auf einen Baum gesetzt und geguckt. Wie wenn sie sagen möcht: „Dich kriegen wir!“ Die dunkle Seite gibt keinen frei, der ihr gehört.
„Mann, was können denn so Vögel dir tun? So Vögel ... Da sind Typen wie dieser Reiselfinger schon gefährlicher.“
„Die Elstern sind zum Heinz und haben ihm von mir erzählt.“

„Verdammte Scheiße! Hör mit diesem Unsinn auf! Jetzt spricht der Reiselfinger mit Elstern. Hat es aber nie gemacht in der ganzen Zeit, wie du bei ihm gewohnt hast.“
„Meinst du, sie sind blöd? Sie machen es heimlich.“
„Timo, das ist Spinnerei! Du bist dabei, den Verstand zu verlieren! Du bildest dir Sachen ein! Geister, die gibt’s nicht, nur die bösen Menschen, die gibt’s. Gut, der Reiselfinger, er war ein böser Mensch. Aber er weiß nicht mal, wo du jetzt bist. Eines versprech ich hochheilig: In diese Wohnung kommt er niemals rein!“

„Über dich haben sie auch keine Macht. Du bist ein guter Mensch.“
„Machen wir’s so: Wenn du Angst kriegst, weil du einen Verfolger siehst, rufst du hier an. Dann darfst du auch kommen.“

„Ins Wohnheim kommen sie auch.“
„Wieso?“
„Da sind überhaupt nur Ausländer. Türken, Jugos, nur Brutale. Sie stinken und schaffen tun sie nix. Den ganzen Tag Kartenspielen und den Türkensender. Sie gucken mich an und reden über mich in ihrer Sprache.“
„Türken sprechen Türkisch. Türken sind harmlos. Sie werden meinen, dass du der Gefährliche bist.“

„Neulich Abend hab ich Nudeln kochen wollen. Kommt vom ersten Stock einer und nimmt mir den Topf weg!“
„Ja, war das dein Topf? Die sind für alle. Da muss man sich einigen.“
„Mit denen kann man nicht reden! Die können nix außer Türkisch. Neulich hab ich telefoniert. Stellt sich einer nebendran und sperrt seine Ohren auf. Ich: „Hau ab!“ Er tut, als würd er nicht kapiern, was ich sag. Die Töpfe auf meim Stockwerk sind nicht für die vom Ersten. Die haben nämlich ihre eigenen.“
„So ist die Welt. Konflikte, man zieht mal den Kürzeren. Aber eigentlich sind die alle Kollegen von dir. Die stecken in derselben Scheiße.“

„Ach, du weißt nicht, was du sagst! Von den Schwarzen sind sie! Warum sind Türken schwarz? Und was du ja noch gar nicht weißt, der Schwule auf dem Markt, der hat ein schwarzes Hemd und eine schwarze Lederjacke und schwarze Hosen angehabt. Und es waren sechsundzwanzig Grad!“
„Ich kann’s nicht mehr hören! Dein beknackter Hobby-Satanismus! Der gute Herr Heinz von Reiselfingen mit seinen, wie du genau weißt, grauweißen Haaren. Er kommandiert die Klappenschwulen und die Katzen und sieben Elstern, die Fledermäuse in der Nacht wohl auch. Und weil er so wunderbar mit Türken kann, die kein Deutsch können, hat er sie als Spione im Männerwohnheim untergebracht. Vielleicht sind das deine Schuldgefühle. Du bist von Feinden umzingelt, weil du Angst vor einer Schuld hast, die du in dir fühlst.“

„Quatsch mit Soße! Schuld! Ich hab keine Schuldgefühle.“
„Es kann aber sein, dass du und der Heinz einen gewissen Bodo ausgeraubt und so vertrimmt habt, dass er ins Krankenhaus musste? Er soll übel beinander gewesen sein.“
„Dazu sag ich nix. Es ist passiert, war Scheiße, ist vorbei, ich hab genug gebüßt.“
„Aha.“
„Das war auch nicht richtig. Das war eine Straftat. Das Meiste hat der Bodo sich selbst zuzuschreiben. Er hat gut von meinem Geld gelebt, wie ich noch verdient hab. Er hat uns reingelassen und dann hat er Scheiß erzählt, wie wenn der Heinz eine Schlampe wär, die ihm den Schwanz lutschen tät. Und dass ich’s bei ihm vorher auch so gemacht hätt. Ich lutsch keine Schwänze. Niemals. Auch vom Bodo nicht. Es war nicht recht, was der Heinz gemacht hat, aber das Geld hat mir zugestanden.“

„Lassen wir dieses Thema. Das in dem Männerheim hat also keine Zukunft. Wieso gehst du nicht woanders hin, wenn du dich in Reuenthal nicht mehr sicher fühlst?“
„Das mach ich doch. Ich muss vorher Kohle haben. Jetzt such ich mir ‘ne Wohnung, eine wie deine, zwei Zimmer wär’n nicht schlecht.“
„Wenn du die zahlen kannst.“
„Ich krieg dann ja Wohngeld.“
„Hundertfünfzig pro Monat ich und zahl annähernd sechshundert warm.“
„Sechshundert für dieses Loch! Da bist du nicht schlecht gefickt.“

„Bis ich meine Wohnung hab, könnt ich vielleicht hier bleiben. Du hast gesagt, dass ich im Heim verrückt werd.“
„Kannst du vergessen, noch mal die Geschichte mach ich nicht. Das läuft ja bei dir immer so. Erst sind’s die liebsten Menschen. Natürlich wollen sie dir alle an die Wäsche und du machst ein nettes Gesicht, bis du bei ihnen drin bist. Und von da an klemmst du ab und sie sind genervt von dir. Und dann sind es die Bösen, die dich ausnützen wollen. War mal der Bodo, dann war’s der Heinz, dann war’s ich ‘ne Weile. Danke, jetzt nicht wieder! Und wenn du auf der Straße liegst und verreckst, das sag ich dir offen.“

„Du bist aber nicht wie die. Ich hab immer auf dich hören wollen. Dir hab ich kein einziges Mal was getan. Dafür hab ich Abwasch gemacht und dein Klo geputzt. Du kriegst deine Vorteile von mir, wenn ich da bin.“
„Nein. Jetzt hast du mal diesen Platz im Heim. Jetzt streng du dich da an! Hier wirst du nicht aufgenommen, wenn du es dir dort verscheißt.“

„Aber nächstes Wochenende geht doch?“
„Okay, Wochenende ist okay, wenn du magst, aber nur Samstag, Sonntag. Weiter spielt sich nichts ab.“
„Im Wohnheim komm ich nicht zum Schlafen. Erst saufen sie und haben den Fernseher an. Nachher hör ich sie vor meinem Zimmer schleichen und wispern.“

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Kommentare

01. Mai 2017

Nervig-spannend. Man möchte den Jungen nehmen und einmal gut durchschütteln. Jedenfalls aufgrund dieses einen Auszuges.