Im Nebelwald

von Sascha Grosser
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Nur ein paar Schritte vom Weg abgekommen,
im tiefen, dichten Nebel mich verirrt,
ängstlich stehen geblieben, inne gehalten.
Um mich herum, das weiß leuchtende Rauschen
diffus bedrückender Stille
und dann noch die laut schweigenden Bäume,
die sich Rittern gleich rings um mich
versammelt haben,
so, als wollten sie vor'm Nebel mich beschützen
und mit tausend ausgestreckten Armen
ihn verjagen.

Der einzige Klang, der die Stille durchbricht,
ist der hämmernde Schlag des Sekundenzeigers.
Immer wieder sagt er mir,
dass die Zeit eilt und ich endlich weitergehen solle.
Aber es geht nicht. Wie erstarrt, so stehe ich dort,
wie gefangen, so komme ich nicht frei.
Die Angst vor dem Nebel ist es, die mich hält
und meine Schritte lähmt.

Doch dann, ganz zärtlich, sanft und leise,
berührt mich einer dieser Kronenäste,
so, als wolle er einen liebevollen Schubs mir geben,
oder gar väterlich mir auf die Schulter klopfen,
Mut zusprechen, mich bestärken,
von einem flüsternden "Du schaffst das!" noch begleitet.
Und ich? Ich gehe los,
kühn und trotzig dem Nebel entgegen,
der immer mehr, vor Ehrfurcht staunend,
zu weichen beginnt und frei macht, meinen Weg.

Ich wage einen letzten Blick zurück
und winke dankbar meinen Freunden,
die auch zum Gruß ihr mächtiges Geäst
bis in die Tausend Himmel strecken.

Und dann, dann geh' ich weiter,
so als hätt's den nebel nie gegeben.

Sascha Grosser | Im Nebelwald
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Kommentare

08. Okt 2018

Der Nebelwald wollt Dich nur necken,
hat wohl geglaubt, Du würdest Dich
aus lauter Angst verstecken.

Ein schönes Gedicht mit Spannung.

Liebe Grüße,
Annelie

11. Okt 2018

Nebelangst und Nebelschönheit, auf Allegorie auf unser Leben?
Bäume als anteilnehmende Lebewesen gefallen mir ebenso.
LG
Uwe