Was der Place Stanislas in Nancy über Europa erzählt

von Peter K.
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Nancy steht nicht auf der Liste der Städte, die man besuchen muss. Das hat den Vorteil, dass die Stadt nicht übertouristisiert ist und man auf dem Place Stanislas viele Einheimische findet, die den Platz zum Zentrum der Stadt machen. Der Platz ist beeindruckend in seiner barocken Perfektion, vollkommen symmetrisch angelegt, ein absolut geschlossenes Bauensemble mit sieben Gebäuden aus einem Guss. Das Ganze ist ge-schmückt mit einem Triumphbogen, zwei prächtig sprudelnden Brunnen und kunstvollen, gold-schwarzen Gittertoren an den Eingängen. Barock ist in Zeiten der Moderne nicht jedermanns Sache, aber dieser Platz lässt selbst eingefleischte Freunde des Funktionalismus mit ihrer Kritik am Barock verstummen.
Nun kann man sich die völlig unwichtige Frage stellen, warum Nancy einen so schönen Stadtplatz hat, der nach einem gewissen Stanislas benannt ist. Die Antwort darauf ist eine typisch europäische Geschichte und wenn man genau hinschaut und sie auf das Wesentliche reduziert, erklärt sie ein wenig das Europa von heu-te. Leider wird es erstmal, wie immer in Europa, kompliziert.
Stanislas (das polnische Stanisław können Franzosen nicht aussprechen) war ein mittelloser polnischer Ade-liger des 18. Jahrhunderts, der von mehreren hundert polnischen Adeligen zum König von Polen gewählt worden war. Damals war es in Polen üblich, dass alle Adeligen – und es waren viele – sich nach dem Tod des Königs vor den Toren Warschaus versammelten und einen neuen König wählten. Wie meistens bei solchen Wahlen, war der Bestechung Tür und Tor geöffnet. Die Großmächte Russland, Habsburg und Frankreich versuchten ihre Kandidaten durchzusetzen und wer am meisten bezahlte, gewann. Stanislas wurde gewählt, aber August der Sachse erhielt mehr Stimmen, auch weil die Russen ihn kräftig förderten.
Nach der Versammlung hatte man also zwei polnische Könige, einen von einer Mehrheit und einen von ei-ner Minderheit. Mehrheitsentscheidungen galten damals als überbewertet, sodass die Minderheit nicht in Betracht zog, auf ihren König Stanislas zu verzichten. Wenn man aber Mehrheitsentscheidungen nicht ak-zeptiert, dann gibt es nur eine Möglichkeit Konflikte zu lösen: Krieg.
So kam es zum Polnischen Erbfolgekrieg. Stanislas wurde von Frankreich, August von den Habsburgern und Russen unterstützt. Die Interessen der Großmächte kollidierten und die Habsburger kommen ins Spiel. Sie gewannen den Krieg und August wurde König von Polen, Stanislas ging ins Exil und lebte irgendwie, irgend-wo vergleichsweise arm. Jetzt stellen Sie sich vielleicht die Frage, ob der Place Stanislas in Nancy, der wich-tigsten Stadt in Lothringen, nach diesem verarmten polnischen Beinahe-König ohne Land benannt wurde. Richtig, Stanislas ließ diesen Platz bauen.
Wie war das möglich?
Ich sagte schon, dass wir einen Sprung ins Habsburgerreich machen müssen. 2011 wurde Otto von Habs-burg, ein überzeugter Europäer, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, als letztes Mitglied der Kai-serfamilie in der Wiener Kapuzinergruft beigesetzt. Als der Sarg vor der Kapuzinergruft ankam, klopfte man an die Tür und von innen fragte jemand: „Wer begehrt Einlass?“ Daraufhin verlas der Klopfer die gesamte Titulatur, die folgendermaßen lautete:
„Seine Kaiserliche und Königliche Apostolische Majestät Otto von Habsburg, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, König von Jerusalem etc, Erzherzog von Österreich; Großherzog von Toskana und Krakau; Herzog von Lothringen ….“ usw. usw.
Doch die Tür wurde nicht geöffnet. Zweimal wurde das wiederholt, beim dritten Mal nannte der Klopfer statt der Titulatur: „Otto, ein sterblicher und sündiger Mensch“. Da öffnete sich die Pforte und Otto kam zu seiner letzten Ruhestätte. Eine hübsche Geschichte, an der uns in unserem Zusammenhang nur ein Detail interessiert: die österreichischen Kaiser waren nämlich auch die Herzöge von Lothringen und das obwohl sie Lothringen nie regierten!
