Bitterkeit und Süsse - Mittendrin - Teil II

von Rosa Rhoot
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... Gestandene Frauen führen Regie, nicht nur am Stammtisch, nahezu unermüdlich auf unnachahmliche Art. Mit ihrer psychischen Power bewältigen sie ohne Wenn und Aber, Ereignisse wie auch deren Aufgaben.
Bella ist ein Paradebeispiel. Sie sprüht vor Energie, ist durch und durch Frau, eine Hübsche, Sympathische, Aufgeschlossene, Moderne, eine rundum Interessante. Sie kann zum Beispiel ohne Punkt und Komma reden, darüber hinaus philosophieren über das Sein oder Nichtsein im momentanen Dasein. Mit Anfang fünfzig ist sie die Jüngste unter den Mädels, eine überzeugte Singlefrau. Sie arbeitet in einem Verlagshaus. Im Job muss sie mit Literatur arbeiten, in der Freizeit liebt sie die geschriebenen Worte. Seit Jahren engagiert sie sich nach Büroschluss im Frauen-Forum. In Teamarbeit unterstützt sie bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben, steht ihnen bei der Realisierung einer Existenzgründung mit Sachverstand zur Seite. Im Laufe der Jahre hat Bella viele Charaktere kennengelernt, mehr oder weniger von guten wie auch bedrückenden Schicksalen gehört. Das Wissen darum, lässt sie umso mehr mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Sie liebt nicht nur Bücher, sondern gibt sich auch der Malerei hin, für Bella, ein erholsamer Ausgleich im facettenreichen Alltag. Zum Malen bevorzugt sie Acrylfarben, setzt ihre Ideen dynamisch um, indem sie kontrastreich mit ausdrucksstarker Spachteltechnik experimentiert. Die fertigen Darstellungen fordern mitunter den Betrachter. Oft braucht er ein tolerantes Kunstverständnis, um in der künstlerischen Verfremdung ein Wesentliches zu erkennen. Bella ist der Genießertyp, steht zur vollschlanken Figur mit auffallend weiblichen Kurven. Sie schätzt ihre Unabhängigkeit, lebt und liebt leidenschaftlich. Alles in allem ist sie keine Kostverächterin. Was sie glaubt, haben zu müssen, nimmt sie sich vom Leben, erwartet nichts vom Anderen, nichts, was sie selbst hätte in die Hand nehmen können.
Karin war noch vor Monaten eine souveräne, gut aussehende, modisch aufgeschlossene Frau, Sekretärin im Vorzimmer der Chefetage. Heute sitzt sie still am Tisch, sieht blass aus. Die Mütze im Chemo Stil hat sie zu Hause gelassen, trägt zum ersten Mal eine Perücke, speziell von einer geprüften Zweithaarspezialistin angefertigt. In letzter Zeit ist sie für die Frauenrunde ein Sorgenkind. Vor jedem Arztbesuch hofft sie auf bessere Werte. Nach einer Vorsorgeuntersuchung erhielt sie die Hiobsbotschaft Lungenkrebs. Von da an begleiten sie folgenschwere Gedanken, stets zugegen, lassen nicht von ihr ab. Kann sein, erwähnt sie, dass es eine familiäre Vorbelastung gibt. Der Vater war Lohnarbeiter in einem Zementwerk. In jener Zeit fehlte es an gesundheitlicher Aufklärung, Gefahrenquellen und Risiken für die Arbeiter wurden unterschätzt, möglicherweise verdrängt. Die gefährdeten Werktätigen benutzten keinen Mundschutz. Ihr Vater starb vor vielen Jahren an Krebs.
Karins Ehemann steht ihr liebevoll zur Seite, jedoch kommt es vor, dass er sich mit ihrem Krankheitsbild überfordert fühlt. Beide müssen realisieren, mit dem negativen Verlauf der Wahrscheinlichkeit umzugehen. Die Kinder fühlen sich anders betroffen. Ein jedes verkraftet den Schicksalsschlag auf seine Art, dem trostlosen Wissen, um das leidvolle Dahinschwinden der geliebten Mutter. Gezeichnet von der Krankheit gibt Karin nicht auf. Sie beansprucht jede nur denkbare Lebenshilfe, klammert sich an alle Strohhalme dieser Welt.
Ihr Dabeisein ist nicht mehr regelmäßig. Ist sie mit von der Partie, so genießt sie aufs Neue, unter Freundinnen zu sein.
