HeartCore Über die Erziehung (Teil 1)

von Sven Habermann
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Wenn ich in ein Café gehe, dann meistens, um eine Art der Ruhe und Inspiration zu finden. Die Anzahl der Menschen und das Stimmengewirr stören mich nicht. Ich lese dort und schreibe. Nehme am Leben teil, ohne von Mitmenschen in Beschlag genommen zu werden.
Der Tisch links neben mir, besetzt mit zwei älteren Ehepaaren, so mutet es an, welche ich auf Mitte Sechzig schätze, deren Gespräche mich noch vereinnahmen sollten.
Am Tisch rechts neben mir eine vierköpfige Familie. Ich schätze die Eltern auf Mitte dreißig, den Sohn auf fünf und die Tochter auf drei Lebensjahre. Beide Tische waren bereits belegt, als ich mittendrin platz nahm.
Es ist ein herrlicher Tag.
Frühlingshafte einundzwanzig Grad, Sonne. Das erste zart leuchtende Grün an den Bäumen im Klosterhof. Die ersten Blumen mühen sich durch den Erdboden. Der Zauber eines Anfangs.

Das Elternpaar bestellt zwei Kaffee. Das übrige Geschirr wird abgetragen, nein, die Kinder möchten nichts mehr. Habe mich schon gewundert, wie brav die Beiden so lange sitzen mochten. Juchzend, voller Lebensfreude verließen sie den Familientisch und spielten Fangen. Ab und zu ein Slalomlauf zwischen den Tischen des Cafés.
Die Eltern scheint das gar nicht zu jucken, vernehme ich den Satz, mein linkes Ohr penetrierend. Ich wende den Blick in Richtung Quelle der Worte: Einer der Herren, rot im Gesicht, mit zusammengekniffenen Augen. „Solche Rotzlöffel“, fährt es aus ihm heraus. „Also wirklich“, bestätigt ihn die Frau Gemahlin, „bei uns hätte es das nicht gegeben.“
Die Mutter der beiden winkt der Kellnerin, bittet, bezahlen zu dürfen, während sich der Vater erhebt, den Kindern zuruft, dass sie gehen wollen und sie bitte ihre Sachen zusammenzupacken. Die Kleinen setzen zum letzten Slalom an.
Dieser endet am ausgestreckten Bein des Herren am Nebentisch.
Der Junge schlägt mit dem Kinn auf den Pflastersteinen auf, seine jüngere Schwester, weil ihm dicht folgend, landet weich auf ihrem Bruder, dessen kleines Gesicht daraufhin erneut auf den Boden gepresst wird.
Papa eilt zu den Kindern, hilft beiden auf, nimmt sie in seine Arme und spricht tröstende Worte.
„Ja, so Pflastersteine sind nicht ohne, da muss man schon aufpassen“, pädagogisiert der Alte an den Vater heran. Dass es dieser war, auf den man aufpassen sollte, hatten die Eltern der Kinder nicht mitbekommen.
Hoffentlich, so denke ich, reagiert der Vater darauf nicht. Tut er nicht. Die Familie verlässt den Schauplatz.

„Das hat jetzt auch nicht sein müssen“, spricht die Ehefrau, plötzlich selbstständig an ihren Mann heran. Was mich verwunderte, bestätigte sie doch kopfnickend bisher die Beschallung ihres Gatten. Das andere Ehepaar sprach sowieso wenig bis nichts.
„ACH WAS!“, herrscht dieser die eigene Frau an - welche sich anherrschen lässt -, „du hast doch gesehen, dass es die Eltern einen Scheiß interessiert! Da muss man durchgreifen! Uns hat das auch nichts geschadet!“

Wer ist man und wer ist uns, schon wieder, flammt ein kurzer Gedanke in mir auf.

Doch, hat es, dir auf jeden Fall, denke ich.

Kurz darauf wird dieser Mensch von seinem Sohn, den er mit „Ach, Junge, schön dass ihr wieder da seid“ begrüßt, der Schwiegertochter und seinen beiden Enkelinnen abgeholt.

Die Mädchen konnten gerade so alleine laufen!

Wie las ich es neulich auf dem T-Shirt eines Vierjährigen: Erst soll man laufen und sprechen lernen, um dann still zu sitzen und den Mund zu halten.

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