Gedankenverloren

von Theresa Leseeule
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Die Regentropfen an der Fensterscheibe sahen mittlerweile aus wie ein einziger großer Tropfen. Es wurden immer mehr, sodass man nicht mehr spezifisch erkennen konnte, dass es eigentlich ganz viele waren.
Die Menschen draußen liefen hektisch von Überdachung zu Überdachung um möglichst wenig nass zu werden. Ich saß gemütlich auf meinem Lieblingsplatz - einer Fensterbank im 9 Stock, ausgestattet mit den gemütlichsten Kissen und der kuscheligsten Decke, die man sich vorstellen kann. Normalerweise las ich hier meine Bücher oder schaute mir einen Film an oder schrieb an meinen Geschichten, aber heute schaute ich seit über 2 Stunden den Menschen auf der Straße dabei zu, wie sie sich vor dem Regen retteten. Manchmal verlor ich mich komplett in meinen Gedanken. Das hatte ich mal für eine gute Eigenschaft gehalten, aber mittlerweile war ich soweit zu sagen, dass es keine war - zumindestens nicht dann, wenn man eigentlich seit langem nur eines wollte und zwar lieben und geliebt werden. Nicht, dass ihr da jetzt irgendwas falsch versteht. Ich bin in einer unglaublichen Großfamilie vollkommen behütet aufgewachsen und so voller Liebe, dass es auf diese Art und Weise für mein ganzes Leben ausreichen würde. Auch habe ich Freunde, die mit mir durch die Hölle gegangen sind, sei es weil einer von uns Unsinn gebaut hat, verletzt wurde und hierbei ist es egal auf welche Weise, denn es trifft einen manchmal mehr als man denkt, oder weil ein Mensch gestorben ist, der uns sehr nah stand, wir waren füreinander da. Wir hatten viel Spaß zusammen, haben viele Dingen zusammen das erste Mal gemacht und oft lachten wir solange, dass wir weinten und uns vor Bauchschmerzen krümmten.
Ich rede viel mehr von der Liebe, die zwischen zwei Menschen entsteht, reine Liebe von beiden Seiten. Reines Vertrauen beiderseits, Unsinn bauen und gemeinsam lachen, nicht beisammen sein und sich trotzdem sicher sein, dass alles gut ist, sich länger nicht sehen oder jede Minute des Tages und sich trotzdem freuen neben eben dieser Person auszuwachen.
All das sind Geschichten von anderen. Nicht die Meinen. Ich habe all das noch nicht erlebt. Ich habe mich verliebt, oder dachte dies zumindest, und das nicht nur einmal, aber es stellte sich jeden Mal nur heraus, dass ich froh sein kann solche Freunde zu haben, wie die, die ich habe, denn selbst wenn ich sie hintergehe, indem ich nicht auf sie höre, dass ich mich wieder einmal in den falschen verliebt habe und sie trotzdem wenn es kaputt geht, wenn ich kaputt gehe da sind um jede einzelne Scherbe einzelnd auf zu heben und zusammen zu fügen, bis ich wieder lächeln kann.
Jedes Mal wenn etwas war hieß es: "Du schon wieder mit deiner ewigen Nachdenkerei - all das muss doch mal ein Ende haben. Das alles macht einen anderen wahsinnig, niemand hält das mit dir aus."
Ich fühlte mich immer wieder wie eine Aussetzige, die anderes ist, als alle anderen und nicht dazu fähig mit einem Mann in einer Liebesbeziehung zusammen zu leben, weil etwas nicht mit mir stimmte.
Es musste ja ich sein, sonst hätte ich das Ganze nicht so oft gehört - andererseits war ich mittlerweile so stark zu sagen, dass es nicht meine Schuld war. Ich hatte genug dazu gelernt und konnte mit Stolz sagen: Wenn dir was an mir nicht passt, dann ist das dein eigenes Problem und nicht meins. Nur machte es das nicht immer einfacher, ich verlor einige Menschen, indem ich nicht mehr die Person war, die sie haben wollten und ich nahm das oft sehr dramatisch auf. Aber so war ich: sehr sensibel, immer am nachdenken, kritisch und am meisten mir selbst gegenüber, vertrauensselig und naiv, ich liebte es zu disskutieren, ängstlich und ich war verdammt stur wenn es darum ging auf meiner Meinung zu beharren.

