Zeitreise in die Finsternis

von Helmut Höffken
Mitglied

»Was hat der Bastard für eine merkwürdige Uhr unterm Hemdsärmel versteckt?«
Obwohl ich die Worte wie durch Watte wahrnehme, fängt der Puls an zu rasen. Bislang war es mir gelungen, die Uhr trotz Folterungen vor meinen Peinigern zu verbergen.
Einer der blauuniformierten Polizisten mit goldener Epaulette bricht mir die Hand und streift die Uhr ab.
Ich schreie mich heiser, doch niemand nimmt davon Notiz.
»Kruzifix noch mal! Das Ding hat keine Zeiger. Die Zahlen laufen der Zeit davon«, flötet der Gesetzeshüter.
»Wo hast du diese Hexenmaschine her?«, brüllt ein anderer uniformierter Hüne mit Zwirbelbart.
»Aus Persien… ein Geschenk… des Onkels«, röchele ich.
»Was redet der Drecksack für ein Kauderwelsch? Schmeiß das verfluchte Dingsda weg! Der Kerl ist mit dem Teufel im Bunde«, schreit ein Koloss mit Monokel, der mir in der Nacht drei Zähne ausgeschlagen hatte.
Ich atme tief durch, als einer der Beamten die Uhr mit Lederstiefeln zertritt und die Einzelteile aus dem Fenster schleudert.

Zum Glück hat die Polizei nichts begriffen, denke ich.
Bei der Uhr handelt es sich um einen ultramodernen Chronografen aus dem Jahr 2019, netzfähig und mit GPS-Funktion ausgestattet – der Fingerabdruck meiner Zeit. Ich aber befinde mich in Österreich des Jahres 1889.

Ich hatte die Uhr bei der Arbeit im Forschungszentrum für „Künstliche Intelligenz“ im Silicon Valley getragen. Dort arbeitete ich im Team an innovativen Entwicklungskonzepten für autonom handelnde Maschinen jenseits konkreter Problemstellungen. Wir nutzten die leistungsfähigsten Quantencomputer der Welt, drangen in Sphären vor, die unsere Welt in Kürze revolutioniert. Neben komplexen Forschungsaufgaben tüftelte ich privat an einem Algorithmus für Zeitreisen – an einen Abstecher in die Vergangenheit. Obwohl ich meine gesamte Freizeit für dieses Ziel opferte, gelang mir der Durchbruch nicht.

In der Adoleszenz war in mir der Traum gereift, die Zeit zurückzudrehen, um die Geschichte an entscheidenden, richtungsweisenden Daten zu verändern. Besonders der 20. April 1889, der Geburtstag eines Tyrannen, hatte mich fasziniert und Fantasien freigesetzt.

Der Zufall war mir zu Hilfe gekommen:
Während eines Experimentes mit verschiedenen geschlossenen zeitartigen Kurven, drang mitten in der Nacht ein Virus in das Computersystem des Forschungszentrums ein und legte es lahm. Ich war allein in meinem Arbeitszimmer und versuchte, die Rechner durch einen Relaunch hochzufahren.

Die Wände des Gebäudes wackelten wie bei einem Erdbeben, ein ohrenbetäubender Lärm breitete sich aus. Ich hatte das Gefühl, als ob eine Armee aus blauen Blitzen meinen Körper durchbohrt.
Ich wurde auf dem Stuhl entmaterialisiert und in einen schwarzen Tunnel hineingezogen. Es roch nach verbranntem Plastik und Lebensgefahr. Ich war starr vor Angst und hatte das Gefühl, den Schleudergang einer Waschmaschine zu durchlaufen.
Ich taumelte und rutschte vom Stuhl. Eine bedrückende Stille herrschte. Ich verlor das Bewusstsein.

Die aufgehende Sonne blendete, Wind wirbelte Sand in die Augen.
Es rasselte. Eine Klapperschlange gab zu erkennen, dass ich in dieser Wildnis nichts verloren hatte.
Ich war fassungslos, schlug mit der flachen Hand auf die Stirn, um zu prüfen, ob mir der Verstand einen Streich spielte.
Der Stuhl neben mir bewies, dass es sich nicht um einen Albtraum handelte.
Ich geriet in Panik, die sich noch verstärkte, als ich realisierte, wo ich mich aufhielt: Ich kauerte in einem Tal, in dem es nichts außer Wüste und nackte Felsen gab. Ein ausgetrockneter Bachlauf raubte mir die Hoffnung, in dieser Wildnis Wasser oder Nahrung zu finden.
Ohne funktionierendes GPS, Mobiltelefon oder Internet lief ich – von Kojoten gehetzt – tagelang im Kreis.
Eine isoliert lebende Gruppe der Muwekma Ohlone Indianer half mir, den Weg zu den Siedlungsgebieten der Weißen zu finden.
Nach vier Wochen kam ich völlig entkräftet und dehydriert in Sacramento an.

