Bitterkeit und Süsse - Frieda

von Rosa Rhoot
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Frieda

Es gab ihn, diesen malerischen Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Mutter Sonne lachte, die Bienen summten, Schmetterlinge huschten von Blüte zu Blüte, Vöglein sangen Lieder, dunkle Vorboten blieben hinter der Himmels Kulisse, es gab nichts, was die Stimmung hätte trüben können.
Zugegeben, so trivial trug es sich nicht zu. Von allem etwas genügte uns, brachte Wohlbehagen, sorgte für ein vertrautes Miteinander.
Die kleine Freilichtbühne gehört zur Vergangenheit, war zu finden in einem Garten, im Schrebergarten der Frieda.
Heute Morgen läuft mir die Zeit einmal nicht davon. In der Funkstille nehmen meine Gedanken freien Lauf und Erinnerungen an Frieda werden wach. Ich habe Ihre unverkennbar spröde Stimme im Ohr, erinnere mich an klare jedoch freudlos dreinschauende Augen, ihre gebeugte kraftlose Körperhaltung, verarbeitete Hände geschmückt mit unzähligen Altersflecken.
Damals waren wir Jung und Alt, verweilten mit dem Kaffeepott in der Hand auf einer Holzbank vor der Gartenlaube. Die Junge sah die haltende Hand der Alten, sah das leichte Zittern. Die Alte spürte den Blick, nahm schnell die zweite Hand hinzu, hielt den Kaffeepott mit beiden Händen fest umklammert. Es kam selten vor, dass Frieda aus ihrem Leben erzählte. Sie hielt es für unnütz, da die Reise in längst vergangene Zeiten unabänderlich sei. Jedoch der Lieblingsplatz und wärmende Sonne, öffneten schon mal ihr Herz. Ohne schmückendes Beiwerk verriet sie das, was sie für nötig hielt. Es hörte sich weder romantisch noch dramatisch an.
Über ihre Mädchenjahre berichtete Frieda wenig, nur, dass sie eine freudlose Kindheit hatte, arbeitsam und lieblos erzogen wurde. Freundschaften pflegte sie kaum, die ein oder andere bezeichnete sie als solche, von langer Dauer war jedoch keine. Sie war und blieb eine Einzelgängerin. Ich hörte heraus, dass sie in jungen Jahren weder hübsch noch hässlich aussah, zudem ein Leitbild fehlte, eine konkrete Zukunftserwartung. Daran änderte sich wenig.
Einmal verlor sie sich in einer sexuellen Begegnung. Sie wurde schwanger. Frieda brachte ein gesundes Kind zur Welt, entschied sich gegen den Vater, arbeitete verantwortungsbewusst, sorgte für einen geregelten Tagesablauf, kümmerte sich so gut wie möglich. Eine liebevolle Mutter-Kind Beziehung pflegte sie nicht. Was Frieda nicht gelebt oder gelernt hatte, konnte sie nicht umsetzen. Ihr Sohn gründete eine Familie und lebt im Ausland. An Geburtstagen und zu Weihnachten telefonierten sie. Wie schon so oft, versprach er seiner Mutter sie bald zu besuchen. Es blieb dabei. Allerdings kam postwendend ein Briefumschlag mit zeitnahen Familienbildern. Das ein oder andere Lieblingsfoto stand eingerahmt auf ihrer Kommode.
Frieda richtete sich ihr Leben ein, blieb alleine, wohnte in einem Mehrfamilienhaus im Obergeschoss mit wohnlichen Dachschrägen. Das Mietshaus steht heute noch da, nah an der Stadtgrenze. Die weite Sicht aus dem Dachfenster zieht hinweg über Wiesen und Felder, gezielt in Richtung Kirchturmspitze des Nachbarortes. Ihre Miete für zwei Zimmer, Küche, Bad war erschwinglich, ihre Wohnqualität strahlte biedere Gemütlichkeit aus. Das Einkommen reichte so eben, um laufende Kosten abzudecken. Für Extras blieb fast nichts übrig.
