Lodengrün

von Heiner Brückner
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Die Immohaie und Steuerreeder hätten alles Unbewegliche geschluckt, sie seien die Verursacher. Keine Frage, darin waren sich alle einig – zumindest hinterher. Nun sollte die Allgemeinheit ausbaden, nur nicht die Haie und die Steuermänner, die sich in panzersicheren Aquarienburgen tummelten. Die Heuschrecken seien über den gesamten Globus hergefallen und hätten die letzten Nieten aus den Planken des gemütlichen Hafens gefressen. Wer kann sie bändigen? Das war die Frage.
Möwen kreischten scharenweise über dem maroden Dampfer. Die Masten wankten unter ihrer Last und in der rauen Brise. Der Käpten war von Deck gegangen, um in hohen Kongresssälen für Klarschiff zu sorgen. Oder sollten die Skeptiker recht behalten, die ihm unterstellten, er hätte sich verflüchtigt wie Gas?
Ein Mutmacher muss her, der die geheuerten Maaten aufmöbelt, ihnen vorgibt nicht aufzugeben, die Kojen nicht zu verlassen, sondern durchzuhalten bis zu einem süßen Ende an Land in ferner Sicht! Ein Durchhalter ohne Parolen, der Paroli biete und die Stirn, der beisteht und nicht weicht, der nicht will, sondern macht. Ein braver Mann muss her, ein tapferer.
Es wurde gedruckst und getrickst, gezwackt und gezwickt und einer wurde aus dem Hut geschickt, der das Heil beschwören sollte. Flott wurde er auf dem Kai vorgefahren, entstieg der gepanzerten Limousine. Er ging sicheren Schrittes über den Landungssteg. Er stolperte nicht in das erstschlechteste Näpfchen, im Gegenteil, er stieg darüber, strahlte Freude und Frohsinn aus. Als Rufer in die neue Welt hat man ihn vorgestellt, hat er sich hingestellt: Nicht das Papier adele einen Menschen, sondern seine Persönlichkeit. Auf allen Kanälen war er zu sehen und auf den bildenden Schirmen auszumachen, fotogen, volksnah. Ebenso konnten die Statistiker mit ihm zählen.
„Wir loben ihn! Wir loben ihn!“, skandierte das Volk von der Kaimauer. „Er macht eine gute Figur und kommt aus unserem Gau mit Berg und Land, mit Seen und blauem Himmel. Er hat Hand an die Arbeit gelegt und sich nicht mit dem Täuschergewand umkleidet. Er steht zu seiner Herkunft, aber er lässt sich nicht kaufen.“ Keine Frage: Ein solcher Mann würde uns niemals verkaufen. Ein Mann wie er gefällt, mit ihm kann man Heuschrecken fangen und Ratten vergiften. „Lasst ihn machen, stehet zu ihm!“, schmetterte der Shantychor über die Reling und die Matrosen griffen wuchtig in die Taue.
Die Medien zeigten Großaufnahmen, schwangen die Trendkeule: „Streiter der Tugend, Zierde der Jugend, schreite voran!“ Fahnen wurden gehisst und Segel gesetzt an allen Straßenrändern und an den Fassaden der hohen Gebäude Banner gehängt.
„Charles-Theodor, du kannst das“, schüttelten sie ihm die Hand und klopften auf seine Schulter jenseits des großen Wassers; jenseits der großen Berge verneigten sie sich tief vor Theodor dem „Gottesgeschenk“.
Der gelobte Sanierer entgegnete wider die Huldigungen: „Es geht um die Sache: Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit.“ Und er wiegelte ab: „Mein Name tut nichts zur Sache.“ Der Rachen der Gier dürfe nicht gefüttert werden, ihn zu zähmen, sei die einzig gebotene Option.
Falsche Bescheidenheit, blökte es aus den Infobörsen und mangelnde Durchsetzungskraft.
Kaum war der Mutmacher bekannt im ganzen Land, da ließen die Meinungsmacher die Hüllen fallen und falteten einen Katalog an Fragen auf: Warum ihm glauben? Gelt er nicht sein Haar? Schlägt nicht blaues Blut in seinen Adern? Den Dampfplauderer Basta habt ihr hinausgewählt, wollt ihr nun dem Schönredner Polynom auf den Leim gehen? Kann denn Jugend klug sein? Wie sollte ein Muntermacher anhaltenden Mut machen können?
Es gelte zu handeln gegen die Plagegeister, gegen die Achse der Gier. Da bleibe keine Zeit für Fragen, antwortete er und spornte seine Mannschaft an: „Glaubet mir. Ich bin einer von uns für euch. Wir werden den Sumpf austrocknen und neues Wasser unter den Kiel fluten. Voran! Gehen wir es an!“