Es ging also darum jemanden zu finden, den all das an mir nicht störte oder vielleicht sogar jemanden, dem es gefällt und zu schätzen weiß und mir sagen kann, dass es in Ordnung ist so zu sein, wenn ich mal wieder daran zweifel. Meine Eltern waren stets der Meinung, dass ich nur warten brauche und sich dann alles von alleine ergibt, doch langsam fragte ich mich, wie lange ich noch warten sollte. Ich wusste selbst, dass ich meine Ansprüche zu hoch schraubte und ich versuchte wirklich die ganze Sache anders und v.a. gelassener anzugehen, aber wie gesagt ich wurde langsam aber sicher ungeduldig. Wenn wir jetzt mal nur das rein Äußerliche von mir betrachten, dann weiß ich, dass ich nicht der Traum aller Männer bin, weil ich durch meinen Sport ein breites Kreuz habe und ein wenig mehr Bauch bekommen habe, seitdem ich mit diesem aufgehört habe und allzu groß bin ich auch nicht - an lange Beine erinnert bei mir auch absolut nichts. Um es plump zu sagen hatte ich dafür ziemliche große Brüste und ein gut ausgebautes Hinterteil, aber das, was ich an mir am meisten mochte war mein Gesicht - abgesehen von meiner Tropfennase, wie meine Mutter so schön zu sagen pflegte, war es eben. Meine Ohren waren weder zu klein, noch zu groß und standen keinen einzigen Zentimeter an falscher Stelle, mein Mund war ein wenig klein, aber dadurch wirkte er zierlich und meine Augen waren auf den ersten Blick braun, auf den zweiten grünlich und in der Sonne sahen sie ein wenig golden aus. Stolz (eigentlich konnte ich darauf nicht stolz sein, da ich dafür nichts konnte, es waren die Gene meiner Eltern, aber ich sagte es immer so) war ich auf meine Wimpern, die wirklich erstaunlich lang waren und auf die ich schon oft angesprochen wurde, ob diese echt wären. Also alles in allem war ich keine Barbie (was mit meinen langen braunen leicht gelockten Haaren auch absolut nicht möglich war), aber auch nicht absolut hässlich.
Deswegen führte ich es nicht immer auf mein Aussehen zurück, wobei ich aufhören musste mir immer nur die Männer anzusehen bzw. 'auszugucken', die eben genau auf den Typ Frau standen, den ich nicht bieten konnte. Irgendwie schaffte ich es nur meistens nicht und verfiel immer wieder diesem Typen: groß, athletisch, wenig Bart (höchstens so Drei-Tage-Bart), nicht viel älter (erschrockender Weise oft sogar jünger als ich), blaue/grüne Augen (hätte ich zumindestens gerne, aber meistens sind sie dann doch braun), kurze braune Haare, grade noch so lang, dass man mit den Fingerspitzen durchgleiten kann und mit einem ernsten Gesicht, dass ein Grinsen auf Lager hat, welches einen (oder vielmehr wahrscheinlich nur mich) umhauen konnte.
Wenn ich mir das Ganze grade bildlich vorstelle und so darüber nachdenke, dann ist es noch dümmer von mir zu denken, dass ein solcher Mann da draußen rumläuft, v.a. wenn er dazu natürlich auch nur klug sein muss, weil es verdammt wichtig ist, dass er an meinen Diskussionen teilnehmen kann und nicht nur abnickt und mich dumm anlächelt. Natürlich dann auch noch ab und zu ein wenig kindisch und für Dummheiten zu haben. Ohne, dass man das jetzt falsch versteht, denke ich, dass ich einen Mann brauche, der charakterlich ist, wie meine Brüder.
Ausgesprochen klingt es nun schon seltsam - in meinen Gedanken klang es ein wenig normaler. Ich hoffe einfach mal, dass es nicht zu seltsam klingt, denn es geht ja um den Charackter und der ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber durch die selbe Erziehung (bei meinen Brüdern und mir) bzw. einer ähnlichen dürfte sich dieser ähnlich formen lassen.
Meine Gedanken kreisten also darum, dass ich mir nicht sicher war, ob ich mich jemals verlieben würde (und zwar so richtig) und ob ich meine Ansprüche runterschrauben sollte, damit es eventuell in nächster Zeit geschiet oder ob es ok war, dass ich noch ein wenig länger singel war und mein Leben einfach lebte - unabhängig von einem Mann, an den ich mich gerne binden würde (aber natürlich nicht so sehr, dass meine Selbstständigkeit verloren geht - noch einen Anspruch mehr).

Ich beobachtete einen jungen Mann, der seinen tollpatschigen Welpen nach dem bestimmt 10 Versuch die Bordsteinkante von selbst hochzukommen nun hochhob, durchs Fell wuschelte und wieder auf den Boden absetzte. Grisend ging er weiter, während sein Welpe neben ihm hertapste. Erst jetzt viel mir auf, dass es aufgehört hatte zu regnen.
Ich stand auf und ging in die Küche und überlegte, was ich zu Essen machen sollte.

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