Entscheidungen - Eine Novelle von Gabriel Saadi Becker - Page 15

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einen Vortrag über mein Leben und Gott und die Welt und rätst mir, den Ball flach zu halten! Denkst Du etwa, ich weiß nicht, dass gerade so einiges schief geht? Sei froh, dass Du mich nicht gut genug gekannt hast, denn dannn wüsstest Du, dass ich nie halbe Sachen mache."
Bianca hielt sich die Hände vor die Augen. Sie hatte ihn erlebt, mit all seinen Lastern. Ihre Gefühle: Melancholie, Trauer, Angst, Ungewissheit. Genug! Endgültigkeit lag in der Luft.
"Nun. Dann denke ich... haben wir beide den falschen Wolf gefüttert." Keine Hoffnung. Keine andere Möglichkeit. Schwarz weiß, ein Lebemann, der alles oder nichts will.
Ich bemerkte, wie er seinen Finger auf den Abzug der Pistole legte. Er fletschte die Zähne und hob die Waffe. Ich sprang zur Seite, es knallte laut, ich spürte Schmerz, dann zersprang ein Spiegel hinter mir, dann schrie Bianca, dann schlug mein Körper in den Scherben auf dem Boden auf. Alles innerhalb einer Sekunde.
"Du kommst mit, Bianca!", sagte er. Voller Verzweiflung. Ohne nach dem leblosen Körper zu schauen, verließ er mit Bianca die Wohnung. Sie wehrte sich. Er war stärker. Eine Entführung. Ein Stück die Straße runter hatte er seinen Sportwagen, einen Audi R8, geparkt. Bianca wurde auf den Beifahrersitz geworfen, dann stieg er ein und raste los.

Da lag ich nun, regungslos neben meinem Körper. Erneut war ich aus meinem Körper gefahren, doch diesmal, um meinen Tod zu beobachten. Ein Risiko einzugehen, heißt oftmals, alles zu geben, was man besitzt. Ich war willens, dieses Risiko einzugehen. Die Konsequenzen waren keineswegs absehbar, und hätte ich sie gekannt, wäre das Ende dann anders verlaufen? Was, wenn nicht? Habe ich dann meine Chance verspielt? Es bleibt ungewiss. Doch genau das macht das Leben aus. Du weißt nie, was als nächstes passiert. Und Du kannst nie wissen, was passiert wäre, wenn Du es doch gewagt hättest. Somit bleibt das Leben lebenswert. Es ist und bleibt ein Abenteuer, geplant vom Schicksal, dass uns zufällt.

Schwarz. Kälte. Stilles Herz. Druck auf der Brust. Druck auf der Brust, Druck auf dem Mund. Luft in der Lunge. Druck auf der Brust, Druck auf der Brust, Druck auf dem Mund. Luft in der Lunge. Druck. Wärme, Rhythmus. Bam. Bambam. Bambam. Bambam. Ich riss meine Augen auf und holte tief Luft. Über mir gebeugt mein persönlicher Joker: eine ältere Frau. Sie hatte mich wiederbelebt! Vor Schock hatte mein Herz aufgehört zu schlagen. Ich war ihr unendlich dankbar, doch ich hatte keine Zeit, um große Reden zu schwingen, also hob ich den Kopf und küsste sie. "Danke, danke, danke danke danke!" - "Bitte", sagte sie ohne Fassung. Mein Bauch schmerzte stark, als ich zum Telefon griff, welches auf einem niedrigen Tisch in der Küche lag.
"Hallo, ich möchte eine Entführung melden in der Lucas-Cranach-Straße. Der Täter ist Mitte dreißig, südländisches Aussehen. Die entführte Person ist dunkelhaarig, etwa Anfang dreißig. Sie fahren wahrscheinlich mit einem schwarzen Audi R8, Nummernschild MA DO 33 Richtung Innenstadt, mit überhöhter Geschwindigkeit. Der Täter trägt eine Waffe." Noch bevor weitere Fragen, auch zu meiner Person und zu meinem Wissen gestellt werden konnten, legte ich auf.
Dann wurde ich erneut bewusstlos.

