Die Elbe fließt, die Freunde sprechen

von Freddy Freddy
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Zwei Krüge: Frisch bestellt und angestoßen, zwei Freunde: Stammpersonal seit 2016, die Elbe: Fließt gegen das eigene Versumpfen.
Schütter sein Haar, breit sein Lächeln, die Brille präzise geputzt und entspiegelt, der Körper seit den Nullerjahren drahtig, aber im Schädel, im Schädel, kombiniert jemand Zahlen zur schlauen Promotion, denkt sie, ignoriert sie.
Locker der Dutt, Fingernägel blank geputzt, schwarz lackiert, Altern beginne mit 25, hat er gelesen, Spuren aus einem Jahr und sie sieht bezaubernd aus, denkt er, ignoriert er.
Imaginäre Zahlen, das kann er.
Reell lügen, das kann sie.
Maria. Antonio.
„Du hast dich ein Jahr nicht gemeldet. Seit der Prüfung. Warum?“
„Antonio, ich konnte nicht.“
„Warum hast du die Prüfung nicht geschafft?“
Maria schweigt.
Antonio wartet.
Der Spätsommer endet Stückchen um Stückchen, noch fließt die Elbe, noch reift das Korn.

*

Pflege die Freundschaften, das heißt, investiere in Freundschaften, schreibe deinen Namen auf das Ticket, in Druckbuchstaben, Name, Vorname und lass mich fahren, Eisenbahn.
Habe wenig Geld, so schätze den Krug, das Sitzen vor Antonio.
Felder brannten zu schwarzer Asche, hundert Tage Dürre und Wolken von Rauch zogen über die Städte, als kämpften Hellebardiere einen unfairen Kampf.
Maria setzt an:
„Ich habe Elektrotechnik versucht.“
„Ich finde es doof. Und dann verschwindest du. Einfach so. Und dann tauchst du auf. Ein Jahr später. Einfach so.“
„Antonio, ich hatte kein Geld.“
„Kein Geld, ich hatte noch nie kein Geld.“
„Seit vier Jahren kennen wir uns.“
„Minus eins.“
„Ich bin nicht so schlau wie -“
„Maria...
Jetzt haben Menschen wie Michael einen Abschluss. Michael...“
Er trinkt vom Bier und fährt fort:
„Michael, der mit dem Schülerduden in Mathe seine Prüfungen schreibt. Und du? Was machst du jetzt?“
Sie bestellt ein Bier nach dem Bier, mit Himbeersirup gegen Hopfen und Herb, bat um die mildernde Wirkung des Alkohols. Was ich jetzt mache?, hallt nach, setzt etwas frei und das Etwas sticht, bricht, verseucht ein etwas in ihr, das sie lange für besiegt glaubte, es gluckst. Sie atmet die Luft ein, die so sauer von der Elbe strömt, die so träge in den Spätsommer fließt.
Antonio schaut Elbe.
Maria bestellt Bier.
Dann schweigen sie.

*

Der Professor hatte seine Brillengläser geputzt, so schön, der Schein. Er begann ein „Es fällt mir schwer“, betonte das „mir“ zum wichtigen Wort.
Am Ende der endgültig nicht bestandenen Prüfung hatte sie auf Zufall integriert. Die Unschärfen hatten über den Rand gewuchert. An Klammern sich verletzt und in der dritten Ableitung gestochert, wie ein Chirurg in Panik vor dem Nichtwissen und seinen Folgen. Eine kleine anatomische Anormalität und du bist deine Approbation los.
Sie wird Staub.
Sie zerfällt zu Staub und die Neuen zeichnen Fußspuren im Staub.
„Haben Sie eine Idee“, fragte der Professor in einem empathischen Versuch: „Was Sie jetzt machen?“
Professor schweigt.
Maria spricht.
„Alles Gute“, beendet er den Lebenslauf.
Die Lüge im alltäglichen Wort.
„Ich habe es nicht geschafft, Daniel.“, schrieb sie.
„Was? Das glaube ich nicht. Warum?“
„Ich habe nicht bestanden.“
„Ich bin gerade auf einem Kongress und besuche noch jemanden. In einer Woche bin ich wieder da.“
In einer Woche? Sie saß vor dem Hauptbahnhof und fragte nach einem sehr günstigen Zug ins Ausland, nach Dänemark gebe es für ein Europa-Spezial, frisch storniert, könne sie haben, sagte das Reisezentrum ihr, sei kein Problem, jetzt sofort, nach Kopenhagen.
Das Reisezentrum fragt nie Privates. Es organisiert um das Private.