Monika ist eine in sich ruhende Frau, so oder so. Sie ist zweifache Großmutter. Seit mehr als drei Jahrzehnte begleitet sie ein gutmütiger Mann. Das Familienleben führen sie im christlichen Sinne, sind sozial engagiert. Viele Jahre arbeitete sie in der Kantine einer Behörde, gab den Job für die Familie auf. Thema Nummer eins ist ihre Großfamilie. Die alleinerziehende, berufstätige Tochter hat zwei Kinder, bewohnt die Einliegerwohnung im Elternhaus. Monika übernimmt den geregelten Tagesablauf für die Familienmitglieder. Sie hat ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen, alles im Griff. Das stete Bewusstsein, wie eine (Groß)Mutter unentbehrlich zu sein, lässt die eigenen Belange in den Hintergrund treten. In letzter Zeit zeigt sie sich etwas hausbacken. Die pflegeleichte Bobfrisur, der zeitlos praktische Kleidungsstil wie auch die bequemen Schuhe sehen eher bieder aus. Der modische Akzent ging verloren, stattdessen setzte sie an anderer Stelle Prioritäten. Sie frönt einem nicht alltäglichen Hobby. Angelehnt an eigene Kinderjahre, befasst sie sich in der Reife ihrer Jahre, mit der plattdeutschen Sprache. Gerne gibt sie ihre Dönekes zum Besten, schmunzelt verständnisvoll, wenn nicht immer alles verstanden wird. Seit Jahren ist sie Mitglied im Heimatverein, pflegt das alte Sprachgut vermittelt es an jene, welche eine Vorliebe für diesen Wortschatz hegen. Monika ist mit sich zufrieden, hat offene Augen für Schattenseiten wie auch sensible Ohren für zu laute Töne.
Rita ist alleinstehend, kommt klar. Sie ist Verkäuferin im Kaufhaus in der Haushaltswaren Abteilung. Vor Jahren bewarb sie sich um die Position einer Abteilungsleiterin, hatte jedoch keine Chance. Sie war enttäuscht, bekam ein dickes Fell, ignorierte die Niederlage wie auch die hämische Freude der Kollegen. Heute ist ihr freier Tag. Sie gönnt sich einen großen Schoppen Weißwein, infolgedessen sie mit lockerer Zunge drauf los plappert, sich beinahe um Kopf und Kragen redet. Sie mosert herum, hätte lange genug gearbeitet, würde für die letzten Jährchen das Beste herausholen. Sobald sie erkennen würde, dass ein Kunde suchend Ausschau hält, blicke sie einfach in die gegensätzliche Richtung. Ihr fehle inzwischen die Lust, nervige sich wiederholende Fragen zu beantworten, Ware auszupacken, Regale zu säubern, ein oder um zu sortieren, damit das ordentliche Gesamtbild die Kauffreude weckt. Man erwarte von ihr detailliertes Fachwissen, wie allzeit, eine freundliche Ausstrahlung, denn der Kunde sei König auch dann, wenn er weit davon entfernt wäre. Sie seufzt, zieht dabei die Stirn in Falten.
Rita verkürzt einfach die Wartezeit bis zum Rentenbeginn auf ihre Art. Sie lässt sich immer mal wieder krank schreiben. Außer dem gepflegten Zipperlein scheint sie jedoch kerngesund zu sein. Mit der Zeit haben die Frauen erkannt, dass im Privatleben nichts Aufregendes stattfindet. Es ist fantasielos. Der Wunsch nach einem Herzensmann erfüllt sich nicht. Die eine oder andere Chance hatte sie, jedoch der wirklich Richtige ist nicht in Sichtweite. Vielleicht liegt es an ihrer Gesamterscheinung. Sie ist kaum mit femininen Reizen ausgestattet, ihre robuste Erscheinung passt zum Sprechstil. Für alle Neuankömmlinge ist sie gewöhnungsbedürftig. Ein Jeder braucht Zeit den weichen Kern unter der rauen Schale zu erkennen. Die Mädels jedoch sind sich einig, Rita muss man mögen, wie sie ist.
Ulrike ist die Fünfte im Bunde. Sie steckt mitten in einer Lebenskrise, schüttet ihr Herz aus, erwartet Mitgefühl von den anderen. Sie wirkt ausgesprochen sportlich, ist minimal geschminkt, die Haare trägt sie super kurz, zur super schlanken Figur zieht sie super enge Hosen an. Vor Jahren noch trieb sie aktiv Sport, war Vereins Marathonläuferin, ständig im Laufschritt unterwegs. Doch mit dem Alltagstrott der Ehejahre vernachlässigte sie ihr Training. Jetzt hat sie wieder mit dem Laufen begonnen. Sie läuft und läuft, läuft dem Seelenschmerz davon.
