Zwentendorf

von Jonas B
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Er fuhr mit dem Fahrrad. Das tat er nicht aus Sportlichkeit oder gesundheitlichen Gründen. Er tat es, da die Strecke zu Fuß zu weit war und es in Zwentendorf keine Busverbindungen gab. Die Gemeinde hatte gerade mal 4000 Einwohner, die meisten von ihnen waren alte Leute, die seit Generationen hier lebten. Die Jungen zog es alle in die Städt, nach Wien oder Salzburg. Ihn hielt auch nicht viel hier.
Er kam auf einen geraden Fahrradweg entlang des Flusses. Die Lage ist eigentlich nicht schlecht, dachte er sich, im Sommer lud die Donau zum schwimmen ein und auch der Wald zeigt besonders im Herbst sich von seiner schönsten Seite. Als Kind hatte er oft dann in den heruntergefallenen Blättern getobt. Er verliebte sich jedes Jahr aufs Neue in die rot/braun goldene Farbenpracht des Waldes, sie erweckte ein Gefühl von Heimat in ihm. Mit seinem blond braunen Cocker Spaniel hatten sie zusammen stundenlang die Geheimnisse des Waldes erkundet. Dann, 1976 wurde alles anders. Auf großen Plakaten warben sie dafür, mit Wörtern wie „Arbeitsplätze“, „Zukunft“, „Aufwertung“ und „Sicherheit“. Er konnte mit alledem nicht viel anfangen. Im Nachhinein hatte das ganze viel verändert, allerdings nicht dem Ursprungsziel entsprechend.
Die erste Veränderung, die er spürte bestand darin, dass er seinen Hund nicht mehr frei im Wald laufen lassen durfte. Seine Mutter und die Erwachsenen entwickelten generell eine komische Einstellung zum Wald. Sie wollten nicht, dass er sich lange darin aufhielt und er durfte auch keine Pilze mehr aus dem Wald essen. Er verstand dies damals nicht. Ein Großteil der Anlage sollte sich im Wald befinden. Zur Grundsteinlegung kamen wohl viele bekannte Leute aus den Nachrichten, hatte seine Mutter ihm damals erzählt. Er wusste noch, dass an dem Tag als die Rodungsarbeiten begannen, zahlreiche Tiere aus dem Wald flüchteten und über die Straßen der Stadt und sogar ihren Garten auf die Felder liefen. 2 Jahre lang sollten die Bauarbeiten gehen. Er stand gerne am Zaun und guckte sich die großen gelben Bagger an, die Arme hatten die größer waren als jedes Haus in Zwentendorf. Als er seiner Mutter davon erzählte wurde diese sehr sauer und verbot es ihm sich der Baustelle zu nähern. Sein Vater hingegen freute sich über die Baustelle. Dort würde es gut bezahlte Arbeit für ihn geben sagte er immer und Zwentendorf würde zu einer Großstadt heranwachsen. In der Schule lernten sie das ein so genanntes Atomkraftwerk gebaut werden würde mit einem Siedewasserreaktor der Firma Siemens. Was ein Reaktor war wusste er nicht, aber Siemens kannte er aus dem Fernsehen. Er war stolz darauf, dass eine so große Firma in ihre Gemeinde kam.

Die nächste Veränderung bestand darin, dass es auf einmal zahlreiche Baustellen in und um Zwentendorf gab. Fast jeder Weg wurde geteerte, verbreitert und schon bald zogen sich viele schwarze Straßen wie Blutadern durch die Stadt und ihr Umland. Auch durch den Wald. Sogar eine Eisenbahnstrecke sollte gebaut werden. Er fand das damals alles sehr beeindruckend. Er stand stundenlang am Fenster seines Zimmers und beobachtete die vielen Lastwagen die vorbeifuhren. Es waren unzählbar viele in verschiedenen Größen und Farben. Am schönsten fand er die roten. Seine Mutter und viele andere Nachbarn jedoch entwickelten einen gewissen Hass auf die Baustelle, sie redeten oft von Strahlung und fühlten sich gestört durch den Baulärm. Alle sehnten ein Ende der Baustelle herbei. Die Männer um zu arbeiten, die Frauen um wieder ungestört ihren häuslichen Tätigkeiten nachzugehen. Es kam allerdings alles anders.
1978, kurz vor Fertigstellung des Atomkraftwerkes, kam eine neue Umweltschutzbewegung in Österreich auf. Es sollte eine Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes geben. Zwentendorf war für eine Zeit sehr oft im Fernsehen zu sehen. Die Meinung hier im Dorf war eindeutig. Man hatte lange gewartet, Baulärm ertragen, den Wald gerodet und wollte dafür nun als Dank Arbeit im Werk bekommen. Sogar der Bundeskanzler schaltete sich ein. Er würde zurücktreten, sollte die Bevölkerung sich gegen eine Inbetriebnahme entscheiden. Das gab uns allen viel Hoffnung.

Er fuhr weiter, bog links vom Fahrradweg auf eine Straße ab und konnte nun vor sich die hohen Türme des Werkes sehen. „Der Wasserdampf wird aus den Schornsteinen hoch oben wie eine Fahne über unsere Gemeinde wehen und schon von weitem jedermann signalisieren, dass Zwentendorf ein Ort der Zukunft, des Fortschritts und der Wirtschaft ist“ hatte unser Bürgermeister damals auf dem Rathausplatz gesagt. Mein Vater war aufgestanden und hatte laut geklatscht, mit ihm viele andere. Aber daraus wurde nix.

Die Volksabstimmung fiel zu Ungunsten des Kraftwerkes aus. Der Bundeskanzler trat nicht zurück. Was heute bis heute noch geblieben ist, sind die großen schwarzen Straßen durch den Wald. Das Kraftwerk, in grauem Beton erbaut, stand immer noch dort als würde es schlafen. Es abzureißen wäre zu teuer gewesen, das Projekt war eh schon ein Milliardengrab. Der Wald war für ihn durch die vielen dunklen Straßen verunstaltet worden. Nie wieder hatte konnte er seine Farbenpracht genießen und hatte die kindlichen Gefühle von damals. Er empfand dies aber als weniger schlimm, er entwickelte mit der Zeit andere Interessen und dachte nur noch selten an den Wald.
Das Kraftwerk kann man heutzutage nur noch als Besuchergruppe es besichtigen. Manche Teile sind so verlassen, dass sie dort nachts mit Freunden einbrechen und sich auf großen, gerosteten Metallrohren sitzend betrinken oder Joints drehen. Er hatte dort einmal ein Mädchen geküsst, neben ihm war ein verwuchertes Siemens AG Logo gewesen.
Dieses einst für die Zukunft von morgen stehende Wahrzeichen wurde nun von der Natur zurück erobert. Der Gedanke, dass dieses gigantische Kraftwerk nie ein einzelnes Watt Strom produziert hatte faszinierte ihn. Er hatte aber auch etwas melancholisches, als würde dieses Gebäude einen daran erinnern wollen, wie schnell große Pläne und Hoffnungen zerfallen können.

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