*

Maria:
Nach der Prüfung brauchte ich die Ruhe, ich brauchte die Flucht. Ich fuhr nach Dänemark und ignorierte sie, die Nachrichten über deine Promotion und Investoren in Übersee und Svetlana, der Russin. Ich gab niemanden Antworten und log zur Erleichterung meiner Eltern an, zum Zeitgewinn. Ich habe nie geschrieben, aber diese Idee, Ingenieurin zu werden, was für ein Absurdes Dummes Ding.
Irgendwo im Norden Dänemarks, arbeitete ich.
Antonio lächelt.
„Ich glaube, du hast nicht hart genug gearbeitet.“
„Was?“
„Nicht - hart - genug. Der Professor, mein Doktorvater, hat es mir erzählt, das war ein Klammerfehler. Echt, du hast falsch ausgeklammert.
Mittelstufe.
Siebte Klasse.“
„Antonio – können wir über etwas anderes reden?“
„Warum? Man muss sich den Problemen stellen.“
„Es ist vorbei.
Keine Ingenieurin. Der Elektrotechnik.
Antonio – ich bitte dich.“
Sie trinken gemeinsam vom eigenen Bier. Maria setzt ab, fragt:
„Was macht Svetlana?“

*

Maria hatte empfohlen: Suche den Zufall. Bleibe locker und entspannt, trinke ein Bier vor dem Lallen und nach der Disziplin. Bisschen Tanzen, fertig. Entspanne. Hast du sie gesehen, drücke das Kreuz durch, schaue sie an und zähle einundzwanzig-zweiundzwanzig, nicht mehr, schaue weg, spiele, gehe ran, gehe zurück.
„Hallo, ich bin der Antonio.“
„WAS?“
„Ich-bin-An-to-ni-o!“
„WAS?“
„An-to-ni-o!“
„ANTON?!“
Also Internet. Eine weitere Website, in der sich Menschen nach Sekundenzeigern verlieben, dann wage es, Quantität statt Qualität und ran da. Natur, Tiere, nettes Foto, ein Ticken mehr Haar im vorigen Jahr und du sagst, okay, das passt. Du hast nie Zeit und es meldet sich eine Svetlana, sie spricht sehr gutes Englisch als Englischlehrerin und hat den Ehrgeiz, Kongresse in Dänemark zu besuchen, Lage: Bei Moskau, der Lageradius: Russische Nähe von dreihundertfünfzig Kilometern.
Antonio setzt an:
„Was soll das? Warum erwähnst du das? Svetlana, nichts ist mit Svetlana. Wir schreiben selten. Ja, es geht ihr gut, bei Moskau.“
„Du bist achtundzwanzig und hattest noch nie etwas mit einem Mädchen?“
„Svetlana und ich haben gemeinsam geschlafen.“
„Habt ihr nicht.“
„Doch.“
„Nein. Sie hat es mir geschrieben.
Auf Facebook sah ich, Michael, der hat eine Freundin. Nicht hübsch, sehr fett, aber schwanger, ja, der Bauch wölbt sich nicht von Mohnschnecken sondern von einem Fötus, toll oder?
Michael hat eine Freundin, stell dir vor.“
Maria leert das Bier.

*

Sie kam in den russischen Sommerferien, visakonform, und ich plante eine Reise durch Europa. Kopenhagen, sieben Stunden Eisenbahn, Fähre, Dänemark. Ich erzählte ihr von Oberleitungen, windschief, für die ich etwas promoviere und programmiere. Die größte Elektrifizierung einer alten Industrienation, ein Bahnnetz auf Strom, toll.
Svetlana nickte.
Sie freue sich auf die kleine Meerjungfrau.
Sie sagte, die Sommer seien heiß bei Moskau. Dänemark, viel zu viel Meer, viel zu viel Wind, so schön. Sie verneinte die Küsse.
Zwischen Fährhafen und Kopenhagen Hauptbahnhof setzte sie den Kaffee ab, sie fahre zurück. Sie fahre einfach zurück, der Flug sei gebucht, von Kopenhagen Flughafen, für den Abend, sie zahle ihm das Hotel, er sei ein ganz ganz toller Mensch, es läge nicht an ihm und überhaupt, das sei zu schnell, viel zu schnell, aber auf dem Foto habe er mehr Haar gehabt.
Zwei Stunden später saß Antonio im Kopenhagener Hauptbahnhof und schrieb Maria: „Sie ist weg.“
„?!?“
„Weg.“
„Antonio – ich komme dir entgegen, bis zum Fährhafen, okay?“
Am Fährhafen weinte er und Maria kaufte ihnen zwei Hotdogs, Pölser im Dänischen. Dänische Sommer bleiben frisch und auf der Ostsee tuckerte die Fähre, tuckerte gut, tuckerte bis dass die Wellen Blasen schlagen.

*

März vor drei Jahren: Schnee lag an den Rändern des Campingplatzes. Ein magischer Tscheche trank das perfekte Bier. Antonio hat in der Nacht sie nicht berührt, sie weiß: Das kann Freundschaft sein.
„Welcher Dummkopf zeltet im Februar in der Böhmischen Schweiz?“, fragte der magische Tscheche.
Schnee fleckt, Schnee gräbt, Schnee auf den Ästen und dem Wintergras, Schnee an der Gaststätte des kleinen Ortes, gebildet um einen Campingplatz, Schnee im Abräumprozess zusammengeschaufelt, Schnee unter Straßenstreu.
"Wir machen das!", antwortete sie. "Das ist Antonio, ich bin Maria."

Ende fehlt noch, stelle den Text trotzdem mal hinein, versehen mit Hashtag Experimentelles.

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Kommentare

04. Sep 2019

danke^^
Ja, die Perspektivwechsel machen das ganze nicht einfach, aber freut mich, dass es dir gefallen hat.