Die Tragik des Erfolgs

von Magnus Deweil
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Als Theodor gegen 22:00 Uhr die ihm alt bekannte Kneipe am Bahnhofseck, zentral der Kleinstadt, betrat, überkam ihn ein nostalgisches Gefühl. Wie als würde er mit geschlossenen Augen gegen eine aus Melancholie gebaute Mauer laufen. Wie als würde er Stunden lang im warmen Zimmer trinken und sich dann in die kalte Nacht verziehen. Ein Schlag ins Gesicht. Die Ohnmacht wäre fast dieselbe gewesen. Die meiste Zeit seiner Jugend verbrachte er dort. Zum ersten Mal als ihn seine Tante, bei der er nach dem Tod seiner Mutter lebte, schickte um seinen Onkel, der zur damaligen Zeit jeden Tag betrunken an der Bar hing, bescheid zu geben, dass das Essen fertig war. Alles sah genauso aus wie vor 13 Jahren. Sogar das Klientel das schon immer fast zu perfekt zur düsteren, verrauchten Atmosphäre passte. Ein Hauch von Leid, Elend und Hoffnungslosigkeit. Theodor schlenderte die leicht beleuchtete Baar entlang, seine linke Hand, die nicht mehr nach harter Arbeit, sondern gepflegt aussah, strich leicht über den pechschwarzen Tresen. Ein kurzes, schwer zu deutendes Nicken des Barmannes erwiderte Theodor mit „Ein Bier bitte“. Der Kerl der aussah als wäre er nicht einmal 20 gewesen, servierte das kalte Bier in einer Flasche mit einer Selbstverständlichkeit, die Theodor seit langem nicht mehr unter die Augen gekommen war. Der junge Kerl hatte keine Zukunft. Er würde alle Tage seines Lebens die verlorenen Arbeiterseelen des Viertels mit Alkohol und kochend heißer Kartoffelsuppe versorgen. Das Etikett löste sich von der kalten Flasche, als Theodor sie in die Hand nahm um einen kräftigen Schluck daraus zu nehmen. Und Plötzlich war er wieder da. Der eine Gedanke. Die Erinnerung die fast schon vergessen schien, rückte ihm schlagartig ins Bewusstsein. Die Erinnerung an seine alten Freunde. Godric und Abe. Sogar Old Sue, wie sie jedes Jahr an Heilig Abend einen Kurzen von Henry`s selbst gebranntem Pflaumenschnaps nach dem anderen zog. Theodor plagten keine Zweifel bei dem Gedanken, dass sich die Old Sue die zu seinen Jugendtagen schon alt gewesen war, längst Tod gesoffen hatte, oder an Krebs zugrunde gegangen war. Und nun dachte er auch an Henry, den Inhaber der Kneipe von dem er überzeugt war ihn genau dort zu treffen wo er jetzt saß. „Wo ist Henry?“. „Henry?“. Theodor kam die Unsicherheit des Jungen merkwürdig vor. „Dein Chef, wo ist dein Chef?“ „Ach! Sie meinen Mr. Weinstein?“. Nun überkam Theodor eine seltsame Ungemütlichkeit. Er kannte keinen Mr. Weinstein. Er stellte sich kurz die Frage, ob er hier überhaupt richtig war. Und er war richtig, dessen war er sich bewusst. Dennoch wollte er sich Gewissheit verschaffen. „Henry, Mc Dwain, Henry Mc Dwain ist doch der Besitzer dieser Lokalität?“. Der junge Kerl begann leicht zu grinsen, erwies sich dennoch als demütig. „Mr. Mc Dwain ist seit etwa 7 Jahren nicht mehr der Inhaber von diesem Drecksladen“. Theodor war etwas schockiert darüber, da Henry nicht einmal 10 Jahre älter gewesen war als er selbst und dem Alkohol nie so, wie die Meisten der Arbeiterklasse, verfallen war. War er gestorben? „Den Kerl gibt`s nich mehr.