Vom Pferd, das auszog, sich einen Namen zu suchen

von Kate on Line
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„Das sind aber düstere Wolken dort oben am Himmel.“ dachte das Pferd. „Vielleicht hätte ich nicht gerade im November von zu Hause weglaufen sollen. Zu Hause…“ Das Pferd senkte seinen Blick und betrachtete die kleinen Kringel, die in den Pfützen auf dem lehmigen Feldweg entstanden, jedes Mal, wenn ein Regentropfen hineinfiel. Es begann gerade wieder einmal zu regnen und das Pferd schaute sich vergeblich nach einem Platz zum Unterstellen um. Der Wind schaukelte die nassen Gräser am Wegesrand hin und her und die kahlen Stoppelfelder waren vom vielen Regen grau gefärbt. Die meisten Blätter waren bereits von den Bäumen herabgefallen und so säumte ein kahles Geäst den kleinen Feldweg. Fünf Tage war das Pferd nun schon unterwegs. Fünf Tage hatte es keinen warmen Stall mehr gesehen. Fünf Tage hatte es nichts zu essen bekommen als verdorrtes, vom Regen aufgeweichtes Gras.
Gegen Abend kam das Pferd an einen Stadtrand. Inzwischen schneite es ein wenig. Der Schnee war jedoch unangenehm feucht und kaum hatte er den Boden berührt, schmolz er sofort und bildete eine dünne matschige Schicht auf dem Asphalt, die langsam schmolz und immer größere Pfützen bildete. Das Pferd ging zwischen hell erleuchteten Fenstern umher, blickte mal hier hinein, mal dort hinein. Im Inneren der Häuser schien all das Glück dieser Welt verborgen zu sein. So wohlig warm, so geborgen. Der Duft von frischen Haferkeksen drang aus einem halb offenstehenden Fenster und überall waren die Fenster mit hellen Lichtern geschmückt. Die Menschen, die hier lebten, bereiteten sich auf die bevorstehende Adventszeit vor. „Weihnachten…“ dachte das Pferd. „Bald ist Weihnachten und ich werde hier draußen ganz allein sein.“ Es scharrte traurig in der Erde eines verwelkten Blumenbeetes.
Gerade wollte es weiter gehen, als es ein Kichern vernahm. Es drehte sich um, aber da war nichts. Nur die Dunkelheit der heraufziehenden Nacht und das fade Licht der Laternen. Doch kaum war es ein paar Schritte gegangen, hörte es aufs Neue dieses Kichern. Das Pferd drehte sich um und starrte die Strasse hinunter. „Hallo?“ fragte es in die Nacht hinein. „Hallo? Ist da jemand? Wer kichert denn da?“ „Ich.“ hörte es eine zarte Stimme sagen. „Wo bist du denn?“ fragte das Pferd, denn es konnte noch immer niemanden entdecken. „Hier!“ hörte es die Stimme plötzlich genau neben seinem Ohr erklingen. Das Pferd drehte sich rasch um und blickte in die tiefblauen Augen eines kleinen, blonden Mädchens mit langen Zöpfen und frechem Grinsen. „Was tust du hier?“ fragte das kleine Mädchen. „Ich? Äh… ich bin hier nur auf der Durchreise. Ich…“ das Pferd hielt inne, denn das kleine Mädchen begann, an seiner Mähne zu ziehen. „Aua! Lass das, das tut doch weh!“ „Bist du wirklich echt?“ wollte das freche kleine Ding jetzt wissen. „Ja natürlich bin ich echt! Was dachtest du denn.“ Erwiderte das Pferd entrüstet. „Ich habe noch nie ein echtes Pferd gesehen. Hier gibt es keine Pferde. Nur ein Paar Kühe stehen manchmal auf einer Weide unten am Fluss. Bist du dir sicher, dass du ein Pferd bist?“ Das Pferd starrte das Mädchen verdutzt an. Ob es sich sicher sei, ein Pferd zu sein? Was war denn das für eine Frage? „Und du? Was bist du?“ fragte es nach einer Weile keck und schaute das Mädchen herausfordernd an. „Ich bin Emma.“
Emma hatte das Pferd in einen kleinen Hinterhof geführt und versuchte, mit aller Kraft ein altes, rostiges Garagentor zu öffnen. Es knarrte laut und schließlich sprang es mit einem tosenden Scheppern auf. „Komm rein, hier ist es trocken.“ bat Emma und das Pferd folgte ihr in die Garage. „Hast du Hunger?“ fragte Emma nach einer Weile. Das Pferd nickte. „Ich werde dir etwas zu essen besorgen. Bleib du hier und warte.“ Emma verschwand vor sich hin pfeifend im dunklen Hof. Nach einer Weile kam sie zurück und trug ein Tablett auf den Händen, auf dem ein großer Teller stand. Sie setzte das Tablett auf einer alten Holzkiste ab und da vernahm das Pferd einen vertrauten Geruch. Es roch nach Haferkeksen. Hastig aß es die Kekse und schon bald fühlte es sich wohl hier in der trockenen Garage. Emma schaute dem Pferd interessiert zu. „Pferde essen ja lustig.“ prustete sie plötzlich los und ihr helles Lachen hallte von den Wänden der umliegenden Häuser wider. „Wieso esse ich denn lustig? Wie isst du denn?“ Das Pferd war etwas gekränkt, konnte Emma aber dennoch nicht böse sein, denn schließlich hatte sie ja nie zuvor ein Pferd gesehen. Woher also sollte sie wissen, wie Pferde essen. „Ich esse mit meinen Händen. Siehst du.“ Emma nahm einen Keks vom Teller, hielt ihn zwischen ihrem Zeigefinger und ihrem Daumen und führte ihn langsam zum Mund. „Guck, so esse ich.“ Sie biss hinein. Ein paar Kekskrümel kullerten über Emmas Kinn und blieben auf ihren Schal liegen. Das Pferd lachte laut auf: „Du bist ja auch nicht so ein vornehmer Esser!“ Jetzt lachte auch Emma.
Am nächsten Tag saß das Pferd in der Garage und blickte in den Himmel, der immer noch grau war. Emma hatte versprochen, vorbei zu kommen, doch sie kam nicht. Das Pferd überlegte, wie lange es warten solle, doch als sich schließlich die Dämmerung breit machte, stand es auf und wollte sich gerade auf den Weg machen, als Emma fröhlich pfeifend zum Tor hereinkam. „Hallo Pferd.“ jubelte sie dem Pferd entgegen. Das Pferd freute sich, seine neue Freundin endlich wieder zu sehen und hüpfte vergnügt auf seinen Hufen. „Sag mal, ich habe dich das gestern gar nicht gefragt, aber hast du auch einen Namen?“ wollte Emma wissen. Das Pferd blickte traurig auf den Betonfußboden der Garage. „Nein, habe ich nicht.“ sagte es leise. „Aber ich hätte gerne einen Namen. Darum bin ich ja auch von zu Hause fortgelaufen.“ „Du bist von zu Hause fortgelaufen, weil du keinen Namen hast?“ Emma blickte etwas ungläubig drein. „Wie kann man denn keinen Namen haben? Wie hat dich denn deine Mutter immer genannt?“ „Sohn.“ sagte das Pferd etwas verlegen. „Und deine Geschwister? Wie haben die dich genannt?“ „Ich habe keine Geschwister.“ erwiderte das Pferd mit hängendem Kopf und trauriger Mine. „Das ist

November 2009

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