Die Sache mit dem Bündel Haare

von Kate on Line
Mitglied

Egg McFelse blickte entsetzt auf ein Bündel Haare, das auf dem Tisch vor ihm lag. "Irgend jemand läuft jetzt mit Glatze herum", folgerte er messerscharf. "Köppe, wo haben Sie die Haare gefunden?" "Unten am Pier. Sie lagen zwischen ein paar alten Holzkisten." entgegnete Köppe dem immer noch fassungslos dreinblickenden McFelse. "Haben Sie sonst noch irgendwas entdeckt? Etwas verdächtiges vielleicht?" fragte dieser. "Mmmh..." Köppe überlegte, "da war noch so eine alte Frau." "Alte Frau?" Jetzt wurde McFelse hellhörig. "Ja, so eine Alte, graue Haare, graue Strümpfe, graues Kleid." Köppe versuchte, sich genau zu erinnern. "Grau? Nicht bunt?" fragte McFelse hastig und machte dabei einen Satz auf Köppe zu. Dieser erschrak und antwortete verdutzt: "Äh… nein… äh… grau." Köppe verstand irgendwie den Zusammenhang nicht. Was hatte jetzt die Farbe der Kleidung mit der ganzen Sache zu tun? "Ja... da wird mir einiges klar!" verdächtelte McFelse vor sich hin. "Köppe! Bringen Sie mir die Alte!"
Am nächsten Tag stand eine grauhaarige, grau gekleidete alte Frau im Vorraum des Präsidiums. McFelse beobachtete sie durch das Rollo seines Bürofensters, von dem man den Vorraum gut überblicken konnte. "Sehen Sie Sich die Alte an, Köppe! Genau DAS sind die typischen Verbrecher. Sehen Sie? Unauffällig gekleidet. Da kommt niemand drauf, was die so alles auf dem Kerbholz hat." Köppe blickte seinen Chef verwirrt an. Er war es ja gewöhnt, dass McFelse etwas andere Methoden hatte, aber eine alte Frau zu verdächtigen, nur aufgrund ihrer Kleidung? Nein, Köppe konnte die Situation diesmal nicht im Geringsten verstehen. Da hatte er die Geschichte mit dem geklauten Mathematikheft dieses pubertierenden Gymnasiasten letztes Jahr noch eher verstanden. McFelse hatte damals zwar den Bürgermeister Branahl verdächtigt, nur weil dieser zufällig am besagten Tag eine Podiumsdiskussion in der Aula der Schule vorbereitet hatte, die er am Abend dann vorlesen wollte. Wozu er jedoch nicht mehr kam, da McFelse ihn zwischenzeitlich hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Später stellte sich dann heraus, dass eine Putzfrau das Mathematikheft aus Versehen mit in die Mülltonne geworfen hatte. Ja, das hatte Köppe damals ja noch verstanden. Es hätte ja durchaus sein können, grade weil Bürgermeister Branahl für seine Eskapaden berüchtigt war. Aber diesmal? Diese alte Frau? Köppe verstand die Welt nicht mehr. "Köppe! Träumen Sie etwa?“ Jäh wurde Köppe aus seinen Gedanken gerissen. „Jetzt gucken Sie Sich die Alte an! Wie unschuldig sie tut. Dabei ahnt sie längst, dass wir bereits bescheid wissen." zischte McFelse, während er wild mit dem Zeigefinger in der Luft herumwirbelte und dabei noch immer durch sein Rollo blicke. Währenddessen stand die alte Frau nun verwirrt am Anmeldeschalter im Vorraum des Präsidiums und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum sie herbestellt worden war. "Nun gut, Köppe, holen Sie sie jetzt rein!" sagte McFelse und rieb sich dabei siegessicher die Hände. Köppe ging hinaus und begrüßte die alte Frau. Anschließend führte er sie in McFelses Büro. "Köppe! Lassen Sie uns allein!" fauchte McFelse. Köppe wusste genau, was jetzt folgen würde: Das typische McFelse Verhör. McFelse würde es in so einem Verhör sogar zustande bringen, dass der Papst höchst persönlich sich als Täter bekennen würde, egal, um was für eine Tat es sich grade handeln würde. Köppe verlies das Präsidium, da er die verzweifelten Hilfeschreie der alten Frau nicht mehr ertragen konnte.
Köppe war nun bereits eine Stunde unten am Pier entlanggelaufen, als ihm ein seltsam geschminkter, junger Mann in Frauenkleidern entgegenkam. "Guten Tag, mein Herr", begrüßte er Köppe, zwar freundlich, aber doch in einer hektischen, leicht verstörenden Art und Weise. "Haben Sie vielleicht zufällig ein Bündel Haare hier irgendwo liegen sehen?" "Ein Bündel Haare?" Köppe starrte den Fremden verdutzt an. "Ja, so ein Bündel. Braun. Nun ja, Sie wissen schon, was ich meine; so eine Art Perücke. Ich verlor sie vorgestern Nacht als ich betrunken in den Hafen fiel. Und nun fängt meine Show in einer halben Stunde an und ich kann sie nirgendwo finden." erwiderte der Fremde und blickte dabei suchend umher. Köppe verstand sofort. Dieses Bündel war also eine Perücke, die einem Transvestiten gehörte! Das hätte er sich ja auch gleich denken können! "Schnell, wir müssen zum Präsidium, vielleicht kommen wir noch rechtzeitig!" Köppe ahnte das Schlimmste.
Eine viertel Stunde später stürzten Köppe und der Transvestit ins Präsidium herein. McFelse wartete bereits. "Ha! Sie hat gestanden! Sehen Sie, ich habe es gewusst." McFelse deutete auf die alte Frau, die, mit blauen Flecken übersäht, auf dem Boden seines Büros lag und grade von zwei Sanitätern behandelt wurde. "Aber Chef..." warf Köppe ein. "Ach was, Chef! Ich habe meine Schuldige! So!" "Aber, Chef, Sie irren sich. Ich..." versuchte Köppe aufzuklären. "Ach pappalapapp... ich gehe jetzt Mittagessen. Köppe! Sorgen Sie dafür, dass die Alte in den Knast kommt!" Köppe stand fassungslos da und blickte auf die Sanitäter, die der alten Frau verzweifelt eine Herzmassage verpassten.

Februar 2002

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise