Brief an Dich

von Melina Keuer
Mitglied

Liebe Schattengestalt,

du kennst mich wahrscheinlich schon sehr viel länger, als ich dich. Nicht von außen, sondern von innen. Nicht schwer, sondern leicht und schmeichelnd, und dunkel. Passt dich an an meine Unwissenheit. Das liegt vermutlich daran, dass du dich so schlüpfrig und wendig in meinem Kopf bewegst wie es sich jede Frau bei einer Slipeinlage wünschen würde. Da du auch sehr leise bist, bemerkte ich dich erst später, auch wenn ich subtil immer wusste, dass es da etwas gibt, das zu mir gehört, sich aber nicht wie alle anderen schön in die Reihe stellen will. In deinem Fall, ist es mir offen gestanden etwas lästig, denn wenn ich dich fassen will, um dich in ein Bild zu verwandeln und zur Realität werden zu lassen, vergräbst du dich einfach tief in mir. Lässt mich dann in mir einfach im Dunkeln sitzen, obwohl wir uns eigentlich echt nah sind. Ganz schön unhöflich.
Dein Lieblingsplatz, hinten rechts, vermutlich die Gehirnhälfte, die ich als Linkshänderin öfter ansimse, um Informationen zu verarbeiten. Ich habe mich schon oft gefragt, wie ich dich aus der Ecke locken kann, einfach, weil es im Alltag wirklich stört, wenn du dich unterschwellig in all das legst, was ich denke, fühle und erlebe. Dafür sorgst, dass ich mich manchmal schlichtweg selbst nicht verstehe, weil du dich wieder dazwischen drängen musst. Von: „ich-bilde-mich-dir-nur-ein-dich-gibt-es-nicht“, bis: „Kamikaze!!!! Ich-weiß-dass-du-da-bist-UND-ICH-FINDE-DICH-EGAL-WAS-ES-KOSTEN-MAG!“ war eigentlich schon alles dabei. Bisher bin ich dir glaube ich nur in meinen Träumen manchmal nah gewesen oder wenn du dich etwas weiter an die obere Fläche meines Unterbewusstseins wagst. Ich sehne mich danach eins mit dir zu werden. Das klingt doch eigentlich ganz nett oder?
Ich verstehe nicht, warum du mich nicht kennenlernen willst. Viele sagen mir zwar, dass ich anstrengend bin, aber ich habe auch echt viele Qualitäten, die es einfach machen mit mir zusammen zu sein. Ich bin zum Beispiel sehr mitfühlend und werde einen Teufel tun dich zu verurteilen. Diese Empfindsamkeit, kann ich zwar zu einem gewissen Grad auf „standby“ stellen, aber wenn etwas mein Interesse geweckt hat, dann ist es so als ob ich in meinem Kopf ein Menschenbild male mit allem was ich da sehe, rieche, höre und fühle. Wenn du also weinst ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ich mit weine und dann fühlst du dich bestimmt nicht mehr so alleine. Wahrscheinlich kommt es sogar so unvermittelt und bescheuert heraus, dass ich dich damit sogar zum lachen bringen kann. Das mache ich übrigens des öfteren mal- meistens ausversehen. Und da ich auf dich durch meine extrem ausgebildeten Spiegelneuronen reagiere, würde ich dann auch lachen. Also kannst du dich mir ruhig zeigen, so wie du bist, das stört mich nämlich nicht im geringsten, sogar im Gegenteil. Ich kann nämlich nichts weniger leiden als unauthentisches Getue, bei dem ich in der Regel schon in der ersten Minute abschalte. Ich will dich echt. Mit allem, was du fühlst, siehst, hörst und schmeckst. Wenn du dann auch noch Verantwortung übernehmen kannst und dich einreihst, finde ich dich sogar sexy und wir könnten uns überlegen, ob das mit uns in deiner wahren Form vielleicht etwas Langfristiges wird. Aber davon sind wir leider noch weit entfernt und ich fühle mich dir gegenüber oft hilflos und verzweifelt.
Mittlerweile habe ich dich einfach akzeptiert in deinem Dasein als Schattengestalt, auch wenn ich dich am Liebsten in der Form gar nicht hätte, weil du dich in mir aufführst wie ein pubertärer Teenager, der den ganzen Tag kifft, um sich zu betäuben, und dann Yolo schreiend sich cool findend herumlungert, um manchmal Aufmerksamkeit zu bekommen. Kannst du dir eigentlich vorstellen wie zermürbend du in den Jahren für mich geworden bist, während ich dabei bin einfach ein ganz normales Leben zu führen? Ohne dein Drama etwas sinnvolles zur Gesellschaft leisten will? Wie ein offener Tab in einem Handy, den ich nicht schließen kann, weshalb die Gesamtleistung des Systems niedriger ist. Ich bräuchte dann eigentlich eine bessere Hardware, um die Leistungskapazität zu erhöhen, das ist in meinem Fall allerdings etwas schwierig. Tatsächlich habe ich bereits für bessere Bedingungen gesorgt, in dem ich mich mit den Nährstoffen, die meine „Hardware“ lebensnotwendigerweise braucht, auseinandersetzte, diese durch hochwertige Ersatzquellen mit einer biologischen Verfügbarkeit von 98% zu mir nahm. Die Wirkung war spürbar und es ging wieder aufwärts, allerdings hälst du dich weiterhin bedeckt, obwohl es dir doch jetzt auch besser gehen müsste oder?
Wie oft ich mich in Situationen befunden habe, in denen sich gefragt wurde, was jetzt denn nun mein fucking Problem ist, habe ich aufgehört zu zählen. Übrigens auch oft von mir selbst wie du weißt. Du bist mir schon so oft in die Quere gekommen, wenn es darum geht ein angenehmes Leben zu führen. Wenn ich vor Leuten sitze, die Ahnung von dir haben und vielleicht besser mit dir umgehen können als ich, finde ich in der Regel nicht einmal genug Realität in mir für dich, um dich nach außen hin in Worte auszudrücken, denn dort bist du nicht angesiedelt. Manche halten mir dann einen Fragebogen hin, bei dem ich kein einziges Kreuz für dich setzen kann. Oder noch besser, ich bekomme eine unprofessionelle Postkarte in die Hand gedrückt auf der steht:“ Lassen Sie auch mal fünf gerade sein lassen.“, weil ich die Art und Weise wie mit mir umgegangen wurde kritisierte. Es geht ja nur um mein Leben dachte ich und bei dem werde ich sicher keine fünf gerade sein lassen, vor allem, wenn es wirklich anstrengend für mich ist mich jedes mal neu auf jemanden einzustellen. Die Male in denen ich versuchte eine Verbindung von dir zur Sprache zu machen, bekam ich ehrlich gesagt genau das gespiegelt, was ich mit dir die ganze auch Zeit mache, also kann ich es auch sein lassen. „Objektivität“, die es an sich so ja nicht gibt, Unsicherheit, Zweifel an meiner Wahrnehmung und Relativierung. Ich bin nämlich leider zu intelligent, als dass ich dich einfach so hinnehmen könnte mit diesem schwammigen Gefühl plus Fakten, um daraus eine Behauptung aufzubauen. Bin mir durchaus bewusst wie gut das zu Hause, in dem du lebst konstruieren kann, wie viele diese Möglichkeit nutzen, um daraus einen sekundären Gewinn zu ziehen. Kann zwischen Einbildung und Realität in mir bei dir nicht mehr unterscheiden. Wie schnell Lüge zur Wahrheit wird und aus Unwissenheit dann auch Wahrheit zur Lüge sehe ich jeden Tag. Und weil ich mich für Selbstbetrug und Betrug meines Umfeldes bis in alle Ewigkeit hassen würde bin ich extrem vorsichtig. Suche nicht mehr, weil es mir schlichtweg zu anstrengend und traurig geworden ist, weil dich niemand fühlen kann außer mir. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas für unsere Wiedervereinigung tun kann und wenn, dann wäre ich dir sehr verbunden, wenn du mir etwas entgegen kommen könntest. Ich bin nämlich müde. Müde von dir als ungeschlossenem Tab.

Wenn man Selbst das wichtigste Puzzlestück ist, um ein Ganzes zu ergeben, aber nicht in der Lage ist, dieses zu sein.
https://www.youtube.com/watch?v=V1Pl8CzNzCw

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