Siebenundzwanzig Jahre war Frieda verlässliche Zeitungszustellerin für ein Verlagshaus. Mit einem Moped fuhr sie bei Wind und Wetter die ländliche Verteilerroute. Nachts stellte sie ihr Kleinkraftrad im Hof ab, immer unter dem Schutz einer dunklen Regenhaube. Allerdings ließ ihr kleiner Geldbeutel nur ein gebrauchtes Vehikel zu. Demzufolge summierten sich in den Jahren die fahrbaren Untersätze. Vier an der Zahl hatte sie bereits verschlissen. Verlässlich teilte sie auch mit dem Fünften die Tageszeitungen in den benachbarten Bauerschaften aus. Dabei nutzte sie die unverzichtbare Möglichkeit frische Hofprodukte mitzunehmen, kaufte Landeier von besonders glücklichen Hühnern, Kartoffeln und Zwiebeln, mal ein frisch geschlachtetes Suppenhuhn oder in der Jagdsaison ein Wildkaninchen.
Wie dem auch sei, das jeweilige Moped wurde zum vorrangigen Weggenossen. Allerdings fing auch das Fünfte an, klapprig zu werden. Die bange Sorge wie lange es noch halten würde fuhr Tag für Tag mit.
Frieda musste Ihr Geld streng einteilen. Um es aufzubessern ging sie tagsüber putzen. Wöchentlich pflegte sie die Wohnung vom Lehrerehepaar, half regelmäßig dem betagten Professor, putzte abends die Zahnarztpraxis und morgens eine Gaststätte. Vom Geld nebenher bezahlte sie die Jahrespacht für ihren Schrebergarten in der nahe gelegenen Gartenanlage. Der grüne Winkel war ihr Lebensinhalt.
Frieda sparte ihr Putzgeld in einem runden Zuckertöpfchen mit Streublümchen, das versteckt im Schrank, zwischen dem dazugehörigen Kaffeeservice stand. Hin und wieder erlaubte sie sich auch etwas Besonderes davon. Schulden machte sie nicht. So wie es war, so war es gut.
Frieda war innen und außen eine herbe Frau mit bescheidenen Ansprüchen. Die Figur war eher kräftig, annähernd einer rechteckigen Körperform. Passend dazu trug sie eine Standardfrisur, einen Dutt, der ihre dicken schwarzen Haare im Nacken zusammen hielt. Des Weiteren nahm ich an ihr einen unübersehbaren Schönheitsfehler wahr, eine dunkle Gesichtsbehaarung im Lippen- und Kinnbereich. Sie sprach nicht drüber, unternahm nichts dagegen und es schien, als würde sie auch das Spiegelbild ignorieren.
Darüber hinaus ging sie achtsam mit der Natur um, hatte einen wachsamen Blick auf Alltagsgeschehnisse, sah all jenes, was die Anderen gern übersahen. Mitunter war es für die Leute links und rechts nicht einfach, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Mehr wie Nötiges bot sie nicht an. Wer Frieda tatsächlich kannte, erkannte Herzensgüte unter ihrer borkigen Rinde.
Beim Erzählen hörte ich heraus, dass eine engere Männerbekanntschaft für sie nicht infrage kam. Sex war kein Thema so oder so nicht, sie blockte einfach. Wohl aus Erfahrung ging sie nie wieder ein Verhältnis ein. Allerdings mit sechzig fuhren die Gefühle noch einmal Karussell. Die AWO hatte im Advent zur Kaffeetafel eingeladen. Rechts neben ihr saß Herbert. Herbert war einst Landschaftsgärtner und mit seinen Zweiundsiebzig ein rüstiger Rentner. Er konnte gut erzählen. Frieda hörte gerne zu. Über den Winter luden sich in ihre Wohnungen ein, tranken Kaffee oder ein Glas Wein. Im Sommer darauf verweilten sie im Garten der Frieda. Nicht nur das, sondern Herbert zeigte seine gärtnerischen Qualitäten, setzte berufliche Erfahrung in die Tat um und sorgte für ein schmuckes Gartenbild. Frieda ließ es geschehen.