Wie war das möglich?
Nun, das kam so: Maria Theresia war das einzige Kind von Kaiser Karl VI. aber leider eine Frau. Das bedeute-te damals, dass sie nicht Kaiser – oder besser Kaiserin – werden konnte. Also erfand man die „pragmatische Sanktion“, was bedeutete, dass Maria Theresia irgendwie doch Kaiserin werden konnte, Allerdings musste dieses Arrangement von den anderen Großmächten Europas akzeptiert werden. Diese forderten wollten für die Anerkennung irgendetwas anderes haben. Erschwerend kam hinzu, dass Maria Theresia den Herzog Franz III. von Lothringen heiraten wollte. Dem aber gehörte Lothringen, auf es der französische König ab-gesehen hatte.
Maria-Theresia war eine starke Frau und erreichte fast immer das, was sie sich in den Kopf setzte. Die Hei-rat mit Franz von Lothringen war aber unmöglich, denn Frankreich duldete es keinesfalls, dass durch diese Ehe Lothringen an Habsburg fiel. Wenn man das nicht versteht, muss man sich einfach nur vorstellen, dass es dem französischen Staat einfallen würde, den Volkswagenkonzern oder die Bundesbank zu kaufen. Kön-nen Sie sich leicht ausmalen, was dann los wäre! So ungefähr war das mit Habsburg und Lothringen und Frankreich.
Sie sehen, die Gemengelage war ziemlich kompliziert, jeder wollte was von jedem und irgendwie musste man alle zufriedenstellen. Man könnte versucht sein, an die Europäische Union zu denken, da geht es ähn-lich kompliziert zu. Es kommt aber noch besser.
Glücklicherweise hatte Frankreich auch ein Problem. Für den minderjährigen Ludwig Nr. 15 wurde eine Frau gesucht. Alle potenziellen Nachfolger von Ludwig Nr. 14 waren früh gestorben und man hatte Angst, dass der einzige Urenkel (Nr. 15) auch bald sterben würde. Da war es ungeheuer wichtig, dass dieser vorher noch einen Sohn zeugte. Selbstverständlich musste seine Zukünftige königliches Blut in den Adern haben, außer-dem, ein nicht unwesentliches Detail, sollte die Familie allerdings nicht mächtig sein, denn sonst hätte diese irgendwann vielleicht Ansprüche auf den französischen Thron erhoben.
Schwierig.
Auf eine Familie traf all dies zu: die von Stanislas. Der war zwar eigentlich kein König, aber darüber sah man hinweg, denn irgendwie war er doch ein bisschen König, jedenfalls reichte es. Man ließ also bei Stanislas nachfragen, ob denn seine Tochter den französischen Thronfolger heiraten wolle. Natürlich wollte sie, auch wenn sie selbst nicht gefragt wurde. Für Stanislas war das ein Sechser im Lotto plus Superzahl. Von einem Tag auf den anderen bekam er unbegrenzten Kredit, und Kreditwürdigkeit war damals schon wichtiger als Geld, das kennen wir heute von Griechenland und Italien.
Nun wollte (oder sollte) die Tochter eines Königs mit Titel, aber ohne Königreich den minderjährigen franzö-sischen König heiraten. Maria Theresia wollte, obwohl eine Frau, herrschen. Sie brauchte dafür ebenfalls einen machtlosen Mann mit einem glänzenden Titel, damit dieser – wenn auch formal – Kaiser von Maria Theresias Gnaden werden konnte. Auf diese Stellenbeschreibung passte der Herzog von Lothringen, aber Lothringen durfte nicht habsburgisch werden, weil die Franzosen etwas dagegen hatten.
Ein glücklicher Zufall brachte die Quadratur des Kreises, denn erfreulicherweise würde der letzte Medici bald ohne Nachkommen sterben und damit war das Herzogtum Toskana ohne Herrscher.
Nun ging alles Schlag auf Schlag: Stanislas war zwar zukünftiger Schwiegervater des Königs von Frankreich, aber ein König ohne Land. Das ging natürlich nicht, also musste der Herzog von Lothringen auf Lothringen verzichten, damit man es Stanislas schenken konnte. Er bekam das Land und blieb außerdem König von Polen, obwohl er kein König von Polen war. Nach Stanislas Tod würde seine Tochter, die Frau von Ludwig Nr. 15, Lothringen erben und Lothringen damit direkt der französischen Krone zufallen. Der König von Frankreich schenkte also, seinem Schwiegervater die Mitgift, die die Tochter in die Ehe einbringen würde. Dafür durfte Maria Theresia Franz heiraten, der immerhin den Titel Herzog von Lothringen behielt. Auf Lothringen zu verzichten, war ein schweres Opfer für Franz, der Abschied war tränenreich. Weil der Arme durch den Verlust von Lothringen zwar einen Titel aber fast keinen Besitz mehr hatte, erhielt er als Aus-gleich das Herzogtum Toskana, und zwar Titel und Land.
