Konflikt im All

von Albert Ross
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Konflikt im All

Arthur Anderson ist alt. Er war auch schon alt gewesen als die Mission, welche nun genau sechs Jahre, drei Monate und 13 Tage angedauert hat, ins All startete. Damals war der alte Mann so zittrig und zappelig vor Aufregung zur Bewerbung angetreten, dass man ihn fast nicht mitgenommen hätte. Einzig und allein seine Studienabschlüsse und die drei Doktortitel waren wohl in den Augen der Sponsoren wichtig und überzeugend gewesen. Zum Glück denkt Anderson, den hätte man ihm diese Möglichkeit verwehrt, so wär erstens keine zweite gekommen und zweitens hätte er sich vor Trauer wahrscheinlich umgebracht. Er hätte es sich nicht verziehen wenn er nicht Teil der Expedition ins All geworden wäre, die nach einem neuen Planeten sucht, den die Menschheit dann bevölkern kann. Diese Aufregung war nun schon eine ganze Weile her und obwohl der alte Anderson durch die Schwerelosigkeit nicht mehr so viele körperliche Mühen und Beschwerden zu beklagen hatte, war es ihm recht ein Ziel vor Augen zu haben, wenn er aufwacht:
der erste, alte Mann auf dem neuen Planeten, den die Menschheit besiedeln würde. Ein angemessenes Ziel aufgrund, der überschaubaren Konkurrenz von alten Männern auf dem mit 320 Personen gefüllten Raumschiff, denkt Arthur Anderson. Doch mittlerweile, nach mehr als sechs Jahren Umherirren im All, wachsen Zweifel in ihm. Die Unternehmung ist hauptsächlich von einigen reichen Investoren finanziert worden, von denen einige auch an der Expedition teilnehmen. So geschah es, dass schon zwei mögliche Zielplaneten, scheinbar unbemerkt von Crew und Schiff links (oder wo auch immer links im Weltraum ist) liegengelassen wurden. Die Gründe dafür waren Anderson auch nach mehreren Gesprächen mit den Entscheidungsträgern schleierhaft, mal hieß es die Landung sei zu riskant oder das Wetter zu schlecht, doch das waren ja keine handfesten Gegenargumente, meint Anderson. Er bekam nach und nach den Verdacht gewisse Teilnehmer dieser Reise glauben, sie könnten von Planet zu Planet tuckern und sich den perfekten aussuchen. Soweit würde Anderson es jedoch nicht kommen lassen, stellt er für sich fest. Nach kurzem Überlegen schnallt der Mann sich von dem Stuhl in seiner Kammer ab, stößt sich an den Wenden zum Flur hinaus und weiter Richtung Kommandozentrale. Auf dem Weg dorthin kommt er an anderen Passagieren vorbei, mittlerweile tun alle nur noch dass, was für ihre Gesundheit erforderlich ist, die meisten füllen ihre Zeit mit Filmen und Videospielen, sowie dem Kontakt zur Erde aus, nur noch wenige halten sich an das extra für die Reise entwickelte Anti-Langeweile-Programm, da dieses einfach zu langweilig geworden sei. Erstaunlich wenig Aufmerksamkeit, fand Anderson, bekam die Welt außerhalb des Schiffes, klar wurde in den ersten Wochen viel gestaunt und tausende Selfies zur Erde entsandt, doch in letzter Zeit hatten sich nur wenige ans Fenster gesetzt um Sterne oder ähnliches zu beobachten. Trotz der vielen Menschen war es ziemlich still. Es war so, als würde sich ein Teil der Stille von außerhalb der Raumstation nach innen übertragen. Kurz vor seinem Ziel schwebt ihm eine Frau entgegen, sie war wie eine dieser vielbeschäftigten Sekretärinnen, die man oft in Krankenhäusern zu sehen bekommt. „Herr Anderson, was kann ich für Sie tun.“ „Ich wollte mich nur zu dem neuen Planeten den wir ansteuern werden auf dem Laufenden halten“, antwortet dieser etwas lahm. „Ah wie jedes Mal wenn sie hier her kommen“, sagt sie aus einem breiten Lächeln hervor, bei dem der alte Mann sich veralbert vorkommt. „Und?“ Sie plappert los: „Nun, wir werden in Kürze einen Kurswechsel machen und dann voraussichtlich in fünf Tagen in ein vielversprechendes Sonnensystem eintreten. Dort finden wir dann zwei kleine, feine Monde bei einem der anzutreffenden Planeten vor und können dann hoffentlich landen.“ „Was?