“. Sprach eine von Alkohol und Zigaretten gezeichnete Stimme. Theodor warf einen Blick über seine rechte Schulter in Richtung einer dunklen, schlecht beleuchteten Ecke, von der er dachte, dass die Stimme von dort kommen müsse. „Den Kerl, den Se suchen, der is Tod!“. Und jetzt fand er auch ein Gesicht zu dieser Stimme. Eine dürre, graue Visage. Er suchte vor seinem inneren Auge um einen Abgleich anzustellen, da ihm das Gesicht bekannt vorkam. Und er fand ein Gesicht in den Wirren seiner Erinnerungen. Tatsächlich! Sie war es! Old Sue! Allein die Erkenntnis, dass Theodor diese alte Schabrake, von der er geglaubt hatte, dass sie längst verstorben war, vorfand und nicht Henry, brachte ihn zum Staunen. Und langsam begann er die Bedeutung der Worte die er soeben gehört hatte zu verstehen. „Der Krebs hat ihn dahingerafft“. Theodor nahm erneut einen Schluck aus der Flasche, diesmal aber kleiner und schwerer als zuvor. Als würde er sich für kurze Zeit in einem leeren Nichts befinden. Ohne sich weiter damit zu beschäftigen, dass Old Sue Henry um einige Jahre überlebt hatte, stand er langsam auf und setzte sich zu der fast schon krankhaft dünnen und faltigen Gestalt an den Tisch. „Woran ist er gestorben?“ „Ich sagte doch, der Krebs hat ihn dahingerafft!“. Dieser Hinweis war Theodor trotz der unerfreulichen Nachricht nicht entgangen. Er wollte es nur noch einmal aus ihrem Mund hören. „Er hat weder geraucht noch getrunken“. Natürlich war ihm auch klar, dass mindestens die Hälfte aller Krebserkrankungen nicht von derartigen Rauschmitteln hervorgerufen wurden. „Die Fabrik. Es is der Smok.“ Die Fabrik, die Firma für die Theodor seit über 20 Jahren arbeitete, die einzige Möglichkeit in dieser Gegend der Stadt Geld zu verdienen. Er kannte sie zu gut und wusste um ihre unmenschlichen Arbeitsverhältnisse. Er selbst baute seinen Erfolg der letzten 5 Jahre auf einigen Lügen. Es war ein Trauerspiel für Theodor. Als wäre er sein eigener Dämon. Sein eigenes Hirngespenst. Ein erneuter Schluck aus der Flasche, die mittlerweile nicht mehr kalt, sondern eher kühl war. Ob sie sich an Ihn erinnern würde? Jedoch sparte er sich dieses Gespräch, wahrscheinlich war sie die letzten Jahre nicht einen Tag nüchtern gewesen. Theodor zog ein silbernes Zigarettenetui aus der Innentasche seines Mantels „Hast du mal Feuer?“. Er steckte sich eine an, während Old Sue nickte und eine Schachtel Zündhölzer hervorholte. Es war der einzige Ton in diesem Moment als die alte Schabrake das Zündholz über die Schachtel zog. Noch bevor Theodor die Zigarette anmachen konnte, erlosch die Flamme. Ein leichter, eisiger Luftstoß. Die Tür stand offen. Ein kleiner sehr schmächtiger Kerl betrat die Kneipe. „Das übliche Miki!“ „Kommt sofort Chef“ antwortete der Junge hinter der Bar, mit einem leichten Hauch von Gleichgültigkeit in der Stimme. Der kleine, schmächtige erblickte einen fremden Gast und ging direkt auf ihn zu, der Blick zuerst grimmig, dann erfreut. „Teddy?!“ „Hey, Godric“. „Mensch was hast du denn hier in der Hölle verloren?!“„Hmm, eigentlich bin ich aus einem weniger erfreulichen Anlass hier her gekommen.“ Godric warf einen Blick ins Leere und stellte den Umstand

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