Genie und Wahnsinn

von Hippocampus Denkfabrik
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Dem Spruch von Mark Twain, JEDER Mensch sei auf seine Weise "verrückt", möchte ich widersprechen.

Es gibt eindeutig psychisch gesunde Menschen und eindeutig psychisch Kranke, und auch welche in der Grauzone dazwischen,
Nicht psychotisch veranlagt ist jemand, der ohne Medikamente klar denken kann.

Die volkstümliche Definition von "verrückt", und auch die von Mark Twain, ist eine ganz andere: Man bezeichnet Menschen als "verrückt", die unvernünftig sind und die die Wirklichkeit fehlinterpretieren.
Ob und wie gut jemand die Realität wahrhaben kann, hängt von völlig anderen Dingen als von der psychiatrischen Gesundheit ab, z.B. von Intelligenz, Zugang zu Informationen, Unvoreingenommenheit und Ehrlichkeit sich selber gegenüber, von der Fähigkeit, sich von den vorherrschenden Meinungen der jeweiligen Zeit und Gesellschaft abzukoppeln, denn wir Menschen neigen, wie alle Primaten, dazu, immer das zu tun, was alle anderen tun, was zu kollektiven Fehlurteilen führt und zum scheinbaren Paradox, dass manchmal die Abweichler einer Gesellschaft näher an der Wahrheit dran sind als die Mehrheitsgesellschaft. Das Zitat von Friedrich Nietzsche: "Irrsinn ist bei Individuen die Ausnahme, bei Völkern, Zeiten oder Epochen aber die Regel" ist so erklärbar: Nietzsche vermischt hier zwei Dinge, die nicht zusammengehören: Was er als "Irrsinn eines Einzelnen" bezeichnet ist psychiatrische Krankheit, und was er als "Irrsinn von Völkern, Zeiten und Epochen" ansieht, ist die Fehlinterpretation der Wirklichkeit, die auf überholten Traditionen, auf mangelndem Zugang zu alternativen Weltinterpretationen sowie auf Gruppenzwang beruhen kann.

Auch der scheinbare Widerspruch "Genie und Wahnsinn" löst sich so auf:
Man muss "Genie" definieren: Das sind Leute, die eine neue Sicht auf die Dinge bringen, die besser ist als die vorherige, oder die ihre Sicht der Dinge sprachlich geschliffen und/oder humorvoll und/oder unterhaltsam ausdrücken können (nicht nur mit Worten, auch als Musiker, Maler, Fotograf, IRGENDWIE). Wieso sollte ein Genie nicht psychisch krank sein "dürfen"? Für mich ist das kein Widerspruch: Solange die Krankheit auch nur rudimentäres Denken zulässt, kann selbst ein Psychiatriepatient eine neue Sichtweise haben.

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Kommentare

05. Jul 2020

Eine interessante und bereichernde Sichtweise. Natürlich aus der Sicht eines vorgeprägten Individuums geschrieben - und so soll es auch sein. Aber um gnadenlos ehrlich mit sich selber zu sein, gehört auch dazu, die eigenen Postulierungen zu hinterfragen. "Nicht psychotisch ist jemand, der ohne Medikamente klar denken kann." Hm... Woher kommt diese Definition? Ist sie wissenschaftlich belegt oder eine private Pseudo-Theorie? "Man bezeichnet Menschen als verrückt,..." Wer ist "Man"? Ich würde auch andere Menschen als verrückt bezeichnen oder auch nicht alle, die hier als verrückt bezeichnet werden. Versteh mich bitte nicht falsch, ich mag nur gerne darauf hinweisen, dass auch wir, die wir uns Gedanken um für uns wichtige Themen machen, gerne in einen Modus verfallen, der die Ehrlichkeit uns selbst gegenüber oft ausklammert. Das fehlt mir in diesem Text. Ansonsten ist er für mich sehr inspirierend und eröffnet mir eine weitere Sichtweise. Vielen Dank dafür!
LG Britta

05. Jul 2020

Da bin ich aber verzückt entrückt. Ins MYSTISCHE, denke ich. Quatsch ! Der Mystiker denkt nicht. Er erlebt. Vorher schaut er.
Was er sieht und erlebt kann er nur ganz unzureichend in Worte kleiden. Warum ? Weil die WIRKLICHKEIT nicht die
Wirklichkeit unseres Bewusstseins ist. Bewusstsein lebt von Orientierung. Und die kann sich verändern. Stetig.
HG Olaf

06. Jul 2020

@Britta Pelü: Es gibt unter den PsychiaterInnen und PsychologInnen keinen weltweit einheitlichen und über verschiedene Zeitepochen gleich bleibenden Konsens darüber, wie man "psychotisch" oder "verrückt" definiert: In Japan und anderen Ländern Ostasiens nennt man "Schizophrenie" inzwischen "Anpassungsstörung" (Weil Angehörige des japanischen Kaiserhauses darunter leiden und "Schizophrenie" zu böse klingt?), selbst manche psychiatrische Kliniken in Deutschland haben diese Bezeichnung inzwischen übernommen. Albert Einstein hatte "die Nerven" und bei ihm wurde eine "Neurasthenie" diagnostiziert, und Sigmund Freud bezeichnete weibliche Klientinnen gerne als "hysterisch". Weder der Begriff Neurasthenie noch Hysterie werden heutzutage von ernstzunehmenden Fachleuten noch verwendet. Viele PsychiaterInnen und PsychologInnen bevorzugen heutzutage die unscharfe Diagnose "Burnout" für Krankheitsbilder von Depression bis hin zu Schizophrenien. Das macht man deshalb, damit die PatientInnen die Behandlung nicht abbrechen, denn wenn die Fachleute sagen würden: "Sie leiden an Schizophrenie", dann sagen (sehr!) viele PatientInnen "ich lass mich doch nicht für verrückt erklären, der Psychiater spinnt doch selber". Der Begriff Irresein wird heute nicht mehr verwendet, obwohl Schizophrenie und bipolare Störung natürlich genau das sind:
Man sagt ja heute auch "Mittelschule" und nicht mehr "Hauptschule" und die "Berufsakademie" ist ein "duales Studium". Eine Bezeichnung muss halt nett klingen...Die im Text verwendeten Definitionen sind selbstverständlich meine eigenen, nur:
Klar definierten Konsens unter den ExpertInnen weltweit gibt es nicht, und sowohl Mark Twain als auch Friedrich Nietzsche haben ebenfalls ihre persönlichen Definitionen angewandt, allerdings ohne diese zu erklären. Und, ja, ich bin betroffen von der Thematik, wenn ich auch meine Diagnosen nicht ins Internet setzen möchte, nur so viel: Es waren unterschiedliche, je nachdem von welchem Behandler. Fazit: Vieles ist relativ und umstritten in den schwammigen Wissenschaften Psychologie und Psychiatrie.
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