Eine ungewöhnliche Geschichte

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
Mitglied

Der Unbekannte mit verschwommenen und nicht klar erkennbaren Gesichtszügen, ging durch einen sehr langen Flur und
spürte eine kalte Aura, die sich überall ausbreitete. Der Flur war menschenleer. Es kam ihn vor, dass sich rechts und links
vor ihm wohl mal kleine aneinandergereihte Verkaufsstände befanden; wie unter einem überdachten Basar, die allerdings
alle verschlossen blieben. Vor einer Tür, die mehr einem zusammengenagelten Bretterzaun glich, machte er halt und
öffnete sie. Er betrat den Raum und stand vor einem provisorisch gezimmerten Tresen; dahinter saß ein Fremder auf einem Hocker.
Der Fremde mit seinen großen schwarzen Pupillen, eingebettet in leuchtendem Weiß seiner Augen,
schaute auf den anonymen Besucher. Sein schwarzes volles dunkles Haar war zurückgekämmt,
seine tiefgebräunte Gesichtshaut durchfurcht von vertikalen Falten und sein fester, von Stärke
entschlossener Mund, gaben ihn trotz allem eine nicht definierbare jugendliche Ausstrahlung.
Er trug ein weißes ärmelloses Unterhemd, darüber eine hüftlange schwarze, leicht zerschlissene
Lederjacke. Ein sanftes Lächeln, das aber an Stärke nichts verlor, legte sich auf seine Gesichtszüge.
„Altern“, sprach er, „ist undefinierbar, auch was Du vom Leben erwartest und wie Du es lebst
und wenn es das Leben nicht anders zulässt, dann lebt man so, wie Du diesen Raum wahrnimmst“.
Der Fremde richtete seinen Blick nach rechts und hielt an einer holzverschlagenen Pritsche fest.
Ein paar grobwollene Decken lagen zusammengerollt am Kopfende.
Dann richtete der Fremde seinen Blick wieder zum Unbekannten. „Und siehe, Du bist doch nicht allein;
dieser Raum hat Platz für mehr Leben“.
Der Unbekannte hörte nur zu und sprach kein Wort. Er war erstaunlicherweise ziemlich verstummt;
musste erst einmal alles zuordnen. So richtig konnten seine Gedanken die Situation noch nicht übersetzen.
„Komm“, forderte ihn der Fremde auf, „Ich zeige Dir die Löwen im Paradies!“
„Nach draußen?“, fragte der Unbekannte, ohne jetzt überrascht zu wirken. Kaum ausgesprochen,
standen beide Männer in einer ausladenden, weitläufigen Landschaft. Überall hohe Gräser, unterbrochen von großen
Laubbäumen, die ihre Kronen wie Schirme ausbreiteten. Schirmakazien, dachte der Unbekannte bei sich.
„Ich sehe keine Löwen“, bemerkte er suchend zwischen den hohen Gräsern.
„Dann wirst Du sie später sehen“, antwortete der Fremde bestimmend. Und schon wieder wechselte
wie aus heiterem Himmel die Szene. Nun standen sie beide vor einem hohen Bretterzaun. Es gab eine Pforte. Der Fremde
öffnete sie und sie schauten auf ein kleines friedvolles, von kleinen Erhebungen unterbrochenes Tal. Da kam aus dem
Gras eine Henne mit einer Vielzahl von Küken zum Vorschein.
Kaum hatte die Glucke das schützende Gras verlassen, fiel sie tot um. Unter den Küken herrschte große Aufregung
und alle versprengten sich in der Landschaft. Aber auch ihnen wurde das Todesschicksal zu teil. Nur vier von ihnen blieben
am leben und kauerten engzusammen am Rande eines kleinen Hügels.
Der Fremde und der Unbekannte beobachteten schweigend die Szene. Da flog ein schwarzer Vogel auf die vier Küken zu
und setzte sich neben sie. Der Vogel war doppelt so groß wie eine schwarze Amsel. Sein übergroßer gelber Schnabel
glich dem Schnabel eines Tukans.
Es schien so, als ob die vier Küken die übergroße schwarze Amsel als Ersatzmutter akzeptierten.
Beide Männer zogen sich nach diesem Spektakel zurück und das Tor im Bretterverschlag schloss sich daraufhin.
Als sie sich umdrehten, sahen sie wieder auf die vor ihnen liegende Landschaft.
Dieses Mal war sie in ein gelblich graues, dunstiges Licht getaucht und doch war da noch Wärme zu spüren.
