Thesaurus, mein, lass mich nicht allein!

von Kate on Line
Mitglied

Es war Montagmorgen. Da saß ich nun. Ein angehender Schriftsteller. Zerschlissene Kleidung, ungekämmtes Haar. Auf einem wackeligen Stuhl in meiner Wohnküche. Vor mir der neue Computer, den ich mir einen Monat zuvor von meinem letzten, zusammengerafften Geld gekauft hatte. Es war mein allererster Computer und ich hatte die Erwartung, dass mir dieser die Arbeit enorm erleichtern würde. Mein Vater hatte mich gewarnt. Sagte, Schriftsteller sterben jung und verarmt. Sollte er recht behalten? Bisher wurde nichts, aber auch gar nichts was ich geschrieben hatte, veröffentlicht. Nicht einmal mein Leserbrief an die örtliche Tageszeitung wurde abgedruckt.
Als ich da vor meinem Computer saß und mit dem Textverarbeitungsprogramm kämpfte, fiel mein Blick auf etwas, was sich Thesaurus nannte. Neugierig sah ich mir dieses, nach einer Mischung aus Dinosaurier und Drachen klingende Etwas an. Es schien eine Art Hilfe zu sein, um Synonyme zu finden. „Hmmm,“ dachte ich mir, „ob das die Lösung ist?“ Vielleicht waren meine bisher geschriebenen Texte zu seicht. Zu unausgeschmückt. Zu banal. Ich tippte ein erstes Wort in den Thesaurus: Zeit. Der Thesaurus spuckte mir unvermittelt eine lange Liste von Worten aus. „Ja! Das ist die Lösung!“ fuhr es durch meinen Kopf. Hastig begann ich damit, meinen letzten Entwurf für eine Geschichte durch den Thesaurus zu jagen:

Der Kampf um den Elch

Es war zur Muße der hünenhaften Depressionen als Hallmark, Recke der Bellonen, durch die wellige Wüstenei der Zebriden zog. Sein Knörrziegenmantel war geschafft und seine Kaffernbüffellederschuhe von seinem chronischen Rutscher gezeichnet.
Das Tagesgestirn stand gen Morgenzeit und am Kimm begann es zu schummern, als über Nacht jemand vor ihm stand.
"Wohin des Weges, unfertige Mannsperson?" schwatzte der Fremdling."Ich bin unterwegs Richtung Mitternacht. Ich habe läuten hören, man fischte ebendort einen Elch auf." gab Hallmark Auskunft. Der Fremde peilte ihn konsterniert an: "Ein Elch? Davon habe ich nicht mehr vernommen, seit ich ein Range war." Er tastete sich in ein Gespräch vor."Es tut mir leid, angejahrter Er. Ich habe noch einen infiniten Rausch vor mir." konterte Hallmark verschmähend und zog weiter seines Weges.
Drei Tage waren bereits entschwunden, seit Hallmark den umnachteten Alten vorgefunden hatte und immer noch war das Ziel nicht erklommen. Hallmark befand sich bereits im beschatteten Tann Taras und es würde nun nicht mehr lange währen, bis er an Taranus, den Breiten, in der der Elch aufgegabelt worden sein sollte, herankommen würde. Hallmark strolchte durch den Forst mit dem Kompass in der Pratze, stetig voranschreitend gen Taranus. Graduell blondierte sich der Hain bis er sich schließlich auf einer Schwende befand. Verdattert blieb er stehen, denn was er dort sah überflügelte seine grässlichsten Schreckgespenster…

An dieser Stelle hielt ich inne und starrte auf meinen Bildschirm. Der Kaffee neben mir auf dem Tisch war inzwischen kalt geworden. Minutenlang saß ich da und starrte kopfschüttelnd auf meine geschriebenen Zeilen. Schließlich stand ich auf, nahm die Tasse mit dem kalten Kaffee und schleuderte sie mit voller Wucht in den Monitor meines Computers.

Es war Dienstagmorgen. Ich saß auf einer Bank im Park mit einem Bleistift in der Hand und einem Schreibheft auf dem Schoß. An mir vorbei ging ein junger Mann, der auf einem Rollwagen einen Karton vor sich herschob, in dem ein neu gekaufter Computer zu sein schien. Ich sah ihm hinterher und lachte schäbig. „Ja, du wirst auch bald hier sitzen! Ich halte dir einen Platz frei!“

1997 / April 2019

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

13. Apr 2019

Wie hast du dem Thesaurus sauer doppelfoppelt Unrecht getan! Köstlich!
LG U.