Courage

von Angélique Duvier
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Die Herbstsonne kitzelte mich sanft wach. Mit frischer Energie hüpfte ich rasch aus dem Bett, öffnete mein Schlafzimmerfenster ganz weit und warf einen Blick auf die gegenüberliegende Häuserreihe und beobachtete kurz die Tauben bei ihren gegenseitigen Reibereien. Kalt ist es heute, an diesem Sonntag im Oktober, trotz der Sonne, deren Kraft zu dieser Jahreszeit schon erheblich nachgelassen hatte.
Heute, wie an jedem Sonntag, war eine Doppelvorstellung im Theater angesetzt. So sehr ich es liebe auf der Bühne zu stehen, diese Doppelvorstellungen sind unglaublich anstrengend, hinzu kommt, dass den Schauspielern von den zwei Vorstellungen nur eineinhalb bezahlt werden.
Um 15:00 ging der Vorhang auf, wir spielten „Mutter Courage und ihre Kinder“, von Bertolt Brecht. Ich spielte die Rolle der stummen Kattrin. Kattrin, die aufgrund einer Vergewaltigung aufgehört hatte zu sprechen, gibt allerdings gutturale Laute von sich, sie „spricht“ also per Gestik, Mimik und mit diesen unverständlichen gutturalen Tönen.

Im sechsten Bild des Stückes kehrt Kattrin mit einer großen Wunde an der Stirn aus der Stadt zurück, nachdem sie überfallen und misshandelt wurde, sie hatte ihre Waren, die sie dort verkaufen sollte, verteidigt und sich nicht wegnehmen lassen. Sie wimmert und versucht ihrer Mutter zu erklären, was passiert ist.
Plötzlich vernahm ich, aus dem Zuschauerraum, eine Art Echo, ein Wimmern und Laute, ähnlich derer, die ich als Kattrin von mir gab. Erst war es nur eine einzelne Stimme, dann setzten immer mehr ein. Ich war irritiert und dachte, jemand macht sich über mich lustig, es war schrecklich, ich musste mich sehr zusammennehmen und war kurz davor die Vorstellung zu unterbrechen, spielte aber weiter, was sollte ich nur machen.
Das elfte Bild spielt im Jahre 1636 in der Stadt Halle. Mutter Courage ist in die Stadt gegangen um einzukaufen. Ein Fähnrich ist mit einigen Landknechten auf einen Bauernhof eingedrungen, auf diesem Hof steht der Planwagen der Courage, in dem sich Kattrin befindet.
Die Soldaten bedrohen die Bauern und zwingen sie, ihnen den Weg zur Stadt zu zeigen, deren Bewohner noch nichts von der drohenden Gefahr wissen, die von dem Angriff der Soldaten überrascht werden sollen.

Die stumme Kattrin belauschte die Gespräche der Soldaten und erfuhr dadurch von dem Plan der Soldaten, woraufhin sie sich eine Trommel nimmt und damit auf das Dach des Bauernhauses klettert, dann zieht sie die Leiter zu sich aufs Dach und beginnt die Trommel zu schlagen, dabei gibt sie ängstliche, schaurige Laute von sich, um die Menschen in der Stadt zu warnen. Aus dem Zuschauerraum ertönten plötzlich mindestens einhundert Stimmen mit gutturalen Lauten. Ich war beinahe am Verzweifeln, ich dachte: Was mache ich bloß?
Was sollte das nur, wer tut mir so etwas an? Es wurde immer lauter und lauter, immer mehr Stimmen setzten ein, ich wurde regelrecht nachgeahmt, inzwischen wohl von über zweihundert Zuschauern. Dann erklang ein lauter Knall, der Gewehrschuss eines Soldaten, von dem Kattrin getroffen wird und auf dem Dach zusammenbricht. Der Zuschauerraum tobte, es setzte ein ohrenbetäubendes Greinen, Wimmern und Heulen ein.
Der Vorhang schloss sich, ich stieg mit zittrigen Beinen vom Dach. Im letzten Bild liegt Kattrin vor dem Planwagen unter einer Deckte, ihre Mutter kniet vor ihr, schlägt die Decke zurück, so dass Kattrins Gesicht sichtbar wird und weint, wieder hörte man ebenfalls lautes Flennen und herzergreifendes Greinen.

Das Ganze war ein einziger Albtraum.
Als sich der Vorhang für den Applaus öffnete, bestand im Saal bereits unruhige Aufbruchstimmung, noch immer hörte man dazwischen gutturale Laute und einige Schluchzer.
Ich war am Ende meiner Kraft, meine Nerven drohten zu zerreißen. In einer Stunde sollte die nächste Vorstellung, beginnen, ich fragte mich, wie ich die nur durchstehen sollte. Die anderen Schauspieler waren ebenfalls irritiert, sie kamen zu mir, um mich zu trösten, denn es war eindeutig gewesen, dass dieser Tumult nur in meinen Szenen stattgefunden hatte und zwar jedes Mal in den besonders dramatischen. Ich ging zum Intendanten, um ihm mitzuteilen, was geschehen war. Er blieb ganz ruhig und sagte: Nur keine Aufregung, die gesamte Vorstellung war von den Alsterdorfer Anstalten gekauft worden, es waren behinderte Jugendliche. Ich war erleichtert, bat aber darum, uns doch bitte vorher darüber zu informieren, sollten wir noch einmal vor ihnen spielen.
Das wird sicher bei der einen Vorstellung bleiben, meinte er.
Er sollte sich irren, denn zwei Tage nach der Vorstellung kam ein Schreiben der Anstaltsleitung, die Behinderten hätten Bilder gezeichnet (für Kattrin) und sprachen kaum von etwas anderem. So gaben wir noch vier Sondervorstellungen für die Behinderten. Allerdings waren meine Kollegen und ich vorher darüber informiert worden.
Jetzt ging der Tumult bereits los, sobald ich die Bühne betrat und sie unterstützen mich aus Leibeskräften wenn ich (Kattrin) in Not war. Es war tief berührend, wie sie versuchten, mir/Kattrin zu helfen, wie sie mitlitten, sie betrachteten mich als eine der ihren.
Eines Tages bekam ich einen Brief von der Heimleitung, sie luden mich ein, einen gemeinsamen Tag mit meinen „neuen Fans“ zu verbringen. Wie könnte ich es ihnen abschlagen, ich sagte natürlich zu. Nun sah ich als Kattrin in schmutziger, zerrissener Kleidung und mit fettigen, strähnigen Haaren anders aus als privat, in Jeans und T-Shirt, welches ich trug, als ich sie in dem Heim besuchte, die Bewohner beäugten mich skeptisch und fremdelten. Hm, was mache ich jetzt, überlegte ich, sie scheinen mich nicht zu erkennen. Dann begann ich in meiner „Kattrin-Sprache“ mit den gutturalen Lauten und Gesten zu kommunizieren, auch holte ich die Flöte aus meiner Tasche, auf der die stumme Kattrin während er Fahrt auf dem Planwagen spielte und begann ihre Melodie zu intonieren. Endlich war das Eis gebrochen, sie hatten mich erkannt und es wurden sehr emotionale Stunden, die ich nie vergessen werde, ebenso wenig wie die Vorstellungen.

Copyright by © Angélique Duvier/2019

Judy Winter u. Angélique Duvier - Mutter Courage u. ihre Kinder - Ernst-Deutsch-Theater, Hamburg

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Kommentare

12. Sep 2019

Sehr gerne gelesen. Ich kann mich noch sehr gut an die "alte Giese" erinnern.
HG Olaf