Briefe von der Front

von Kate on Line
Mitglied

Am 7.1.1942

Meine liebe Frau!

Will Dir heute noch einige Zeilen schreiben. Sehr viel wird es nicht werden, denn wenn ich jeden Tag oder alle zwei Tage schreibe, weiß ich mitunter schon nicht mehr, was ich Dir noch schreiben soll. Dass wir im Bunker liegen und ich jeden Tag hier eine Treibjagd in meinem Hemd veranstalte, habe ich Dir ja schon alles geschrieben. So geht bei uns hier das Leben Tag für Tag. Nachts wird Wache geschoben. Bis Mittag dann geschlafen, Kaffee getrunken und gewaschen mit Schnee natürlich. Wasser ist ja knapp, können wir nur aus Schnee machen. Dann wird sonst etwas gearbeitet, Holz gesägt, Briefe geschrieben und so weiter. Wer nun gerade an der Reihe ist, muss Essen holen um 4 Uhr, um 6 Uhr abends wird dann Mittag gegessen. Dann fängt unsere Wache wieder an. Und so geht das weiter. Wenn man was hat, wird in der Nacht noch gegessen, wenn nicht, gibt es trocken Brot. Der Russe schießt ab und zu mal, kann uns aber in unserem Bunker nichts machen. Ich halte den Krieg so wie er jetzt ist ganz gut aus. Es ist nur ziemlich langweilig und blöde. Man sitzt so im Bunker, wenn man nichts zu tun hat und döst, ist natürlich nicht das Richtige. Wir lesen schon, was wir kriegen können, für mich ist aber die Hauptsache, dass ich doch bald aus diesem komischen Paradies hier raus komme.
Bienchen wie ist es bei euch, auch sicher immer noch das selbe. Kann unser Junge schon laufen, dann musst du mal aufpassen, dass er dir nicht wegläuft. Ich bin wirklich gespannt, was er macht wenn ich mal wieder nach Hause komme. Was hat es eigentlich mit der Rückzahlung vom Ehestandsdarlehen auf dem Amt gegeben? Die Sache klappt doch hoffentlich. Wenn nicht, musst du nach dem Finanzamt hingehen und dort eben sagen, dass die Zahlung von der Familienunterstützung nicht gemacht werden könnte, Du kannst eben sonst mit dem Geld nicht mehr aus. Die Rückzahlung muss dann eben gestundet werden. Bienchen für heute wär dies wohl alles, was ich Dir geschrieben habe. Morgen wird mir hoffentlich wieder irgendetwas eingefallen sein. Nun noch etwas, was Du mir schicken kann, zwar ist das eine Zahnbürste und Zahnpaste. Ich habe meine im Tornister und kann nicht wieder dran kommen, weil das alles nicht bei uns vorne ist.

Für heute also recht viele Grüße und Küsse von Eurem Hans. Gruß an alle.

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Am 10.1.1942

Meine liebe kleine Frau!

Du sollst heute mal wieder ein Brieflein von mir haben. Wenn es auch nicht viel sein wird, so hoffe ich doch, dass es Dich freuen wird. Wie es bei uns aussieht, weißt du ja nun schon. Es liegt überall Schnee und nochmal Schnee. Kalt ist es heute gar nicht, dass heißt, was wir nun kalt nennen. Sind ungefähr 10 Grad Kälte, so was nennen wir hier also warm. Es scheint sogar die Sonne, hier ist also ein ganz wunderbarer Tag. Wäre sehr schön, jetzt spazieren zu gehen. Ist halt schade, dass ich in Russland bin, da hab ich natürlich keine Lust dazu und ohne Dich mein Bienchen schon mal gar nicht. Ich glaube auch, dass mir der Russe das ziemlich übel nehmen würde, wenn ich hier bei hellem Tage spazieren ginge. Bei Tage darf man sich bei ihnen gar nicht sehen lassen, sonst schießt das Biest. Wir machen es aber nicht viel besser. Eben schickte uns der Russe wieder seine Morgengrüße in Form von Granaten. Sowas kann uns natürlich nicht mehr aufregen, denn wir sitzen in unserem Bunker ganz gut. Hab sogar bis Mittag geschlafen. Bin um 1/2 12 erst aufgestanden. Anschließend mit Schnee gewaschen und dann gefrühstückt. Mein Frühstück bestand ja zum größten Teil aus Brot und Zwiebeln, dazu noch etwas Butter, die ich aus meiner Butterdose zusammengesucht hatte. Für mich ist aber die Hauptsache, ich bin satt geworden, wie und wovon ist ganz gleich. Mein Läusenachwuchs ist auch ganz gut, alles in bester Ordnung.
Was gibt es nun bei Euch zu Hause neues, wohl nicht sehr viel. Bienchen hast Du den Film im Apparat schon verknipst, schick mir dann bitte die Abzüge nach hier. Bienchen, weißt du denn noch alle meine Wünsche, die ich Die so nach und nach mitgeteilt hatte. Ich will sie nochmals aufzählen. Also Zahnbürste, Zahnpaste, Sturmabzeichen. Du wirst ja auch die Briefe noch haben, ich weiß im Augenblick nicht mehr. Vor allem Briefpapier nicht vergessen, Briefkarten, Feldpostkarten, wird schon alles sehr knapp bei mir. Nun Bienchen hab ich noch etwas, ich hab hier so allerhand Kameraden getroffen, die auf den Aufnahmen sind, die ich gemacht habe. Diese lassen mir nun keine Ruhe und wollen Bilder davon haben. Lasse deshalb von allen Bildern, die ich in Russland gemacht habe, Du kannst ja je 4 Stück nachmachen. Sieh also mal zu, ob Du Negative findest. So Bienchen, das wäre für heute alles. Was macht unser kleiner Junge, springt er denn schon rum oder kriecht er noch immer. Bin ja gespannt wie ein Flitzebogen, wenn ich nächstes Mal in Urlaub komme. Ruft er nun schon Mama und Papa?

Mein liebes Bienchen und mein kleiner Junge, seid also recht herzlich gegrüßt und geküsst von Eurem Hans.

Januar 1942
Briefe meines Großvaters an meine Großmutter

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