Der weiße Mann

von Balthasar Mowdray
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Er ist mir das erste mal vor fast genau einem Jahr aufgefallen, aber auch zu diesem Zeitpunkt war er mir kaum bewusst. Es war schon relativ spät Abends und als ich vor dem Schlafengehen in den Spiegel blickte, sah ich ihn plötzlich. Er stand in der ferne, auf der Straße gegenüber meines Badezimmerfensters. Seine Gestalt war von den dunklen Schatten der Nacht umhüllt, so dass er kaum erkennbar war, aber schon damals hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas an ihm nicht stimmte. Etwas war nicht richtig, doch ich konnte nicht benennen was es war. Einen Wimpernschlag später schien er wieder mit den Schatten verschmolzen zu sein. Er war verschwunden. Wäre er es doch nur so geblieben. Dann würde ich heute, 364 Tage später, nicht diese Zeilen schreiben. Er tauchte wieder auf. Ich sah ihn nicht wenn ich mich umdrehte. Vielmehr sah ich ihn in Spiegelungen. Erst jeden Morgen und jeden Abend im Badezimmerspiegel, dann in Fensterscheiben, in Glastüren, generell in Gläsernen und auf metallenen Oberflächen. Jeden Tag kam er ein kleines Stückchen näher. Er machte keinen Hehl daraus, sich vor mir zu verstecken, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das besser oder schlechter ist, als wäre er mir verborgen geblieben. Andere Leute sehen ihn nicht, das habe ich leider sehr früh feststelllen müssen. Glaubt mir ich habe alles versucht, sie von seiner Existenz zu überzeugen. Ich habe keine sozialen Kontakte mehr. Eigentlich nicht verwunderlich oder? Was will man denn auch noch groß mit einer Person anfangen, die bei jedem Blick in eine spiegelnde Oberfläche zusammenfährt, ständig einen Blick über die eigene Schulter wirft und aufgrund von panischen Angstzuständen und chronischer Müdigkeit, keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Mich in eine Anstalt stecken, wäre die logische Konsequenz gewesen, doch bevor das passieren konnte, habe ich in kluger Vorraussicht alle Verbindungen gekappt. Habe die Arbeit geschmissen, keine Telefonanrufe mehr beantwortet, ich bin sogar umgezogen. Ich würde mich doch nicht wegsperren lassen, als wäre ich irgendein bekloppter. Ein Irrer. Das war und bin ich nie gewesen. Ich bin ein rationaler, nüchterner Mensch. Die meiste Zeit des letzten Jahres, habe ich damit verbracht, sämtliche Fachbücher und Foren nach ähnlichen Fällen zu durchforsten. Ich hatte nie irgendwelche traumatische Erlebnisse in meiner Kindheit, keine Depressionen, alles nie gehabt. Trotzdem ist er da. Der Mann, mit der schneeweißen Haut. Ich hatte mich schon fast daran gewöhnt ihn zu sehen, mit seinen abnormen, langen, dünnen Armen, der nackten, skelettartigen Brust und den riesigen feingliedrigen Fingern, die sein Gesicht verbargen, als würde er mit mir spielen wollen, wie mit einem Baby. Ja wo ist er denn, ja wo ist er denn. Ich meinte schon fast mich daran gewöhnen zu können, ihn andauernd zu sehen, in jeder Brille, in jedem Fensterladen und in jeder Wanduhr, an der ich vorbeiging. Ich weiß es kling wahnsinnig, doch ich lernte damit umzugehen. Einfach ignorieren, er tat einem ja nichts. Noch nicht jedenfalls. Langsam lernte ich sogar wieder zu schlafen, jedenfalls mehr, als nur so minimal, dass ein Mensch damit leben konnte. Als ich an einem Morgen, es muss ungefähr der 200ste Tag gewesen sein in den Spiegel am Badezimmer starrte, sah ich ihn nicht mehr. Ich hatte mich daran gewöhnt durch den Spiegel, aus dem Fenster zu sehen, wo er dann stand. Doch da war er nicht. Ich denke ich hatte laut aufgeschrien, als ich ihn schließlich doch entdeckte. Er hing Kopfüber von der Decke meines Bades, sein verdecktes Gesicht auf mich gerichtet. Ich denke wenn man sich an eine bestimmte Situation gewöhnt, fällt es umso schwerer, offensichtliches