Herbert verlor seine kränkliche Frau, lebte seit ewigen Zeiten im alt bekannten Stadtviertel. Ein Investor kaufte den Häuserblock und sanierte innen wie außen, verursachte reichlich Schmutz mit monatelangem unzumutbaren Baulärm für alle Bewohner. Die Mieter nahmen enorme Einschränkungen hin. Nach erfolgreicher Modernisierung kam die erwartete Bekanntmachung der drastischen Mieterhöhung mit dem alternativen Angebot, Wohnungen als Eigentum erwerben zu können. Die langjährigen Hausbewohner gerieten in Aufruhr, sorgten sich um ihre Bleibe. Nur einige wenige konnten sich die Mieterhöhung erlauben, geschweige denn, den stattlichen Immobilienpreis zu erbringen. Andere zogen irgendwo hin. Auch Herbert brauchte ein bezahlbares Dach über dem Kopf, hatte den praktischen Gedanken mit einer Frau zusammenzuziehen und sah darin gewisse Vorteile, zum einen die finanzielle Erleichterung für beide, zum anderen die zukunftsfrohe Erwartung auf Vollversorgung. Frieda horchte auf und begriff, was noch unausgesprochen blieb. Sie ließ ihm keine Zeit, es vorzutragen. Mit einem Mann gemeinsam wohnen wollte sie nicht. Alles konnte so bleiben, wie es war. Das jedoch genügte Herbert nicht. Ihr Leben ging im Alleingang weiter.
Für Frieda war gesunde Ernährung wichtig. Sie kochte regelmäßig, erntete im Garten farbenprächtige Beeren, schnitt Kräuter und Rosen, um sich zu Hause daran zu erfreuen. Die Gartenlaube war ihr grünes Domizil, die Kleingärtner links und rechts ihre vertrauten Vereinsmitglieder.
Zweimal im Jahr gönnte sie sich den sogenannten 'Blick über den Tellerrand', unternahm eine Kaffeefahrt mit dem Bus. Sie kam nicht umhin ein Verkaufsprogramm über sich ergehen zu lassen, erzählte über die wirksame Beeinflussung der Mitreisenden. Trotz alledem ließ Frieda sich nicht in Versuchung bringen und blieb ihrem Geld treu. Ein andermal buchte sie eine Kurzreise, organisiert vom Reisedienst für Senioren. Sie schätzte diese kurze Auszeit, genoss die Führung durch eine fremde Stadt mit dazugehörigem Kulturprogramm, das Hinwegträumen bei einer stimmungsvollen Musikaufführung und den Bummel über einen Trödelmarkt. Nicht zuletzt hatte Frieda in ihrem Zuckertöpfchen auch dafür gespart.
Mit zunehmendem Alter forderten der schwere Job, die zusätzlichen Putzstellen, ebenso körperliche Gartenarbeiten einen hohen Tribut. Frieda litt zusehends unter Kräfteverlust. Wiederkehrende Rheuma-Schübe quälten sie, Schmerzen der Kniearthrose spürte sie Tag für Tag. Sie klagte nicht und es schien, als wolle sie sich nicht besiegen lassen. Jedoch im Spätherbst musste das alte Moped verschrottet werden. Ein Neues war nicht mehr nötig.
Gesundheitlich ging es mit Frieda rapide bergab. Der verbrauchte Körper verlor gänzlich seine Kräfte erlaubte nicht mehr im geliebten Garten zu ernten, geschweige denn, eine vergnügliche Busreise genießen zu können. Ihre tägliche Motivation für ein überschaubares Glücklichsein ging für immer verloren.
Das Zuckertöpfchen mit Streublümchen steht schon lange bei mir im Porzellan-Schrank. Symbolisch kommen jeden Monat ein paar Euros hinein.
Irgendwann werde ich mir irgendetwas davon erlauben. ©Rosa Root

Veröffentlicht / Quelle: 
BoD

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