Plötzlich Lärm. Ich schreckte auf. Eine Krankenschwester schaltete den Fernseher ein. "Guten Morgen Herr Müller. Bleiben sie erstmal liegen, sie haben viel Blut verloren. Sind dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen. Sowas sehen wir hier leider oft. So Leute wie sie, die es nur knapp schaffen. Naja, besser knapp schaffen, als sich abschaffen, was?" Sie lachte mit rauchiger, sympathischer Stimme. "Ihre Wunde wird gut verheilen. Werden Sie erstmal wach, und dann gibt es, nachdem Sie das Protokoll ausgefüllt haben", sie deutete auf ein Schreiben, dass neben mir auf dem Tisch liegte, "erstmal Mittagessen." Ich lächelte freundlich. Die Krankenschwester ging. Ich würde "Unfall in der Küche" auf das Protokoll schreiben. Kurz, ungewöhnlich, aber nicht abwegig, demnach verständlich, und die Wahrheit. Ein Blick auf die Uhr. Es war 13 Uhr. Ein starkes Lächeln zeichnete sich auf meinem Gesicht ab. Seit zwei Stunden verbreitete sich meine Geschichte durchs ganze Netz. Meine Hacker-Kontakte sei dank! Voller Zufriedenheit, wie nach getaner Arbeit. Ich nahm – mein Grinsen transformierte sich zu einer schmerzerfüllten Grimasse – mit meinen linken Arm die Fernsehfernbedienung und stellte den Lautsprecher lauter, um besser den Nachrichten folgen zu können: "In den frühen Morgenstunden konnte die Polizei einen vermeintlichen Entführer stellen. Er hatte eine junge Frau entführt. Anscheinend haben die beiden eine gemeinsame Vergangenheit. Die Polizei ermittelt noch. Die junge Frau ist unversehrt und inzwischen auf der Polizeidienststelle Mannheim, um ihre Aussage zu machen. Wie sich später mit anonym veröffentlichten Informationen heraustellte, handelt es sich bei dem Täter um den überregional bekannten Filmproduzenten Domenique Betz. Zuletzt machte er mit seinem Film "Jonathan Stoner" Schlagzeilen. Nun kam ans Licht, dass weder sein Film, noch seine zahlreichen privaten Feiern nachhaltig finanziert waren. Das von der Investorengruppe Dawson & Janson zur Verfügung gestellte Geld wurde im Rahmen des Kreditvertrages nie zurückgegeben."

Nun wurde ein Bild von Frau Schmitz gezeigt. "Aus der selben Quelle ging desweiteren die Vermutung hervor, dass Geschäftsführerin Anne Schmitz, Dawson & Janson-Gruppe, untreue Kunden mit rechtswidrigen Schritten zur Zahlung der Kredite gezwungen haben soll. In diesem Fall wird seit kurzem ermittelt, alles weitere dazu in Kürze." Ich mutete den Lautsprecher und legte die Fernbedienung – erneut mit Schmerzen – auf den Tisch neben mir. Plötzlich ein SMS-Ton von meinem Handy. Auf dem Display stand: "Ich habe Deine Veröffentlichung verfolgt. Well Played. Ich habe einen Auftrag für Dich. Triff mich morgen Freitag im Filmriss. Bezahlung: 10000 im Voraus, 10000 nach dem Job." Sein Kürzel: np.org. Ich wusste zwar noch nicht, wie ich das mit meiner Verletzung anstellen sollte, doch ich hatte eine vage Ahnung, mit wem ich es zu tun hatte. Das würde mein Sprung in die erste Liga sein.

Ich dachte an Bianca. Ich liebte sie. Momentan sagte sie gerade aus. Ob sie wohl wusste, dass ich für Domenique recherchieren sollte? Na, das gibt ja was. Aus gutem Grund wollte ich immer meine Anonymität waren. Ich wusste, dass sie einen Teil Domeniques immer lieben wird. Das war okay für mich, denn Liebe ist universell, allgegenwärtig. Sobald sich die Situation beruhigte , würde ich sie anrufen, um sie zu treffen, zum Essen einzuladen, mit ihr ins Kino zu gehen, Minigolf zu spielen. Lauter so Sachen, die Spaß machen, wenn man sie zu zweit macht.
Dann dachte ich über die letzten paar Tage in ihrer Gesamtheit nach: Mensch Raphael, wo bist Du da nur reingeraten, und wie bist Du da wieder rausgekommen? Du bist ja ein richtiger Teufelskerl geworden! Ein Anwärter für die erste Liga.
Fazit? Ich hatte in den letzten Tagen einige gute Dinge vollbracht. Und ein paar schlechte. Diese ganze Geschichte unterstreicht, dass ich kein Superheld bin. Dafür ist mein Standpunkt zu diffus. Ich sehe mich vielmehr als ein Mann, der für jede seiner Entscheidungen gerade steht.
Ein Mann, der über seinen Schatten springt, etwas riskiert, in die eigene Zukunft investiert. Ein Akt auf dem Hochseil. Denn das war der einzige Weg, bei den ganz Großen mitzuspielen.
Ich hadere jetzt nicht mehr mit mir selbst. Moral, Ethik, Ehre, Karma. Das sind nicht nur Wörter für mich. Bei jeder Entscheidung muss ich genau abwägen, ob ich es veranworten kann, etwas richtig zu machen, oder auch etwas falsch zu machen. Ein Abenteuerfilm. Und ich in der Hauptrolle!

Ich würde mich sehr über Kritik jedweder Art freuen, um mich zu verbessern. Haut es frei heraus:-)

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