Brief an einen Freund/Orientreise 3

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Mein lieber Freund,

Es sind bereits viele Monate vergangen, dass wir voneinander gehört haben. Ich hoffe, dass Du Dich bester Gesundheit erfreust und Deine archäologischen Arbeiten Fortschritte machten. Mittlerweile habe ich mich in Mahdia sehr gut eingelebt und die Zeit für mich genutzt. Meine Seele wurde förmlich von dieser Ortschaft eingefangen. Jeder Schritt durch die malerische Altstadt ist ein Schritt zu meinem Innersten. Es war also eine gute Idee mir eine Auszeit zu gönnen. Jeden Morgen stehe ich auf; begrüßt mich das tief blaue Meer mit einer Brise von Sehnsucht und Abenteuer und lässt mir die Freiheit in absoluter Stille und Ruhe zum Denken und Schreiben.
Das historische Haus, in dem ich wohne, wurde wohl im 18. Jahrhundert gebaut. Seine Grundmauern gehen zurück auf das 12. Jahrhundert, die Epoche der Fatimiden. Es soll mal einem reichen Kaufmann gehört haben. Die tunesische Familie war so nett und überließ mir die oberen Räume, die noch ganz den Charakter jener Zeit aufweisen. Das Haus ist dem Meer zugewandt, daher auch die wunderbare Sicht aufs Wasser. Im Parterre liegen die Wirtschafts- und Lagerräume. Teils sind die Wände mit farbigen, ja bunten Keramikfliesen bedeckt.
Der Fußboden scheint wohl mit Überresten alter Steine belegt worden zu sein; es zeichnen sich geometrische Muster ab. Ich meine gar, dass das Material aus historischen Beständen stammt. In jener Zeit wurde benötigtes Baumaterial auch
von historischen Gebäuden abgetragen und wieder neu verwendet.
Die Zugänge zu den Schlafgemächern sind alle mit geschnitzten, hölzernen Elementen versehen. Die orientalischen Motive, überwiegend Blütenmuster; alle bunt bemalt.
Die Räume, die ich bewohne, an der Zahl zwei, nebst breitem Flur, sind traditionell eingerichtet. Das bequeme Sofa aber wurde erst jetzt dazu gestellt. Am Sofa Ende steht eine uralte handgefertigte und –bemalte Holztruhe. Eine Hochzeitstruhe. In ihr wurde vor 200 Jahren noch die Aussteuer der Brautleute aufbewahrt. Nun hast Du auch meinen intimen Bereich kennengelernt.

Im letzten Brief berichtete ich Dir von der Begegnung eines alten Tunesiers. Er bat mich, wie Du Dich erinnern kannst, an irgendeinem Tag der Woche zum Grab des Marabus zu kommen. Also es gibt zwei Begräbnisstätten, die auf einer Erhebung neben dem kleinen Leuchtturm liegen. Beide weißgetünchten Kuppelbauten liegen dicht beieinander.
Ich entschloss mich für einen Donnerstag. Also machte ich mich vor gut zwei Monaten auf den Weg, an Gräbern vorbei, hinauf zum Hügel zu besagten Kuppelbauten.
Eine Ansammlung von Menschen befand sich bei den Gräbern und saß auf Steinen oder Vorsprüngen. Sie hielten alle Keramikteller in der Hand; aßen
unterhielten sich und lachten zusammen. Mehrere Frauen teilten Essen aus verschiedenen Gefäßen aus. Ein jeder der seinen Teller gefüllt bekam, bedankte sich mit Segenssprüchen aus dem Koran.
Ehrlich gesagt, war ich doch schon überrascht diesen Platz so lebendig vorzufinden. Aber das hier auch noch auf dem Friedhof, zwischen den Gräbern gegessen wurde, irritierte mich vollends.
Zuerst dachte ich an so etwas wie an einem Leichenschmaus. Aber ich verwarf sofort wieder diesen Gedanken, da mir die islamischen Begräbnis Riten bekannt sind. Als ich so in der Sonne vor mich hin grübelte, erschien wie von Zauberhand der alte Tunesier, ganz in weiß in einer Jeba (Kaftan) verhüllt. Auch sein Kopf war von weißen Tüchern eingerahmt, sodass sich seine dunkelbraune Lederhaut absetzte. Seine tiefen dunklen Augen strahlten und es schien mir so als ob ein warmes Sternenpaar mich anschaute. Er reichte mir die Hände und wies mir einen Platz auf einer Stufe des Marabu Grabes zu. Er raffte seine Jeba zwischen den Beinen zusammen, setzte sich auf die weißgetünchte Stufe und hielt mit der linken Hand das Bündel gerafften Stoffes. Ich setzte mich zu ihm.
Wir unterhielten uns auf Französisch. An meinem erstaunten Gesicht konnte er meine Irritation ablesen. Dann aber sprach er zu mir: „Ich bin nicht überrascht, dass Du an einem Donnerstag zur Grabstätte gekommen bist“. Er lächelte dabei.
Ich schwieg und hörte ihm aufmerksam zu. „Sicher wunderst Du Dich, hier all‘ diese Leute vorzufinden und dass sie hier auf unserem Friedhof neben den Marabus Stätten fröhlich munter speisen. Jeden Donnerstag gegen 16:00 Uhr kommen Arme und verarmte Menschen hierher zu geheiligten Stätte und empfangen von wohltätigen Familien eine Mahlzeit. Es ist unser traditionelles Essen: Couscous“.
Du kannst Dir vorstellen, dass ich überrascht war. Es ist ein wunderbarer Akt von noch existierender Menschlichkeit. So hatte ich es empfunden. Auch wir beide wurden verköstigt. Man gab uns eine Schale mit dampfenden Couscous und eine weitere mit gedünsteten Gemüse. Es schmeckte vorzüglich. Ich war in jenem Augenblick tief bewegt und sehr sehr glücklich.

Fortsetzung…………

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Kommentare

05. Jun 2018

Schön, dass Du den Briefroman fortgesetzt hast, Jürgen. Es scheint Dir gutzugehen, dort in Tunesien. Jeden Morgen das Meer vor Augen zu haben, ist schön wie ein Traum.

Liebe Grüße,
Annelie

06. Jun 2018

Es hängt immer vom Thema ab und man muss auch in der Stimmung sein, sein richtiges Wort zu finden. Ich war gerade mit einer Expertengruppe unterwegs. War, wie man lesen kann, inspirierend.

Danke das Dir die kleine Orientreise gefällt.

LG ,Jürgen