Paris, Frankreich, besetzt

von Kate on Line
Mitglied

Argenteuil, den 30.3.44

Liebe Bienchen und Hänschen!

Mit Freuden habe ich Euren Brief vom 19. März erhalten und sage Euch auch hiermit meinen herzlichen Dank. Ich liege bereits 6 Wochen hier in Paris, die Stadt an sich ist sehr schön. So viel und so allerlei gibt es hier zu sehen. Soldat bin ich wohl nicht. Ich bin in meiner blauen Dienstuniform wohl aber mit Waffen und Knüppel umgeschnallt. Aufgrund meiner dienstlichen Stellung bin ich einem Offizier gleich zu achten, denn wir sind ja der Wehrmacht zugeteilt. Die ersten Tage in Paris musste ich nochmals einen militärischen Lehrgang mitmachen in der Handhabung von Waffen und überhaupt militärisches Benehmen auffrischen. Jetzt aber mache ich nur wieder Eisenbahndienst und zwar Bürodienst. Man hat somit jeden Tag seine Beschäftigung. Ich erhalte hier täglich 7,80 RM, an bestimmten Tagen auch 19,00 RM pro Tag für die Unterhaltung, also Essen und Quartier für meine Person. Mutter bekommt zu Hause mein ganzes Gehalt von der Heimat, damit kann sie recht gut leben. Dass heißt, wenn man nur kaufen könnte wie man wolle. Hier in Paris gibt es zu kaufen, was man nur haben will, aber so teuer, dass einem hören und sehen vergeht. Zur Verpflegung bekomme ich Lebensmittelkarten, die aber nur hier im besetzten Frankreich Gültigkeit haben. So bekomme ich täglich 500 Gramm Brot, 90 Gramm Fleisch, 30 Gramm Butter, 15 Gramm Käse, 200 Gramm Kartoffeln, 10 Gramm Kaffee mit Bohnen gemischt, 25 Gramm Teigwaren, 4 Zigaretten, Marmelade und sonstige Kleinigkeiten. Dies alles ist von den zustehenden Tagesgeldern zu kaufen. Für mein Zimmer in einem Hotel bezahle ich an den Tagen, wo ich 7,80 RM erhalte 1,95 RM pro Tag und an den Tagen, wo ich 19,00 RM erhalte, muss ich dann 4,75 RM pro Tag zahlen. Die Lebensmittel selbst sind sehr billig, so zahle ich für 3 Pfund Brot 35 Pfennig, 1/2 Pfund Butter 97 Pfennig, Zucker Pfund 40 Pfennig, Zigaretten 2 1/2 Pfennig u.s.w. Aber diese Sachen wo man keine Marken hat sind unheimlich teuer. So bezahle ich für ein Stückchen Toilettenseife 4-6 RM. Diese Sachen sind auch hier nur im Schwarzhandel zu haben. Was meine Verpflegung bis jetzt anbetrifft ist sie besser wie zu Hause. Ich esse in Paris in einem Soldatenheim auf meine Lebensmittelkarten. Da gibt es so viele gute Sachen. Auf 100 Gramm Brotmarken bekommt man einen anständigen Teller mit Kuchen. Also es fehlt mir an nur Wenigem. Trotz alledem wäre man doch lieber zu Hause. Und Hänschen will jetzt auch schon ein großer sein. Er wird es wohl noch werden und zwar so groß wie Hermann, aber ohne Brille.

Meine besten Grüße auch an alle anderen.

Vater

März 1944
Brief vom Schwiegervater an meine Großmutter.

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