Puh!
Am Ende waren alle glücklich. Stanislas hatte keine finanziellen Sorgen mehr, baute Nancy zu einer pracht-vollen Residenzstadt aus und schuf den wunderbaren Platz, der heute nach ihm benannt ist. Seine Tochter heiratete den französischen Thronfolger. Maria Theresia wurde eine große Kaiserin und bekam 16 Kinder, was für eine glückliche Ehe spricht.
Sie verstehen nicht?
Gut, ich will es noch einfacher versuchen: Bei allen politischen Auseinandersetzungen geht es zu allen Zeiten um Geld und Macht und Posten. Im 18. Jahrhundert betrieb man Politik mit Heirat, Bestechung, Land und Titeln. Half das alles nichts, griff man zu den Waffen und brachte sich gegenseitig um. Manchmal, wie in diesem Fall, gab es ein großes Geschacher und Krieg konnte vermieden werden.
Heute haben wir die Europäische Union und wenn man sich das mal genauer ansieht, dann macht die Euro-päische Union gelegentlich Anleihen an die Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts. Da geht ein Manfred We-ber als Sieger aus einer Europawahl hervor und eine Uschi von der Leyen kommt als Kommissionspräsiden-tin wieder heraus und wenn die deutsche Uschi schon Kommissionspräsidentin wird, dann muss eine Fran-zösin EZB Präsidentin erkoren werden, der hohe Kommissar für Außenpolitik ein Südeuropäer, und auch die Osteuropäer müssen berücksichtigt werden usw. usw. Sehr kompliziert, manchmal undurchschaubar.
Was wäre die Alternative?
Sollen sich Griechenland oder Italien durch eine kluge Heiratspolitik sanieren, etwa indem sie sich in die deutsche Regierung einheiraten, die dann für die Kreditwürdigkeit des Landes geradesteht? Oder soll der Konflikt zwischen Wallonen und Flamen in Belgien durch eine Hochzeit der beiden Regierungschefs gelöst werden? Könnten wir den Konflikt um Nordstream II nicht mithilfe gewaltiger Bestechungsgelder besänfti-gen? Soll Ungarn seine herbei interpretierten Gebietsansprüche in Rumänien durch einen Einmarsch seiner Truppen durchsetzen, so wie Russland es mit der Krim gemacht hat? Mit gleichem Recht könnte Italien dann Ansprüche auf die Cote d’Azur, Österreich auf Südtirol, Griechenland auf Nord-Mazedonien und Teile der Türkei, Schweden auf Norwegen und Teile von Polen, Spanien auf Gibraltar und Teile der Niederlande, Dä-nemark auf Schleswig Holstein, Deutschland auf Schlesien und Ostpreußen, Polen auf Teile von Litauen und der Ukraine erheben. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Es werden sich überall Gründe finden, um weniger oder noch weniger berechtigte Ansprüche zu erheben. Wie schnell das gehen kann, haben wir in den 90er Jahren auf dem Balkan erlebt. Frieden und Wohlstand lassen sich schnell vernichten, aber nur langsam und mühsam wiederaufbauen.
Verdient es nicht unseren allerhöchsten Respekt, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs näch-telang nach einer Lösung für ein Problem suchen? Zeugt es nicht ungeheurer Größe, wenn dann morgens um vier Uhr eine Lösung auf dem Tisch liegt und plötzlich erhebt irgend ein verschlafener Regierungschef irgendeines kleinen Landes das Wort und sagt „Diesem Vorschlag können wir wegen des Aufstands von Achzehnhundertsoundso niemals zustimmen“ und es bricht kein Krieg aus, sondern nur erschöpftes und verwirrtes Kopfschütteln der anderen? Ist es nicht bewundernswert, dass die ganze Diskussion dann noch einmal von vorne beginnt, bis man morgens um 8 Uhr tatsächlich eine Lösung gefunden hat, dem auch der Regierungschef des kleinen Landes zustimmen kann?
Man kann mit Recht Vieles an Europa beklagen, aber es ist das beste Europa, das wir je hatten und wenn dann etwas so Wunderbares dabei herauskommt, wie der Place Stanislas, dann gibt es überhaupt nichts zu meckern.

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