Kleine Momente (Tagesanbruch)

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Es ist noch sehr früh als ich wach werde. Ein buntes, lebhaftes Spektakel
begleitet die aufgehende Sonne über dem Indischen Ozean. Ein reger
Vogelverkehr erfüllt bereits die frische Morgenluft unter dem noch blass-
blauen Horizont. Kleine Gruppen leuchtend rot oranger Vögel (Sperlingsgröße)
fliegen im ruckartigen Rhythmus (Brustschwimmern gleich, die in kurzen Atem-
intervallen ihre Bahnen ziehen) an mir vorbei. Wie ich später erfuhr, wird diese
Spezies hier Kardinal und im Englischen, Fody, genannt.
Seit geraumer Zeit versammeln sich allmorgendlich, ca. hundertfünfzig Meter
von meiner Terrasse entfernt, Indische Papageien zu einem frühen "come together"
auf einem tropischen Nadelbaum. Ihr Gefieder ist von heller Farbe, leicht grün.
Papageien in Freiheit von einer Terrasse aus zu beobachten, bekommt man
schließlich nicht alle Tage geboten.
Der große Frangipanibaum spendet den ersten Schatten. Ich näher mich seinen
hell gelben Blüten. Sie verströmen einen zart schwebenden Duft. Im gleichen
Moment werde ich an Sri Lanka erinnert. Hier werden die Blüten auch Tempel-
blume genannt. Buddhisten schmücken mit ihnen die Altäre ihrer Tempelanlagen.
Oftmals hatte ich Frangipanibäume an ihren Eingangsportalen gesehen.
Der Indische Ozean kommt heute etwas schwer in die Gänge. Wie ein alter Mann
lässt er sich noch etwas Zeit damit. Schließlich war er in den vergangenen Tagen
besonders aufbrausend gewesen. Lediglich das weiße Wellenband, entlang des
Korallenriffs, scheint der morgendlichen Stille eine rauschende Kulisse zu bieten.
Eine kleine Gruppe greiser Inderinnen, sie tragen traditionelle Saris, ihre Haare zu
einem Dutt gerollt, nähert sich dem Ufer. Jede von ihnen trägt eine Blüte und einen
kleinen Becher in der Hand. Am Meer angekommen, überlassen sie die Blüten dem
Wasser, sprechen dabei Gebete und schöpfen gleichzeitig Meereswasser mit ihren
Bechern, um es anschließend wieder ins Meer zu gießen. Auf diesem Wege danken
sie ihrer Gottheit dem Leben und heißen den neuen Tag willkommen.
Zufrieden und entspannt spaziere ich den neuen Tag entgegen

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Kommentare

10. Mär 2018

Jürgen, sehr schöner Text - ich hoffe, Du kannst Deine Reisen lange noch genießen.
Ich hab noch alles vor mir, lasse mich deshalb von niemandem verdrießen.
Schön auch, dass wir durch Dich von fremden Ländern viel erfahren.
Es lohnt sich offenbar, fürs Reisen Geld zu haben oder/und zu sparen.

Liebe Grüße,
Annelie

12. Mär 2018

Annelie, da gebe ich Dir Recht. Es kommt aber auch darauf an wie wir die Welt betrachten. Mit unseren Sinnen können wir viel detaillierter unsere Umgebung betrachten/wahrnehmen. Das vertieft und bewegt.

Viele Grüsse

Jürgen