Samstag

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Noch wirkt der Kaffee seines späten Frühstücks nach. Er ist heute später aufgestanden.
Schließlich ist es ja Samstag. An regulären Wochentagen hält er sich nach wie vor an
seine gewohnten Zeiten, sechs Uhr.
Er sitzt nachdenklich in seinem Sessel. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Irgendeine
belanglose, amerikanische Soap mit aufgesetzten Gelächter.
Sein Blick richtet sich aufs Fenster. Der quadratisch, weißgefasste Fensterrahmen gleicht
einem Bilderrahmen und gibt einen Blick auf winterliche Landschaft frei.
Im Vordergrund, das Dach des historischen Schulgebäudes mit aufgesetztem Türmchen,
auf dem, für die Jahrhundertwende typisch, ein metallenes Wetterfähnchen krönt.
Hinter diesem erhebt sich der alte Kirchturm in den grauen Winterhimmel.
Vom Kirchenschiff lässt sich nur der gotische Giebel, eingefasst mit roten Backsteinen,
erkennen. Linker Hand des Schulgebäudes und Kirche reihen sich in unterschiedlichen
Baustilen und -höhen, Dächer umliegender Häuser auf, bedeckt vom Schnee.
Tannen, Kiefern und das kahle Geäst der Laubbäume vervollständigen die winterlichen
Impressionen.
Er sitzt schon über eine Stunde vor dieser lebendigen, doch schlafender Kulisse. Ein Bild,
ein Ausschnitt gerahmter, präsenter Realität.
Der Blick durchs Fenster weckt in ihm ein Gefühl unbekannter Sehnsucht. Seine Augen
tasten sich am Fensterrahmen entlang und verlieren sich für Sekunden am grauen Horizont.
Wieder und wieder wandern sie, vorbei am Türmchen des Schulgebäudes und Kirchturm,
hin zu den schneebedeckten Dächern als ob sie nach etwas suchen würden.
"Ich hätte so gerne noch etwas gelebt, aber die Gesellschaft erniedrigt mich zu bloßer
Existenz". Er steht auf und greift nach der Flasche Wasser auf seinem Schreibtisch.

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141 Seiten / Gebundene Ausgabe
EUR 13,90
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Kommentare

10. Feb 2018

Lieber Jürgen, Deine Leseprobe erinnert mich irgendwie an Sándor Márei im Exil, obwohl er damals wohl keinen Fernseher hatte. Seine Tagebücher sind sehr lesenswert - so lesenswert wie Dein Text.

Liebe Grüße,
Annelie

17. Feb 2018

Es freut mich sehr, dass diese kleine Leseprobe Dir gefallen hat. Und immer wieder überrascht Du mit Deinen Vergleichen!
Danke und Grüsse.

Jürgen