Nach fast dreißig Jahren Ehe wurde sie von ihm wegen einer erheblich Jüngeren, verlassen. Dieser Tag wurde der schwärzeste in ihrem Kalendarium. Ohne Überleitung kam sein schonungsloses Ge- ständnis. Für ihn gab es keinen Kompromiss. Ulrike bekam keine Chance. Sie hatte in all den Jahren zu vertrauensvoll, nahezu naiv gelebt. Die Familie hielt sie beieinander, die Kinder hatten sich erfolgreich ins Leben zu verabschiedet, für seine berufliche Karriere hatte sie dem Ehemann den Rücken freigehalten. Dank hat sie nicht erwartet. Eines Tages ausgetauscht zu werden, damit hatte sie nicht gerechnet. Die gemeinsame Perspektive auf das Rentenalter hatte er ebenfalls mir nichts dir nichts über Bord geworfen. Ohne Anspruch zog er aus. Wütend, zugleich tief verletzt, blieb sie zurück. Sie fängt wieder an, wo sie einst aufgehört hat. Ulrike läuft, läuft und läuft, bis sie ankommt.
Die sechste Frau in der Runde ist Margarete kurz Marga genannt. Bis jetzt war sie Gastfrau, wird heute am dritten Abend einstimmig aufgenommen. Eine Runde Kurze am Tisch besiegelt die Zugehörigkeit. Marga nimmt den Platz von Susanne ein. Susanne gehörte bis vor Kurzem noch dazu, ist Bibliothekarin, kündigte die Wohnung, ihren Job, um nach Berlin zu ziehen. Dort wohnt ihre Lebenspartnerin. Beide lernten sich vor Jahren in einem Urlaub für Alleinreisende kennen. Endlich folgten sie dem Ruf ihrer Herzen, realisierten den stillen Wunsch, standen gesellschaftlich endlich zu ihrer Zweisamkeit. Angekommen, sind sie rundum glücklich, leben und arbeiten gemeinsam im eigenen Laden. Susanne hinterlässt eine Lücke.
Gleichwohl freuen sich alle über ihre Nachfolgerin. Sie sehen in Marga keinesfalls den Ersatz für Susanne, ehe eine zusätzliche Bereicherung. Die Frauen schätzen ihre realistische Art, den Mut, das Leben noch einmal neu sortieren zu wollen. Ein spontaner Entschluss führte sie einst nach Niedersachsen. Etliche Jahre später kam sie zurück.
«Gefühlt bin ich geflüchtet»,
antwortet sie, wenn nach dem Warum gefragt wird. Noch ist sie verheiratet. Der Kampf um die Abfindung zieht sich in die Länge. Sie ist gelernte Buchhalterin, brachte sich in den Elektrobetrieb des Mannes ein, für den sie einst alles Stehen und Liegen, ließ. Schnell bekam sie einen Überblick ebenfalls den speziellen Einblick. Marga lebte mit Ehemann, wie auch seiner Mutter, in einem Zweifamilienhaus. Von Anfang an stimmte zwischen den Frauen die Chemie nicht, denn diese Mutter hatte nur den einen Sohn, ihren Lieblingssohn. Sie wollte ihn nicht mit einer Anderen teilen, schon gar nicht abgeben. Marga erkannte die sogenannte Affenliebe früh, ungeachtet dessen war es um jene Erkenntnis zu spät. Die tollste Ehefrau der Welt hätte in dieser Lebensform keine Chance bekommen. Zudem blieb ihre Ehe kinderlos, sie fruchtete so oder so nicht. Ihr Mann, in steter Zerrissenheit, wurde zusehends unzufriedener. Er konsumierte regelmäßig Alkohol, hatte hier oder dort Techtelmechtel, zeigte sich zu Hause unzuverlässig, kümmerte sich wenig um den Betrieb, ebenso um seine Frau. Ob sie blieb oder ging, schien ihm inzwischen egal zu sein. Sie ging.
Zurückgekommen, richtete sie sich aufs Neue ein. Drinnen sowohl draußen fühlt Marga sich befreit. Wo sie mit den beruflichen Kenntnissen arbeiten wird, ist noch ungewiss, zudem will sie sich ehrenamtlich einsetzen. Sie ist eine toughe Frau mit neu gewonnener Lebensbejahung.
Der nächste Stammtisch ist verlässlich wie das Amen in der Kirche. In der Zwischenzeit wuchsen die Frauen über sich hinaus, zeigten sich unermüdlich, erkannten bislang versteckte Fähigkeiten, legten den Stift nicht aus der Hand, um ihre Geschichten auf´s Papier zu bringen ... ©Rosa Rhoot

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