Hock bei der Startrampe C - Geburt der Regeln

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Frau Henkenhaf hatte es bereits in der ersten Stunde angekündigt. „Die Regeln werden wir uns auf jeden Fall noch geben. Es ist ganz wichtig, dass wir das heute machen.“

In der zweiten Woche von der Maßnahme stößt Herr Sidi zu uns, ein Migrant aus Syrien, allerdings schon fast zehn Jahre hier, langzeitarbeitslos. Für ihn dreht sie die nach hinten gedrehten Blätter vom Flipchart noch mal herum, damit er sie sehen kann: Unsere Regeln, die wir uns bei der Startrampe als freiwillige Teilnehmer selbst gegeben haben. In einer auffallend kleinen und irgendwie harten Handschrift.

„Und hier haben die Teilnehmer sich geeinigt, dass es wichtig ist, sich Regeln zu geben", klärt Frau Henkenhaf ihn auf.

Wie später noch oft hatte Frau Henkenhaf auch für die Aufstellung dieser Regeln auf ihren abfragenden Pickevogelstil gesetzt.
Erst schrieb sie auf die leere Seite oben: „Unsere Regeln“.
Dann sagte sie: „Regeln! Welche Regeln könnten wir wohl brauchen!“

Wie immer hat Frau Henkenhaf unerbittlich und miesepetrig in die Runde geschaut. Ihre müden Eulenaugen von einem auf den andern gerichtet. Es kam aber gleich was. Sie hat es alles auf das Blatt am Flipchart geschrieben. Es war alles richtig. Frau Henkenhaf, was eher die Seltenheit ist, war schnell restlos zufrieden und hat nicht gebohrt.
„Und was wäre denn noch eine Regel, die man vielleicht gut brauchen kann?“
Nein, so hat sie nicht gefragt.

Herr Sidi sieht sich mit den drei Kursregeln konfrontiert.
1. Pünktlichkeit.
2. Respektvoller und höflicher Umgang untereinander.
3. Den Sprechenden immer ausreden lassen.

Das war es schon gewesen. Mehr Regeln hatten die Teilnehmer freiwillig nicht gebraucht. Man hätte sich ins Gesicht hauen können, es wäre erlaubt gewesen. Jedoch nicht beim anderen, „respektvoller und höflicher Umgang untereinander“. Alle haben es auf ein Blatt abgeschrieben, ohne dass Frau Henkenhaf sie darum gebeten hätte.

Die meisten waren schon früher in derlei Kursen drin gewesen. Wir sogar schon mal im sozusagen gleichen Kurs, bloß nicht Behinderte, bei der Startrampe, vor Jahren. Wir wissen daher, dass, wenn akut mal was anliegt oder aus der Art schlägt, der Kursleiter bestehen wird, es müsse eine von den Regeln wieder respektiert werden. Es ist eine, die nicht hier gestanden hatte, aber schon irgendwie sinnvoll. Die Kursleiter kriegen so Regeln auch hin, wenn man sie ihnen nicht vorsagt.

„Sie wissen doch noch, wir sind uns ja einig gewesen am ersten Tag, dass wir ein paar Regeln brauchen, wenn das produktiv ablaufen soll.“

Ja wissen wir. Herr Sidi wäre der Letzte, sie hierin zu kritisieren.

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