Über die Krisen wuchs Gras, und die Wurzeln des Unkrauts trieben darunter und dazwischen erneut ihre Kreise, um ins Kraut zu schießen zu gelegener Zeit. Ein neuer Algenteppich legte sich an das wässernde Schiff, Quallen waberten um den Kiel, sie waren kaum für wahr zu nehmen in der steigenden Flut.
Die Bad- und Beck- und die Bläck-Messer schnitten scharf, denn ihre Finger und Federkiele waren gewetzt. Sie entblätterten den Stammbaum des Zauberlehrlings, verhöhnten die Ansichten einer gräflichen Großtante. „Vor dem seid auf der Hut, der aus dem Hut gezaubert!“, unkten die Gazetten und so brüllte es im Viertel am Hafen aus Megafonen.
Der Gipfel des Aufwinds änderte die Richtung, die Kurven der Grafik wurden auf den Kopf gestellt wie die Meinungen sich wendeten, aus Gipfeln wurden Täler. Die neuen Flaggen und Standarten zerfledderten im Wechselsturm.
Doch der Mutmacher blieb standhaft, er verriet seinen Namen nicht und nicht seinen Standpunkt. Da wurden Pfeile auf ihn geschossen und Spieße und Speere gegen ihn gewendet. Würde er wanken und wechseln oder sich auf einer Burg verschanzen? Bist du nicht dynamisch, so zünden wir Dynamit!
Er beugte die Wörter nicht und passte sich nicht an. Die Mannschaft wurde kleinlaut und blieb häufiger unter Deck. Der Muntermacher verlor dennoch nicht den Mut. Er nahm seinen Hut und blickte in die Runde.
Im Hinterhof der Vordergründigkeit erschien ein Gefährt, gezogen von einem Hirsch, geschmückt mit Tannengrün. Das Gefährt näherte sich der Anlegestelle. Aus dem gepanzerten Schiff stieg der gescholtene freie Herr in die Kutsche und bedeckte sich mit Loden. Der 16-Ender zog ihn zu der Heimat hin, zu den Guten Bergen. Dort war er wieder der König unter Zwergen.
Die Gazetten fütterten die Hungernden mit Antworten. Und während sie suhlten und schmatzten, schipperten die alten Heuschrecken unter neuen Panzern auf dem wieder in See geratenen Schiff bereits zu neuen Untiefen.
Offen blieb die Frage: Wo geht es hin? Die Antworten drehten sich im Kreis und wiederholten sich aufs Neue und das Schiff kam nur schleppend voran und trieb zurück in den alten Hafen. Und als ein halbes Dutzend Jahre ins Land und über die See gegangen war, sollte die Schiffsmannschaft erneuert werden.
Man holte Theodor aus der Verbannung und bat ihn das Anheuern zu übernehmen. Im Lodengrün fuhr heran in einem Kahn. Er stachelte und feuerte an in bewährtem Elan – landab, landauf. Doch auf der Kommandobrücke ließ er sich nicht blicken.
Nachdem er seinen Auftrag erledigt hatte, schipperte Lodengrün zurück über den Großen Teich. Nie sollt ihr unter meinem Namen segeln, sagte er zum Abschied.
Und wieder bleibt die eine Frage: Erlöser, wo bist du?

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