Herr Fischer giert nach Welt

von Freddy Freddy
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Herr Fischer giert nach Welt

Den Kindergarten des Herrn Fischers zerstörte ein T-34-Panzer aus osturalischer Produktion: Er erhob sein Röhrchen vom Stoppelfeld, zirkulierte um alte Halme und befeuerte den Kindergarten. Zu Pulver. Kreide-Beton-Pulver. Pulver legt sich in Ruhe, Pulver legt sich zu Boden, Pulver legt kleine Granaten an die Lungenbläschen. Das war 1970. Dem Rekruten unbekannten Ranges interessierte ein Lob des Vorgesetzten. Interessen legen sich, Interessen bleiben, Interessen schoben einen Bagger an den Rand und frästen einen "halben! Haaalben! Haaaalben!" Meter Braunkohle aus Erde. Aus Herrn Fischers Vater Erde.
"Da steht ein Schild. Da steht ein Schild meines Kindergartens."
"Da war keine Wahl."
"Da kamen die Roten."
Herr Fischer habe die Wohnung vor drei Monaten zu einer ärztlichen Untersuchung verlassen. "Alles komisch! Die Busse! Wo kommen alle Busse her?"
Der Pflegedienst klickt den Einsatz ab und wünscht einen schönen Abend.

*

Seit dem durch "Nahrungsergänzungsmittel" verursachten Tod der Ehefrau 1997: Viele Zimmer, ein Mensch mit einer Wahrnehmung, deren Ecken rauschhafte Traurigkeit verschmiert. Die Welt wird eine Collage aus Erinnerungs-Versatz-Stücken: Der Panzer, der Bach, die Roten, die anderen, der Garagennachbar, die Frau, Vitamin A bis Zink, Grabstein, Königsberger Klopse. Der Pflegedienst notiert die diagnostizierte Depression als das "Ass im Ärmel". Der Medizinische Dienst der Krankenkassen guckt, ob Herr Fischer seinen Arsch abwischen kann. "Das wird eine Eins."
"Er hat eine diagnostizierte Depression."
"Dann wird's eine Zwei."
Herr Fischer erhält eine grüne Akte und ist nun Teil des Pflegeversicherungssystems der Bundesrepublik Deutschland in den Grenzen vom 3. Oktober 1990 , Leistungsempfänger/in durch einen ambulanten Pflegedienst mit Herzen und Leidenschaften und Freuden und Lieben und ganz viel ganz unausgebildeten Mitarbeitern.
Der Pflegedienst klickt den Einsatz ab.

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Die Granaten schweigen. Herr Fischer benötigt einen Beinbeutel. Ein Beinbeutel - der Pflegedienst betont, das sei ein Organ, das sei etwas Inneres nichts Äußeres - besteht aus Beutel, Gurt und Schlauch. Die speziell für Beinbeutel autorisierte Apotheke im sog. Stadtzentrum berichtet: Die Krankenkasse von Herrn Fischer müsse die Kostenübernahme faxen. Nach Weihnachts- und Silvesterpause genehmigt die Krankenkasse den Beinbeutel. Herr Fischer fragt, ob nach dem Schnee die Eiszeit beginne, der Pflegedienst verneint und spricht von kalter Luft aus Nordeuropa. Die Apotheke meldet Ende Januar ein Lieferproblem des Beinbeutels aus Lodz, nicht jedoch des Beinschlauches aus Hannover und des Gurtes aus Civitavecchia (bei Rom, Fährhafen, Tourismus- und Sanitätsmittelindustrie). Inzwischen hat ein neues Quartal begonnen. Die Urologiehelferin fragt völlig entnervt den Pflegedienst, warum keine neuen Beutel aus dem System kämen, der Pflegedienst spricht von technischen Problem im Großraum Lodz. Inzwischen entzündet sich Herrn Fischers Peniseichel, er erhält ein Antibiotika. Mitte Februar: Die Krankenkasse habe eine Gesetzesnovelle nicht beachtet und übernehme nicht den Gurt, jedoch Schlauch und Beutel. Ende Februar: Durch geschicktes Umtaktieren der Verwaltungskräfte des Pflegedienstes und der Apothekerin erreicht ein Beinbeutel aus dem dänischen Aarhus (altdänische Schreibweise) am 27. Februar die Apotheke.
Herr Fischer wird in das Krankenhaus eingeliefert, da er roten Urin pinkelt und Hustenanfälle erleidet. Der Pflegedienst notiert Husten und RTW-Einsatz, der RTW fragt nach den Beinbeuteln. Der läge in der Apotheke und sei per Expresskurier aus Aarhus gekommen.
"Schöne Stadt, schöne Frauen."
Der Pflegedienst klickt den Einsatz ab.

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Herr Fischer erreicht per Taxi seine Umsiedler-Wohnung. Im Februar hat ein sibirischer Kaltlufttropfen seine Umsiedler-Wohnung im polaren Würgegriff. "Ich weiß nicht, wie das weitergeht.", sagt er, der Pflegdienst notiert seine Worte.
Herr Fischer.
Seine Augen ruhen nie still. Er marschiert im Wackelgang (Sturzprophylaxe) die Gänge von breiiger Luft. Das Essen schmeckt selten. Brocken von Kartoffeln wandern zerstückelt durch die Speiseröhre in einen Magen. Die Luft klumpt von Heizung und Fischer. Als der Pflegedienst den Einsatz abklicken will, bittet Herr Fischer zu bleiben. Seine Augen suchen aus durch das Fenster die Abendschwärze. Man erahnt einen alten Laubbaum; man erahnt einen Neumond, man erahnt die neuen Wälder hinter den Rändern der Braunkohle. Herr Fischer? Herr Fischer?, fragt der Pflegedienst.
"Ich glaube, der Kindergarten, den haben sie zerstört. Dann hat sich meine Mutter umgebracht. Einfach so. Und ich habe im Kraftwerk gearbeitet, auf dem Kran. Ich habe das Eis weggehackt, damit die Kohle laufe."
Der Pflegedienst schiebt sich eine Pause in den Dienst. "Möchten Sie einen Tee? Oder ein Glas Wasser?"
"Schmeckt alles gleich."
Der Pflegedienst klickt den Einsatz ab.

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Herr Fischer verlässt die Umsiedler-Wohnung. Er humpelt zur einzigen Bushaltestelle "Straße der Freundschaft" und wartet. Der März überrascht niemanden mit feuchtwarmer, atlantischer Luft. Sie spiegelt in Herrn Fischer irgendetwas wieder, das er verloren hat und nicht benennen kann. Es bleibt eine Enttäuschung. Die Hauptstraße leerte sich vor Nacht und die Busse hatten kein Interesse an Herrn Fischer. Im Pflegedienst schliefen die MitarbeiterInnen satt und beruhigt vor dem nächsten Einsatz.
Herr Fischer setzt sich auf die Bushaltestellen-Bank und wartet. Hinter den neuen Wäldern lag der Kindergarten. Lag er. Lag er im Gras, ehe die Interessen seine Schaukel abmontierten. Er habe von einer Armeeübung gehört.
Egal.
Die Granaten schweigen.
Herr Fischer öffnet den Mund, lässt März um März in sich hinein. Die Granaten entzünden sich: Ein Rucken, ein straff gewordener Blick, ein Impuls, den das Erinnerte verschluckt. Herr Fischer kippt um. Herr Fischer gierte nach Welt.

Kleiner Text, werde ich bestimmt nochmal bearbeiten.

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