Regentag

von Sascha Grosser
Mitglied

Mit einem zarten Prasseln,
gleich einer wohlklingenden Melodie,
gespielt von einem riesigen Orchester,
wecken mich tausend feine Regentropfen,
wenn sie in taktvoll rhythmischem Klang
schallend auf die Fensterbank nieder fallen.

Ich gähne, recke und strecke mich,
müde von einer unruhigen Nacht,
noch nicht so richtig bereit
für einen neuen, strammen Tag.
Könnt' noch weiter schlafen
und in warmen Laken mich erholen.

Doch unerbittlich scheint es mir,
wie der Dirigent des Tropfenspieles
ohne Unterlass und stetig weiter,
Takt für Takt und Ton für Ton
die Philharmonie des Morgens
zum Musizieren eines Weckrufes treibt.

Na gut. Ich gebe mich der Melodie hin,
auch wenn ich diese Regentage
aus tiefstem Herzen zu hassen glaube;
lausche aufmerksam jedem Tropfen,
der einzeln, und voller Mühe,
selbstlos gar, dem großen Ganzen dient.

Herz und Seele gehen auf Empfang
und es wird still in meinen Gedanken.
Nur noch das Konzert der Regentropfen.
Hier und da ein ruhiger Atemzug,
aber auch das scheint beinahe unwichtig
und banale Nebensache zu sein.

Und mein sonst so rasanter Puls bremst,
wird stetig langsamer und langsamer,
legt alle Hast ab und reiht sich ein,
in den Takt der musizierenden Schar.
Eine tiefe, warmweiche Ruhe erfüllt mich,
fast meditativ und voller Geborgenheit.

Es fühlt sich groß und mächtig an,
ganz so, als würde ich neue Kraft tanken,
die müden alten Akkus laden
und irgendwie ganz neu werden.
Und ich begrüße glücklich den Tag,
mutig, motiviert und voller Erwartungen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen,
und Freimut im Herzen,
stimme ich ein, in die Melodie des Regens,
summe und pfeife, klatsche und tanze;
und sehe es gar nicht mehr,
das Grau in Grau dieses Regentages.

Kurzzeitig scheint es mir,
als würde der in Sonaten fallende Regen
seine düster dunkle Klangfarbe
in eine freundlich bunte ändern,
ganz so, als wolle er mir gratulieren und
mit Applaus mich in den Tag begleiten.

Auf, auf...! Schnell ein Frühstück,
mit Kaffee und Gebäck mich stärken
für einen arbeitsreichen, langen Tag;
und auch in der Küche,
an Fenstern und Terrassentür
diese wundervolle Regenmelodie.

Im Auto dann, der Stress der Straße,
auf dem todesmutigen Weg ins Büro,
umrahmt vom Hupen und Drängeln,
Motzen und Meckern der anderen Fahrer.
Aber ich, ich bleibe ruhig und besonnen,
lasse mich nicht hetzen und jagen.

Ich schaue auf die Windschutzscheibe,
sehe dabei den zierlichen Tröpfchen zu,
wie sie mit einem leisen „Plopppp“
den leichten Rhythmus spielen;
und die dicken Tropfen auf dem Dach
den jazzigen Bass dazu.

Und ich habe heute morgen gelernt
der frohen Melodie zu vertrauen,
die es vermag, all die stumpfe Wut
und den hässlichen Zorn in mir
ganz frei, unverkrampft und leicht
ins nicht fühlbare Abseits zu vertreiben.

So komme ich dann ganz entspannt
ohne Groll und gut gelaunt
auf der fordernden Arbeit an,
quäle mich gedankenlos und träge
durch meterhohe Aktenberge,
ergebe mich dem beruflichen Alltag.

Ständig gnadenlos ausgeliefert,
den rüden Befehlen der Vorgesetzten,
dem Wollen und den Wünschen
und dem Streiten der Kollegen;
ganz so, wie ein gepeinigter Sklave
auf einer dieser römischen Galeeren.

Aber ich ertrage es mit Leichtigkeit,
denn die vielen, unermüdlichen,
an den Fenstern herunter rinnenden,
mir zu Freunden gewordenen Tropfen
spülen all diesen gedanklichen Ballast
und knechtenden Stress hinfort.

Ihre fantastisch wohltuende Melodie
übertönt all den negativen Krach,
das Winseln und Kreischen,
Hetzen und Jammern.
Ihr Klangteppich ist angenehm und schön,
großartig, weich und flauschig.

Der Arbeitstag verabschiedet sich,
ganz kleinlaut, schnell und leise,
unbemerkt und leichtfüßig,
ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen,
oder wirklich ganz tief und fest
mich beeindruckt zu haben.

Und ich, ich steuere dann
ganz unbeschwert und leicht
dem Feierabend flink entgegen,
mach es gemütlich auf dem Sofa mir,
bei einem guten Glas Wein,
bei Brot, Musik und Kerzenschein.

Bin ganz bei mir.
In Achtsamkeit und Entschleunigung.
Genieße das Alleinsein,
Schaue mir alte Fotografien an,
verliere mich in Kindheitserinnerungen,
staune, lache, weine.

Und im Hintergrund, da lausche ich,
ganz andächtig und froh,
wieder den Klängen des Regens zu.
Wie er immer noch und voller Liebe
ganz väterlich, fürsorglich
seine tröstende Melodie des Mutes spielt.

Ich nicke dankbar in Richtung Fenster,
wo diffuses Licht in Grauen Schleiern
meine Seele zu streicheln versucht,
verneige mich demütig, erhebe mein Glas,
und mit einem Lächeln proste ich ihm zu,
meinem neuen Freund, dem Regentag.

Und mit einer letzten, brausenden Melodie
verabschiedet er sich von mir,
spielt alle Töne auf, die er hat
und lässt seine Tropfen ein letztes Mal
in leidenschaftlichem Spiel
zu grandiosen Musikanten werden.

Wie ein hörbar opulentes Intro
oder ein lesbar schöner Prolog,
gleich so eröffnet er mir damit die Nacht
und bettet mich ganz weich und warm
in eine traumhaft schöne Serenade
aus Ruhe und Geborgenheit.

Am nächsten Morgen
ist es wieder sonnig und hell,
nicht nur draußen,
nein auch in meinem Gemüt.
Ich fühle mich gut
und ich gehe gestärkt in den Tag.

In meinen Gedanken
blicke ich mich noch einmal um
und sage Danke! Danke Regentag!
Und ich erinnere mich gerne an die Szenen
von starken Schauern, böigen Winden,
üppigen Wolken und zerrenden Schirmen.

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Und die Moral von der Geschicht':
An dunklen Regentagen verzweifle nicht,
denn es werden wieder diese Hellen sein,
die laden dich zum Leben ein!

Sascha Grosser: Cover zum Buch "Regentag"
Veröffentlicht / Quelle: 
Buch "Regentag", ISBN 9783748541615

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Interne Verweise

Kommentare

13. Jun 2019

Jawohl!
Aus dieser Perspektive lässt es stressfrei leben.
Warum leiden, wenn man die Dinge ändern kann?
Warum leiden, wenn man die Dinge nicht ändern kann?
...waren meine Gedanken, zu Deinem wunderbaren Gedicht, lieber Sascha. :)

Liebe Grüße
Ella