„Da“, rief der Fremde zum Unbekannten und deutete mit ausgestrecktem Arm auf einen großen Baum. „Da hast Du
Deine Löwen. Zwei junge Löwen. Schau wie sie schlafen“
Der Unbekannte konnte sie deutlich erkennen. Ihr goldbraunes Fell schimmerte durch die hohen Gräser. Aber dann musste er mit
erstaunen feststellen, dass um die Löwen herum über die Fläche verteilt, noch viele weitere Tiere schliefen. Selbst Antilopen
lagen in ihrer unmittelbaren Nähe. Er kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Sie wanderten weiter durch die Graslandschaft. Wohin sich ihre Augen auch wendeten; überall schlafende Tiere.
Schon standen sie mitten in einer Gruppe von schlafenden Eseln. Sie lagen alle
auf der Seite und streckten alle Vierw von sich. Ihre Körper ruhten friedlich atmend im Gras.
„Wie können denn alle Tiere so friedlich im Umkreis von Löwen schlafen.
Müssen die Tiere nicht befürchten von den Löwen angegriffen zu werden?“
Der Unbekannte war sichtlich verwundert und konnte sich keinen Reim darauf bilden; er staunte.
Und wieder schien es so als würden sie in Handumdrehen in eine neue Situation getragen.
Nun standen sie beide vor einer hölzernen Scheune. Vor der Scheune war es Tag und diesig hell, als sie die Scheune betraten,
Nacht. Bis auf eine Stelle, die von einer spärlichen Lichtquelle gespeist wurde.
Vor ihnen lagen aufgestapelte Jutesäcke. Auf dem obersten Sack, in Augenhöhe, schliefen besagte
vier Küken, die allerdings sich schon zu Jungvögeln gemausert hatten. Sie lagen und schliefen alle hintereinander,
wie auf einer Perlenschnur – Gefieder an Gefieder.
Die übergroße Drossel mit ihrem markanten gelben Tukanschnabel saß in unmittelbarer Nähe.
Aber auch sie hielt ihre Augen verschlossen.
„Ist es nicht ungefährlich für sie?“, fragte der Unbekannte. „Denn es könnte ja auch etwas Unvorhergesehenes geschehen“.
In diesem Moment öffneten alle Vögel müde ihre Augenlider, schauten auf die Besucher und schlossen sie wieder gelangweilt.
„Nein“, antwortete der Fremde, „Siehe die Augen in der Dunkelheit dort über den Vögeln“.
Der Unbekannte erblickte diverse große hellleuchtende und auch liebevolle sanftmütige Augenpaare.
Sie kamen ihm wie große leuchtende Perlen in der Dunkelheit vor, die über die schlafenden Vögel wachten.
„Sie schlagen sofort Alarm, falls sich ein Unheil auf die Vögel zubewegen sollte“
Wem mögen wohl diese Augen zuzuordnen sein, ging es durch die Gedanken des Unbekannten.
Da schaute der Fremde den Unbekannten an und sprach: „Siehst Du, auch wenn Du nichts besitzt, es
kalt vor Einsamkeit wird; ich teile immer sehr gerne meinen bescheidenen Raum. Es gibt immer einen
Platz für den Frieden, unabhängig vom Reichtum. Du schläfst auf Holz, das wir zusammen teilen“.

Der Unbekannte fiel daraufhin in einen Trancezustand und als er erwachte, erkannte er sich selbst.
Er sah zum ersten Mal sein Gesicht und nickte zufrieden.

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Interne Verweise

Kommentare

02. Jan 2019

Ungewöhnlich ist die Geschichte in der Tat -
Sie spricht den Leser an - beinah privat ...

LG Axel

02. Jan 2019

Selbsterkenntnis. Ein Traum vielleicht - mit eindrücklichen Bildern. Eins picke ich mir aus Deinem mich ansprechenden Prosagedicht oder -text heraus: „Altern ist eine holzverschlagene Pritsche mit ein paar grobwollenen zusammen gerollten Decken am Kopfende.“ Nicht nur das werde ich mir merken …

LG und gute Wünsche für das neue Jahr - Marie

02. Jan 2019

Ich schließe mich Axels und Maries Kommentaren und Wünschen an, lieber Jürgen. Vielen Dank für die gute Geschichte.

LG Annelie

04. Jan 2019

Tolle Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe, lieber Jürgen :)

Liebe Grüße,
Ella

05. Jan 2019

Ein Traum, eine sehr persönliche Entwicklung. Vielen Dank, dass Du uns daran teilhaben lässt.

Herzliche Grüße, Susanna