“, entsetzt starrt er sie an, die immer noch komisch lächelt an, „Warum landen wir nicht auf dem Planet den wir bis jetzt angesteuert haben, wir werden ihn bald erreichen?“ „Einige der Entscheidungsträger haben Bedenken wegen der Landung, da der ganze Globus von kantigem Geröll bedeckt ist.“ Daraufhin schlägt sich Arthur vor Unglauben so ruckartig auf die Stirn, das er fast einen Rückwertsalto im schwerelosen Raum vollführt, schnell greift er nach dem Ärmel der Frau und stößt sich weiter von ihr ab und zu der Tür hinter ihr. Er kann nicht glaube, wie wählerisch diese Leute sind, wie sie vor jedem zu lösenden Problem davon fliegen. Die Luke öffnet sich und Anderson gleitet in einen hellen Raum in dem eine Gruppe von Männern und Frauen sich um einen Tisch herumschwebend amüsieren. Der Mann am Kopf des Tisches grüßt ihn sobald er ihn sieht: „Arthur wie geht es uns an diesem schönen Tag? Oder Nacht? Wer weiß das hier schon so genau“, der Rest der Gruppe lacht, dem Anschein nach höchst amüsiert. Anderson lächelt der Höflichkeit halber und gleichzeitig ärgert er sich,
wie gewisse Leute es immer wieder fertigbrachten ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er fasst sich wieder und fragt den gutgelaunten Mann: „Warum?“
„Warum was?“, entgegnet der Mann ernster werdend, „es läuft doch alles Bestens“, die anderen nicken zustimmend. „Warum versucht ihr nicht zu landen oder eine Lösung ¬¬¬¬¬irgendwann vor euch auftauchen. Wir müssen uns mit dem was wir jetzt antreffen zufriedengeben.“ „Anderson ich bitte Sie, Sie verlangen doch nicht von mir auf dem erstbesten Geröllhaufen zu landen den irgendein Wissenschaftler als vielversprechend abgestempelt hat“, wieder zustimmendes Nicken. „Außerdem“, fügt er hinzu, „Wer wird uns denn nachkommen, wenn wir den Leuten erzählen, wir werden die neue Zivilisation in einer faden Steinlandschafft errichten?“, vereinzeltes Gelächter. „Was ist mit den Rohstoffen? Wir wissen genau, dass sich unter der Oberfläche uns bekannte Stoffe angereichert haben müssen. Wollt ihr nicht einmal nachsehen?“ Die Personen um den Tisch herum haben den Anschein als würden sie überlegen, doch schienen sie immer einer Meinung zu sein und als einer anfängt mit „Nein, eigentlich nicht“, wächst die Abneigung gegen den Vorschlag zunehmend. Panik steigt in dem alten Mann auf, er will sein Ziel erreichen, er will endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, er will nicht noch ein Jahr auf diesem Raumschiff voller zielloser Affen herumsitzen. Er fasst einen Beschluss. „Ich gehe selbst, ich habe das Recht eine der Flugkapseln auszuleihen und auf dem Planet zu landen.“ Er erntet teils ungläubige und teils belustigte Blicke, nach Argumenten suchend spricht er schnell: „Was habt ihr denn zu verlieren? Wenn etwas schiefläuft seid ihr einen euch nervenden Wissenschaftler los. Ich werde euch beweisen, dass dieser Planet vor uns durchaus geeignet für uns Menschen ist.“ Zu Andersons Unglauben willigen alle anwesenden mit gönnerhaftem Lächeln ein und wenig später sitzt er mit sechs weiteren Freiwilligen in einer der Kapseln, welche nun von der Anziehungskraft des Planeten erfasst werde. Die Landung verläuft reibungslos.
Am Boden angekommen ist die Freunde groß und alle beginnen mit der Suche nach Lebenszeichen. Doch irgendetwas stimmt nicht, beim Beladen der Kapsel mit Proben vom Gestein der Oberfläche fällt es dann auf: der Tank ist fast leer, viel zu wenig um zurück zu fliegen. Eine Stimme meldet sich aus dem Funkgerät: „Schon erste Erfolge, Herr Anderson?“ Der Gruppe wird klar was passieren wird, wenn sie nichts finden. Doch Anderson antwortet: „Nein, wir befinden uns nur auf einem Haufen Stein.“ „Wie ich`s mir dachte“, kam die Stimme zurück, „Die Firma wünscht noch einen angenehmen Aufenthalt“, ein Glucksen, die Verbindung bricht ab. Doch Arthur Anderson stört sich nicht daran, er schaut in seine Hand, er hatte etwas gefunden.

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