Die Mondphasen als unser Leben

von Reya Kwan
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Prolog

Es gibt immer eine Zeit in unserem Leben, eine ganz bestimmte. Eine Zeit in der wir im Tief sitzen. Eine Zeit, in der wir uns leer fühlen, keinen Ausweg wissen. Der Moment, der uns so hinunter zieht und wir förmlich in Frust und Einsamkeit ertrinken..
Es gibt keine Richtung in die wir gehen können. Aber warum? Wissen wir nicht wohin? Ist der Weg zu weit? Hat er zu viele Hindernisse?

Ich habe sehr viel sehen, hören und fühlen müssen, um zu verstehen, dass es nicht nur die Welt ist, die bösen Menschen darin oder all die schlechten Dinge die passieren, die uns am Glück hindern.
Es sind auch wir selbst. Kaum einer möchte so etwas hören wie „vergib dir selbst“, „du bist nicht allein“, oder „du stehst dir nur selber im Weg“.

Wir sind in den Phasen der Trauer nicht bereit so etwas zu hören. Weil es für uns in diesem Moment nicht stimmt.. wir empfinden sie als falsch, weil wir genau das Gegenteil fühlen..
- aber es ist wahr.

Ich hab in mich hinein gehorcht.. ich habe viel nachgedacht.
Vielleicht ist es ein falscher Ansatz, auf dieser Weise meine Gefühle und meine Erlebnisse mitzuteilen, aber ich bin mit Sicherheit nicht alleine auf dieser Welt..
Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es euch „andere“ da draußen gibt, die ähnliche Schmerzen und Erfahrungen besitzen.

Kapitel 1 - Vollmond

Ich war drei als ich herkam. Davor bin ich in Thailand geboren und einige Jahre bei meinen Großeltern gewesen. Meine Erinnerungen daran sind sehr verschwommen. Ich kann mich nur an den Mann erinnern, vor dem ich mich hinter meiner Mutter versteckte. Er war mir so fremd. Ich habe damals nicht verstanden.. ich habe kaum noch Erinnerungen an jene Zeitspanne.
Dies war meine früheste Kindheitserinnerung, an die ich mich aber am genauesten erinnern kann.

Ab dem Alter von vier sind die Bilder schon klarer. Ich war sehr glücklich. Ich habe eine Schwester – fünf Jahre älter als ich. Ich habe sehr oft mit ihr gespielt. Damals war die Welt noch in Ordnung. Nichts böses gekannt, nichts böses erlebt.

Man sagt dumme Menschen sind am glücklichsten. Warum? Sie denken nicht so viel nach. Sie machen sich nicht zu viele Gedanken, wie um Gott und die Welt. Können wir dann behaupten, dass wenn wir Depressiv sind, wir intelligent sind? Man kann es nicht sagen.. es heißt aber, dass wir sehr viel denken und unser Gehirn fähig ist, viele Informationen aufzunehmen, zu umfassen, zu speichern.

Und vielleicht war ich als Kind ja noch dumm.. noch unwissend.. aber eins kann ich sagen. Ich hatte nicht so viel Kummer. Das Leben erschien mir so bunt und voller Farben. Dinge gab es zu erforschen, Geheimnisse zu entdecken, Neues kennenzulernen.
Dennoch gab es dunkle, schwarze Flecken auf diesem Filmstreifen. Natürlich, wie jedes zweite Scheidungskind, deren Eltern einen neuen Partner haben, lief in der Kindheit so einiges schief.

Anders als meine Schwester, kenne ich meinen biologischen Erzeuger nicht. Ich nenne diesen Menschen auch bewusst nicht Vater, denn ich habe keinen Bezug zu ihm. Er existiert nicht in meinem Dasein.
Für mich gab es nur diesen einen Mann, der der Lebenspartner meiner Mutter war. Ich habe schon sehr früh hässliche Dinge gesehen und gehört. Ich habe meine Mutter so oft weinen gesehen.. ich habe nicht verstanden, warum..

Nach einigen Jahren blieben auch wir nicht verschont. Immer gab es etwas zu bemängeln, immer war etwas nicht korrekt. Wir waren nicht perfekt genug. Wir standen nicht sofort nach einem Fingerschnipps da. Hatten wir nicht so gehandelt, wie er es wollte, dann gab es richtig Ärger.
Die Hände meiner Schwester und meine waren wund vom schreiben. Manchmal mussten wir 500 Mal schreiben… manchmal 1.000.. und auch 1.000.000. Dinge wie „Ich darf mein Trinkglas nicht mit ins Zimmer nehmen.“, Oder „Ich muss mir die Naseputzen, wenn ich schniefe“. Wir haben uns oft gestützt und meine Schwester half mir einmal beim schreiben.
Als Sechs-jährige hat man das wohl kaum verstanden, warum man wegen solchen Sachen schreiben muss und zugegeben verstehe ich es heute auch nicht. Es war nur zu deuten, dass wir es dazu gezwungen waren, weil er wütend war, weil etwas nicht gepasst hatte. Weil irgendetwas ihn wieder so in Jähzorn und Rage gebracht hatte.

Er hat auch viele Dinge kaputt gemacht. Vor allem in der Küche. Teller geworfen, Gläser zerbrochen, Vitrine umgeschmissen. Dieser Mensch hat nicht nur Gegenstände zerstört, sondern auch uns. Kontrolle und Aggressionen bestimmen sein Leben. Ich habe erst später erfahren, dass er ebenfalls eine sehr kranke Kindheit hatte. Aber denkt man nicht, eine Person mit gesundem Verstand und einem Bewusstsein würde es versuchen besser zu machen? Ein Besserer Mensch zu sein, als seine Eltern es ihm waren? Aber sein Verstand war nicht gesund. Ist es heute immer noch nicht. Er tut mir sogar fast schon leid. Gefangen in Groll und Rache. Führt ein Leben in der Vergangenheit. Ausschluss von allen Menschen und Gefühlen. Dass einzige was er scheint zu lieben, sind unsere drei Hunde.

Was soll man da noch machen? Ein Mensch, der sich nicht helfen lässt und helfen lassen will, den erwartet keine Heilung. Ich sage ja eigentlich bei fast allem, dass es nie zu spät ist, aber an diesem Punkt muss ich es zugeben, dass es das ist.

Die Zeit hat meine Mutter gezeichnet. Sie hatte sich verändert.. Liebevoll.. sanft.. empathisch.. und jetzt? ----

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