Eine Familie der Amisch-Sekte erbarmte sich meiner.
Auf dem Weg nach Pennsylvania war ihnen das Geld ausgegangen. Die erwachsenen Familienmitglieder verdingten sich als Holzfäller. Die Sekte hatte eine Blockhütte im Wald angemietet, in der ich bis zu meiner Genesung gemeinsam mit 14 Personen lebte. Sie lehrten mich, dass man Böses nicht mit Bösen vergelten solle. Selbst beim Verlust des eigenen Kindes durch die Waffe eines Verbrechers sei es geboten, die andere Wange hinzuhalten.
Wenn die Sekte in Erfahrung gebracht hätte, welches Ziel ich verfolgte, wäre ich auf der Stelle des Hauses verweisen worden.

Während der Rekonvaleszenz berechnete ich, dass mich der Algorithmus exakt zu dem Punkt transportiert hatte, wo 130 Jahre später mein Schreibtisch im Forschungszentrum stand.

Nach der Genesung heuerte ich in San Francisco auf ein Frachtschiff mit dem Zielhafen „Lissabon“ an.
Drei Monate folgten, bis ich mit Pferd und Wagen die Grenze zwischen der Schweiz und Österreich erreichte.
Später als geplant trudelte ich Mitte Mai des Jahres 1889 in der Kleinstadt am Inn ein. Schneebedeckte Berggipfel erstrahlten in der Sonne, die Blumen blühten und in der Luft lag ein Duft von Nektar.

Ich schlich zu dem Haus, wo vor vier Wochen ein Junge geboren worden war.
Klara, die Mutter, hing Wäsche im Garten auf. Es fiel mir nicht schwer, unbemerkt in das Kinderzimmer einzudringen. Dort schlief ein Säugling mit geöffnetem Mund. Die schütteren schwarzen Haare standen ihm wie Pinselborsten zu Berge. Ein Duft nach Rosenblüten strömte mir entgegen.
Er sieht sanft und friedlich aus, wie ein Engel, der den Menschen Frieden bringt, dachte ich.
Wie eine Statue blieb ich vor dem Bettchen stehen und erschauderte. Ich sah Bilder von Konzentrationslagern, abgemagerten Menschen, Leichenbergen, hilflosen Kindern, die dem Tod in die Augen sahen. Soldaten verbluteten mit abgerissenen Gliedmaßen in schlammigen Schützengräben. Sie bettelten darum, zu sterben.
Ich schloss die Augen und ging in mich. Zeit zerbröselte im Zwielicht der Gedanken.
Ein Seufzer – der Säugling erwachte. Ich verbannte jegliche Empathie aus den Gefühlen, packte ihn und würgte ihn, bis er keinen Ton mehr von sich gab.
Kurz vor dem Tod kam er zu sich und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Um ein Haar hätte ich ihn losgelassen, sosehr schmerzten die Blicke.

Klara realisierte, was im Haus geschah und stürmte ins Kinderzimmer. Mit den Fäusten schlug sie auf mich ein. Ich ertrug die Schmerzen und forderte sie auf, fester zuzuschlagen. Ihre Kräfte schwanden schneller als die untergehende Sonne in der Wüste.
Sie stürzte auf den Boden, wo sie regungslos liegen blieb und vor sich hin wimmerte. Ich befürchte, dass es ihr nie gelingt, den Verlust des Kindes zu bewältigen.

Unmittelbar nach dem Mord stellte ich mich der Polizei. Man hielt mich für die Ausgeburt des Teufels. Ein Nervenarzt prüfte, ob ich unter Geisteskrankheiten litt. Er fand keine Auffälligkeiten.

Ich habe ein Verbrechen begangen, das an Grausamkeit und Brutalität nicht zu überbieten ist. Ich verabscheue mich, bin aber trotzdem erleichtert, dass dieser Säugling niemals das Erwachsenenalter erreicht.

