Die Lebensgeschichte der Alma Ruth (Teil 2 )

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Vertieft in Erinnerungen an Freiberg und ihre Ehe mit Lothar, stand Alma vor dem Spiegel und bürstete sich ihr dunkelbraunes, kräftiges Haar. Das große Fenster zur Gartenseite war noch ganz vom Frost mit Eisblumen bedeckt und nahm ihr die Sicht auf die schneeverhüllten Tannen. Die Tür des Nachbarzimmers öffnete sich und Charlotte, ihre Mutter, trat ein. Auf dem Arm trug sie, mit einer Decke umwickelt, den kleinen Marcel. Almas blaue Augen strahlten ihn an und der Kleine winkte kräftig mit seinen Ärmchen vor lauter Vorfreude auf seine Mutter. Charlotte verließ das Zimmer um Holz und Briketts aus dem Schuppen zu holen. Alma sah nachdenklich auf den kleinen Marcel. Eineinhalb Jahre, mein Schatz, und Papa ist nicht mehr bei uns, dachte sie bei sich. Mit der linken Hand kreiste Alma ganz sacht auf ihren Bauch, ein neues Leben wuchs heran, sie war im vierten Monat schwanger. Antoni hatte sie verlassen. Sein Herz war zu schwach. Er hatte keine Kraft mehr. So sehr er sich bemühte sein Leben hinauszuzögern; im Militärhospital der britischen Armee schloss er für immer seine Augen.Heute, am 24.Dezember wird ihr geliebter Mann zu Grabe getragen. Bereits seit zwei Tagen mühten sich die Friedhofsgräber, um dem frostigen Boden das Grab abzutrotzen. Mit Pinkeln und heißem Wasser bearbeiteten sie den widerspenstigen Erdboden. Die Beerdigung war für 11.00 Uhr angesetzt und das war gut so, denn jeder wollte sich in Ruhe im Kreis seiner Familie auf Heiligabend vorbereiten. Kurz vor 10.00 Uhr erschienen 2 Militärjeeps vor Almas Haus. Es war so vereinbart, dass man sie abholen und begleiten wollte. Antoni war Pole und geriet in deutsche Gefangenschaft. Ebenso sein Bruder Stanislaw. Sein großer Bruder Siegesmund hatte Glück. Er versteckte sich damals in einer großen Tonne voll Schmutzwasser. Wenn die Spürhunde anschlugen, tauchte er unter. Die Tonne war seine Rettung, da die Hunde seine Witterung nicht aufnehmen konnten.
Kurz vor Kriegsende wurde das Gefangenenlager aufgelöst. Briten und Kanadier hatten alle Insassen befreit. Die Engländer nahmen damals alle Personalien auf. Antoni war Berufssoldat und somit ergab sich die Chance, dass er vorläufig im Rang eines Sergeanten in der britischen Armee Arbeit bekam. Erst später erfuhr man, dass Antonis Familie aus einem polnischen Adelsgeschlecht stammte (Szlachta). Allerdings
war das eher dem Bauernadel zuzuordnen. Die familiären Bande sollten aber bis in die oberen Schichten reichen.
Charlotte. Almas Mutter umarmte ihr Tochter und küsste sie auf die Stirn. „Mein armes Kind“, sagte sie nur und unterdrückte ihre Tränen. Almas Gesichtszüge waren ganz fest. Einer der jungen Offiziere begleitete
sie zum Jeep. Alle anderen Insassen nickten ihr still zu und schwiegen. Dann setzten sich die Fahrzeuge Richtung Friedhof in Bewegung. Der Friedhof lag außerhalb der Ortschaft. Das große schmiedeeiserne Tor stand zur Hälfte geöffnet. Dann ging man einen kleinen Hügel hinauf; und über Treppen erreichte die kleine Trauergemeinde die Kapelle. Der Sarg war verschlossen. Links und rechts des Sarges brannten zwei übergroße Kerzen aus Paraffin. Ihre Flammen flackerten unruhig hin und her. Ein schmuckloses kleines Tannenbäumchen erinnerte an den heutigen Heiligen Abend. Es kamen auch ein paar Freunde von Antoni. Sie alle kannten sich aus dem Lager. Viele blieben in der britischen Armee tätig. Nach Polen wollte aufgrund der politischen Situation keiner mehr zurückkehren. Besonders schmerzlich für alle war, dass sie ihre Familien über Jahrzehnte nicht sehen konnten oder durften. Die Soldaten trugen Antonis Sarg bis zum ausgehobenem Grab. Der ganze Friedhof lag unter einer dichten Schneedecke. Ein paar Engelsfiguren sowie Grabsteine beobachteten den kleinen Trauerzug. Alma trug einen wärmenden Fellmantel, dunkel eingefärbt, ihre Hände steckten schützend in einem Muff. Da stand sie nun, junge Witwe mit einem Kind unter ihrem Herzen und ihrem kleinen Marcel zu Hause.„Oh Gott! Wie soll ich meine Kinder am Leben erhalten? Ach Antoni“ – und sie schaute dem Sarg nach wie er in der Graböffnung versank, während die britischen Soldaten antraten um Antoni die letzte Ehre zu erweisen.

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