zu entdecken. Es fiel aus der Norm. Ich habe den weißen Mann nicht gesehen, bis er mir zufällig ins Auge fiel. Ich sah ihn nicht, weil ich nicht damit rechnete ihn zu sehen. Jetzt stand er nicht mehr auf der Straße und starrte durch die Lücken seiner Fingern durchs Fenster. Die Situation hatte sich verändert gehabt und das bekannte zu abstrahieren war mir schwerer gefallen. Es war als hätte er es sich zum Ziel gemacht, dieses Gewöhnen an eine Situation, meinerseits, auf grausamste Art und weise auszumerzen. Es war nun schwieriger geworden ihn zu sehen, doch da ich wusste, dass er da war suchte ich ihn, wie in einem grotesken Wimmelbild. Er machte sich einen Spaß daraus, an den unmöglichsten Orten aufzutauchen. In der Baumkrone, wenn ich in einen See starrte, versteckt hinter Mülleimern, aus der Wanne im Bad oder um eine Ecke lugend. Und dabei stetig den Abstand zwischen mir und sich verringernd. Und immer seine Hände vor dem Gesicht. Wo ist er denn, Ja Wo ist er denn. Ich habe alle spiegelnden Gegenstände aus meiner Wohnung entfernt, zumindest soweit es mir möglich war. Die Fenster lassen sich nunmal nicht so einfach aus den Rahmen brechen, wenn man Mieter ist. Nicht einmal bei dem Drecksloch in dem ich jetzt wohne. Manch einer mag jetzt vielleicht glauben, wie ich mich für so eine Belanglosigkeit interresieren kann, wenn mir höchstwahrscheinlich der Tod selbst im Nacken sitzt. Nun wie ich erklärte, bin ich keineswegs verrückt. Ich habe Angst, bin Müde und Allein und trotzdem, möchte ich, nicht völlig ohne ein wenig darauf Stolz zu sein behaupten, dass meine Psyche verdammt gut mitgemacht hat. Das ist wahrscheinlich auch der einzige Grund, warum ich jetzt noch in der Lage bin diese Notizen zu machen, wo jeder andere vermutlich wimmernd in irgendeiner Ecke des Hauses gehockt oder sich schon lange die Kugel gegeben hätte. So bin ich nicht und so will ich auch nicht betrachtet werden.Wobei ich nicht behaupten will, das ich nicht schon darüber nachgedacht habe. Vor wenigen Tagen zum Beispiel, als die dritte und vermutlich letzte Phase begann, war es besonderst schlimm. Seit Tagen hatte ich jeden Spiegel gemieden, in der Hoffnung er würde sich nur dann nähern, wenn ich ihm kontinuirlich Beachtung schenke. Die dritte Phase bemerkte ich, als mir plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken lief. Eine kalte Brise strich in unregelmäßigen Abständen durch meine aufgestellten Nackenhaare. Ich hielt es nicht mehr aus, ich musste sehen was es tat. Es war mittlerweile auf wenige Zentimeter herangekommen. Viel zu nahe für seine Versteckspiele. Ich sah sogar, wie sich langsam und genauso unregelmäßig, wie der frostige Atem des weißen Mannes, auch seine Brust hob und senkte. Ich weiß nicht warum , doch irgendwie veranlasste mich diese Entdeckung, auf das Geschehene zurückzublicken. Ich wälzte mein Tagebuch und stellte fest, dass der letzte Eintrag tatsächlich genau einen Tag gemacht worden war, bevor ich den weißen Mann erblickte. Ich erinnere mich noch gut an das Essen mit meiner Schwester und ihrem Mann. Er hatte einen neuen Job und sie teilten mit, dass sie Schwanger war. Dieser Eintrag liegt jetzt exakt 365 Tage zurück. Ein Jahr. Ich vermute, das dies also meine letzte Gelegenheit sein wird, etwas zu schreiben. Während sich Stunden und Minutenzeiger unaufhaltsam in Richtung der großen Zwölf auf dem Zwiffernblatt bewegen, bemerke ich, wie er langsam die Hände öffnet, als währen sie ein dunkles Tor. Langsam nur langsam entsteht ein unbeleuchteter Schlund, dort wo seine Finger gerade noch eine Mauer bildeten. Ich will sehen, was er vor mir verbirgt. Nur noch wenige Minuten. Ich bemerke das makabere Interesse in mir größer werden.Ja wo ist er denn, Wo ist er denn.
Da ist er Ja.

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