Seit einer Woche leide ich nun unter den Verhören der Kriminalbeamten. Im Österreich des 19. Jahrhunderts behandelt man Kindermörder mit äußerster Brutalität.

Eine Menschenmenge bringt mich mit dem Stakkato von „Mörder, Mörder - Rufen“ in die Realität zurück.
»Hängt das Schwein auf, steinigt den Damischa, werft ihn den Wölfen zum Fraß vor«, tönt es von allen Seiten.
Zwei Polizisten schleppen mich auf einer Trage in eine Pferdekutsche. Nur durch Gewaltanwendung gelingt es den Beamten, die Menge davon abzuhalten, mich zu lynchen.
Das Gefährt rattert unter donnerndem Steinhagel durch eine Allee von Hass und Wut zum Kerker.
Zwei Polizisten zerren mich in ein hermetisch abgeriegeltes Kellergeschoss, wo man mich in eine modrige Zelle einsperrt. Ratten huschen über meine Füße. Von der Decke tropft eine stinkende Flüssigkeit auf den Kopf.
»Drecksau, morgen gehst dir an den Kragen«, zischt einer der Uniformierten und reibt sich die Hände.

Nach Stunden der Stille reißt mich ein Singsang aus dem Schlaf, der einer Ohnmacht geglichen hat. Neben mir hockt ein Priester, der meine Hand hält und im Kerzenlicht Bibelzitate vorliest. Ich höre nicht zu.

Schritte ertönen – das Geräusch von Schuhsohlen auf Stein. Kehlige Männerstimmen mischten sich mit dem Gemurmel des Priesters.
»Willst du dir das wirklich zumuten?«, sagt einer der Männer, die vor meiner Zellentür verharren.
»Ja, ich bin es meiner armen Frau schuldig«, antwortet der andere.
Die Zellentür öffnet sich knarzend. Eine Gasfunzel blendet mich. Der Kerkermeister steht in Begleitung eines untersetzten Mittfünfzigers mit wild wucherndem Schnurrbart, in dessen Augen sich ungläubiges Staunen spiegelt, vor mir. Im Hintergrund warten zwei Gehilfen.
»Großer Gott… er ist es… der Leibhaftige!«, stammelt der Untersetzte, der bei meinem Anblick einen Schritt zurückweicht.
»Weißt du, wer das ist?«, fragt mich der Kerkermeister.
Ich schüttele mit dem Kopf, obwohl ich weiß, wer mir gegenübersteht. Ich hatte sein Foto vor Jahren auf Wikipedia betrachtet.
»Das ist Alois, der Zollbeamte aus Braunau. Er ist Vater des Säuglings, den du massakriert hast. Er assistiert mir bei der Exekution.«
»Ich weiß, wie Sie sich fühlen. Ich bin selbst Vater zweier Kinder«, sage ich zu Alois. »Für die Tat gibt es keine Entschuldigung. An Ihrer Stelle würde ich genauso handeln, aber ich musste den Säugling umbringen.«
»Da hörst du es. Der Kerl ist vom Satan besessen. Gestern hat man ihn mit einer Uhr erwischt, die der Zeit davonrennt«, sagt der Kerkermeister.
Die Gehilfen packen mich am Kragen und schleifen mich aus der Zelle.

Beim Gang zum Galgen fallen mir die Worte von Friedrich Nietzsche ein. Der Philosoph hatte behauptet, dass das Böse als des Menschen beste Kraft untrennbar mit der Freiheit verbunden ist. Ich frage mich, ob er damit recht hat oder ob das Ziel, sich aus dem Kreislauf des Leidens zu befreien, bedeutsamer ist.

Kerkermeister und Priester führen mich auf ein Podest. Der Priester bekreuzigt sich und betet das Vaterunser.
Der Exekutionsleiter schreit: »Scharfrichter! Walten Sie Ihres Amtes.«

Der Tod kommt als Freund, denn durch meine Gräueltat bleiben 50 Millionen Menschen, die ansonsten dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen wären, am Leben.
Der Sieg über die Zeit nimmt mir zwar mit Ende 40 den Körper, nicht aber den Glauben an eine bessere Welt.

Ist der Traum der Amish von einem Leben in Frieden durch mein Verbrechen ein kleines bisschen nähergerückt?

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

08. Feb 2019

Sehr gut geschrieben!

Wenn das ginge hätte man viel zu tun...
Ich denke an die Matrix und schließlich auch an Gott...

Viele Grüße
Alf